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Erfahrungsbericht: Medizin mit Herz und Hand

Dr. Jörg Reißenweber vom Zentrum für Elektropathologie und Umweltmedizin und dem Studiendekanat der UW/H nahm sich eine Woche Urlaub, um die Sommerakademie hautnah mitzuerleben

von Jörg Reißenweber

Am 6. August 2010 endete die erste "Sommerakademie für integrative Medizin" am Campus der Universität Witten/Herdecke. Zu dieser einwöchigen Tagung unter der Schirmherrschaft von Herrn Prof. Dr. med. Hahn kamen 160 Teilnehmer aus dem gesamten deutschsprachigen Raum. 40 Dozenten hatten Workshops und Diskussionsveranstaltungen rund um die integrative Medizin gestaltet, die ja auf die Begegnung und den Austausch zwischen konventionellen und komplementären Therapierichtungen zielt. In der Vorgeschichte hatte sich eine Gruppe von Medizinstudenten im Herbst 2009 die Frage gestellt, wie man einen Begegnungsraum schaffen könnte, um an einer „neuen Medizin“ zu arbeiten.

Integrativ bedeutete für die Veranstalter, dass man sich aus verschiedenen Hintergründen heraus an gemeinsamen Zielen für die medizinische Praxis orientiert. So entsteht eine „Zielgemeinschaft“, in der sich Menschen mit verschiedenen Ansätzen - damit aber auch verschiedenen Fähigkeiten - begegnen. Organisiert wurde die Veranstaltung entsprechend von einem studentischen Team in Partnerschaft mit dem "Integrierten Begleitstudium Anthroposophische Medizin (IBAM)". Teilnehmer waren vorwiegend Medizinstudierende und junge Ärzte in der Orientierungsphase vor Antritt ihrer ersten Stelle, aber unter anderem auch Psychologiestudenten, Heilpraktikerschüler und Abiturienten in der Phase der Studienwahl. Neugierig geworden beschloss ich also teilzunehmen und nahm mir dafür eine Woche Urlaub. Im folgenden nun mein - zugegeben - subjektiv gehaltener Bericht:

Die Akademie begann am Samstag unter anderem mit der ausführlichen Anamnese einer Patientin im Plenum, die sich in vorbildlicher Weise zur Verfügung gestellt hatte. Ein Grundgedanke war es dabei, dass im Laufe der Tagungswoche aus verschiedenen Facetten der Komplementärmedizin heraus Therapievorschläge für diese Patientin erarbeitet werden und ihr dann „integrativ“ angeboten werden sollten. Es wurden somit zahlreiche Vertiefungsworkshops und Schnupperworkshops zu verschiedenen Facetten der Komplementärmedizin angeboten. Jeder Teilnehmer konnte sich dabei einen Vertiefungsworkshop und mehrere Schnupperworkshops heraussuchen. Persönlich hatte ich mich für den Vertiefungsworkshop „Homöopathie“ entschieden, der von Max Escher, Christian Minck und Anne Rütten organisiert wurde. Im Verlauf der vier Sitzungen im Rahmen dieses spannenden Workshops lernte man die theoretischen Grundlagen und die Vorgehensweise der klassischen Homöopathie nach Hahnemann und Kent sowie weiterer Homöopathie-Schulen in Grundzügen anhand von Patientenbeispielen kennen (Fallaufnahme, Fallanalyse, Mittelfindung, Studieren der jeweiligen Materia Medica etc.), wobei immer genügend Raum auch für kritische Nachfragen und Diskussionen gewährt wurde. Gemeinsam wurde dabei natürlich auch in diesem Workshop ein Therapievorschlag für die Patientin vom Samstag erarbeitet, die sich dankenswerterweise in einer der Sitzungen nochmals gezielt von uns befragen ließ. An den folgenden Schnupperworkshops nahm ich teil:

- Naturheilkundliche Hausapotheke (von Dr. Maria Bovelet und Sabine Deutsch):
Erstmals in meinem „schulmedizinischen Leben“ Jahre nach meinem eigenen Staatsexamen erfuhr ich hier zum Teil am eigenen Leib die Wirksamkeit von Wickeln und Packungen mit Senf (Cave: sonnenbrandähnliche Sensationen bei zu langer Einwirkdauer!) und Quark bzw. von Rosmarin-Fußbädern etc. und war sofort begeistert.
- Goetheanistisch-Pflanzensoziologische Heilpflanzenexkursion (von PD Dr. Hans-Christoph Vahle): Ich lernte, dass sich Pflanzengesellschaften nicht zufällig bilden, sondern als Folge einer Vielzahl von ursächlichen Faktoren, die der Mensch beeinflussen kann.
- Homöopathisch-Botanische Exkursion (von Anne Rütten): Ich lernte hier beispielsweise, dass ca. 70 % der gängigen mitteleuropäischen Pflanzen bei entsprechender Aufbereitung pharmakologisch wirksam sein können.
- Homöopathische Verreibung am „Intensivtag“ (von Max Escher und Friedemann Uhl): Hier konnte man hochinteressante Einblicke in die Methode der homöopathischen Verdünnung gewinnen.

