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BVB-Trainer Thomas Tuchel mit den UW/H-Studierenden

BVB-Trainer Thomas Tuchel mit den UW/H-Studierenden

v.l.: Prof. Dr. Alfred Hirsch, Thomas Tuchel, Prof. Dr. Jürgen Werner

v.l.: Prof. Dr. Alfred Hirsch, Thomas Tuchel, Prof. Dr. Jürgen Werner

Meldung vom 02.06.2016

Über die „Tiefe des Raums“ mit Thomas Tuchel

Der Trainer von Borussia Dortmund reflektierte mit Studierenden der UW/H die Zukunft des Fußballs.


Einen Tag lang sind 25 Studierende der Universität zu Gast gewesen bei Borussia Dortmund und haben die Frage bearbeitet, mit welchen Begriffen sich das Fußballspiel sinnvoll bezeichnen ließe, wenn man auf die Sprachstanzen verzichtet, die der Sportjargon üblicherweise wählt. Vielmehr noch: Lassen sich Beschreibungsangebote, wie sie vom Phänomenologen Merleau-Ponty oder von Denkern wie Immanuel Kant oder Clausewitz vorgelegt werden zum Raum, zur Urteilskraft oder zur Strategie gut begründet auf Spielsituationen übertragen? Oder: Was ist eine gute Mannschaft? Wie lässt sie sich aufbauen, organisieren, zum Erfolg führen, wenn es stimmt, dass elf geniale Einzelne noch kein geniales Ganzes ergeben? Wie verhalten sich spielerische Brillanz und Effizienz zueinander; lässt sich das eine fördern, ohne das andere zu stören? Was ist eigentlich Spielintelligenz, wenn man unter ihr mehr verstehen will als eine Eigenschaft, die Instinktleistungen nahekommt?

„Die Tiefe des Raums“, so hieß in Anlehnung an ein frühes Sprachbild zum Fußball das Seminar, das von Prof. Dr. Alfred Hirsch und Prof. Dr. Jürgen Werner – beide gehören zur Fakultät für Kulturreflexion – veranstaltet wurde. Alles komme darauf an, „Respekt für den Raum“ zu entwickeln, meinte Thomas Tuchel, der sich in das philosophische Gespräch für zwei Stunden einklinkte. Was das bedeutet? Es gehe letztlich um die Achtung des Spielers vor der eigenen Taktik und seine Rolle als Teamplayer. Mit diesem Respekt sei eine Erwartung der Mannschaft verbunden, die sich an bestimmte Räume im Spielfeld knüpft: etwa die plötzliche Aufnahme von Geschwindigkeit für Angriffszüge oder die Fähigkeit, geduldig zu warten, bis sich die Gelegenheit für einen überraschenden Pass ergibt. Spieler müssten lernen, dass es manchmal auch „einen Wert hat wegzubleiben“, vor allem wenn der natürliche Spieltrieb anderes nahelegt.

Das sind individuelle Anforderungen, so dass es entscheidend für das Ergebnis ist, wie der einzelne agiert – trotz der Vorgaben eines Match-Plans. Thomas Tuchel erinnerte daran, dass „es die Enge und Starre der Systeme und Grundordnungen auf dem Platz so gar nicht mehr gibt“. Es gehe eher um „Handlungsprinzipien“, die als Kriterien für das eigene Verhalten in Spielsituationen wirken. In der Auswahl der Spieler schaut der Trainer neben dem Talent vor allem auf den Charakter eines Spielers. Das „Gesicht“ wird zur Metapher für die Persönlichkeit, die sich, so die Überzeugung, letztlich auch in der Art ausdrückt, wie jemand sich auf dem Spielfeld bewegt und mit den anderen in einer Mannschaft kommuniziert. Am Ende bestehe die Kunst immer darin, ein System zu finden, das dem Individuum jene Gestaltungsräume anbietet, die für den Erfolg des Ganzen zureichend gut ausgestattet sind, einen Rahmen, in dem sich jeder schöpferisch orientieren kann. Vielleicht ist es daher richtiger, von Netzwerken zu sprechen, in denen anders als im Raum Orte keine zentralen Funktionen mehr besitzen, sondern alles daran hängt, dass man anschlussfähig bleibt.

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