Zum Ausgleich und zur Entspannung wurde jeweils nachmittags ein vielseitiges Begleitprogramm („Freie Initiativen – Spiel und Kunst“) angeboten (z. B. Plastizieren, mitteleuropäischer Schwertkampf und Aikido etc.) sowie abends Band, Theater, Tango, Kino, Open Stage etc.

Der Tag begann für mich jeweils nach dem gemeinsamen Frühstück mit der sehr lebendigen Übung „Sehen, Hören, Singen“ von Marco Bindelli um halb neun im Foyer, der gekonnt jeweils auch Elemente der Stimmbildung integrierte. Hochinteressante Plenarveranstaltungen fanden danach jeden Morgen um neun im Audimax zu wesentlichen Themen statt:

So erfuhren wir von Prof. E .G. Hahn neue Denkanstösse zur integrativen Medizin, von Dr. Michaela Glöckler Aspekte der Anthroposophischen Medizin, von Etelka Kovacs-Koller die Hintergründe des Action Painting, von Dr. Rainer Bohlayer Neues zum „Heilenden Feld jenseits von Raum und Zeit“, von Prof. Peter Matthiessen, warum wir einen pluralistischen Dialog in der Medizin brauchen, und von Dr. Ellis Huber Wege in die Zukunft der Medizin. Hier wurde klar: Initiativen und Impulse zur Prävention und Gesundheitsförderung werden künftig immer wichtiger. Der ehemalige Präsident der Ärztekammer Berlin betonte, „dass diese Universität Anziehungspunkt für  junge Menschen ist, die mit Kreativität und Engagement die Zukunft gestalten wollen."

Am Donnerstag morgen wurde die Patientin vom Samstag, die im Lauf der Woche zahlreiche Therapieoptionen aufgezeigt bekommen hatte, mit großem Dank, Applaus und einem Blumenstrauß vom Plenum und Herrn Prof. Hahn verabschiedet.

Am Donnerstag fand nachmittags das Gruppenpuzzle der Vertiefungsworkshops zur integrativen Medizin in Kleingruppen statt. Dies bedeutete, dass neue Kleingruppen gebildet wurden, die jeweils mindestens einen Vertreter eines jeden der ursprünglichen Vertiefungsworkshops aufnehmen sollten. Somit konnte in jeder dieser Kleingruppen der Patientenfall abschließend aus allen komplementär-medizinischen Therapierichtungen „integrativ“ besprochen werden. Dabei schienen faszinierende Parallelen zwischen den einzelnen therapeutischen Ansätzen auf. Dies wurde auch in der anschließenden Ergebnispräsentation im Plenum nochmals deutlich. Die Sommerakademie endete am Freitag mit einem Markt der (komplementärmedizinischen therapeutischen) Möglichkeiten.

Enorme Anstrengungen der Vorbereitung waren unter der hervorragenden Gesamtleitung von Jan Mergelsberg erforderlich gewesen, um diese Sommerakademie in dieser Form zu ermöglichen. Große Anerkennung gab es somit verdientermaßen für die absolut professionelle Organisation, der sich am Schluss durch einen herzlichen musikalischen Dank an das gesamte Organisationsteam in Form eines selbst komponierten Kanons der Teilnehmer äußerte.

Fazit:
Zusammen mit Ärzten, Wissenschaftlern, Therapeuten, Künstlern und vielen mehr und unterstützt durch zahlreiche Sponsoren wurde die Sommerakademie für integrative Medizin 2010 mit großer Begeisterung ausgerichtet. Die Teilnehmer und Mitwirkenden erlebten diese Veranstaltung als gelungen, was auch in der lebendigen Stimmung während dieser Woche zum Ausdruck kam. Diese sehr offene Atmosphäre der gegenseitigen Toleranz und Bereitschaft zum Gedankenaustausch war während der gesamten Sommerakademie deutlich wahrzunehmen. Die Wirkung wird hoffentlich bis zur nächsten Sommerakademie 2011 anhalten und sicherlich Impulse für die Zukunft setzen. Auch für mich persönlich hat sich die Teilnahme voll und ganz gelohnt – zum einen aufgrund der vielen bereichernden Begegnungen und zum anderen, um einen interessanten Blick über den Tellerrand der „Schulmedizin“ zu werfen.

Abschließend seien hier einige der aufgeworfenen Fragen der Sommerakademie 2010 für integrative Medizin aufgeführt:
- Das Medizinstudium vermittelt eine große Fülle von technischem Detailwissen. Dies bildet einen essentiellen Bestandteil ärztlichen Könnens. Aber ist das alles?
- Wie können Menschen, die sich um eine menschliche Medizin bemühen, zusammengebracht werden?
- Wie kann ein Raum geschaffen werden, in dem Fragen einer erweiterten Medizin gestellt, vertieft und praktisch erprobt werden können?
- Wie kann eine Medizin aussehen, die heilsam und liebevoll auf den Patienten eingeht?
- Welche Therapieformen können das ärztliche Tun erweitern?
- Wie kann man sich selbst dafür schulen?

Zusätzliche Information

Kontakt

Universität Witten/Herdecke
Tel.: +49 (0)2302 / 926-0

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