Hans-Jürgen Lange
Lehrstuhl für Politikwissenschaft
Lehrstuhlinhaber
Dekan
Alfred-Herrhausen-Straße 50
58448 Witten
Tel.: +49 (0)2302 / 926-814
Fax: +49 (0)2302 / 926-813
E-Mail: Hans-Juergen.Lange@uni-wh.de
vCard herunterladen
Theorien und Methoden:
Der wissenschaftstheoretische Ausgangspunkt von Hans-Jürgen Lange ist im Kritischen Rationalismus verankert. Forschung bedeutet für ihn, theoretische Hypothesen beständig einer empirischen Überprüfung auszusetzen. Dabei wendet er vor allem Methoden der qualitativen Sozialforschung an (Feldforschung, Experteninterviews, teilnehmende Beobachtungen, ethnographische Beschreibungen usw.). Seine gesellschaftstheoretische Position geht von den Annahmen des methodologischen Individualismus aus, demzufolge soziale Tatsachen allein aus den sozialen Handlungen der Individuen und Akteure heraus zu verstehen und zu erklären sind.
Forschungszugänge:
Seine Forschungsarbeiten sind von drei theoretischen Dimensionen geleitet: Auf der Ebene der Organisationsanalyse ist es der theoretische Ansatz der Mikropolitik: wie handeln individuelle Akteure in den strukturellen Rahmungen einer Organisation, welche Strategien legen sie dabei zugrunde, welche Ziele verfolgen sie, welche Arrangements treffen sie mit anderen Akteuren, welche Auswirkungen haben diese Handlungen wiederum auf die Strukturen der Organisationen selbst? Auf der Mesoebene ist es komplizierter. Hier ringen Organisationen miteinander um Macht, Einfluss, darum, ihre Vorstellungen in den Aushandlungen der politischen Arenen durchzusetzen. Auf dieser Ebene setzt die Politikfeldanalyse an. Zum einen untersucht sie die Akteure, die Strukturen, die Entscheidungsprozesse und die Politikprogramme, die das Politikfeld bestimmen. Sie fragt zum anderen, wer setzt sich hier wie mit welchen handlungsleitenden Orientierungen durch? Eine Reihe von Theorieansätzen, beispielsweise der koalitionstheoretische Ansatz, gibt gute Instrumente an die Hand, diese Aushandlungen zu rekonstruieren. Am schwierigsten wird es auf der Makroebene. Auf der einen Seite handlungstheoretisch vorzugehen und damit Makrophänomene zu erklären, auf der anderen Seite nach den Folgen sowie den Rückwirkungen der Strukturen von Staat und Gesellschaft wiederum auf die Handlungen der individuellen Akteure zu schließen, stößt auf große theoretische und methodische Probleme. Es liegt hier der Ansatz einer handlungsorientierten Institutionentheorie zugrunde, der versucht, die Wechselwirkung zwischen Handlung und System abzubilden. In dieser Perspektive, stark von Max Weber geprägt, interessieren vor allem historisch geprägte Pfadentwicklungen, die Ausdifferenzierung normativer Handlungs- und Ordnungsmuster, die Diffusion von sinnstiftenden Wissens- und Ideenkonzepten, die Aushandlung von institutionellen Arrangements und Regeln – insgesamt also die Institutionalisierung und der Wandel sozialer Ordnung.
Forschungsfelder:
Die empirischen Forschungsfelder von Hans-Jürgen Lange liegen zum einen im Bereich der Politischen Systemanalyse, zum anderen im Bereich der Sicherheitsforschung. In der Politischen Systemanalyse sind von ihm Modernisierungsprozesse in Parlamenten, Parteien und Verbänden, ebenso Organisationsreformen und Organisationspolitiken in parlamentarischen Parteiensystemen sowie Staats- und Verwaltungsreformen, insbesondere im Rahmen der Einführung von Ansätzen und Verfahren des New Public Managements, und deren steuerungs- und demokratietheoretischen Problematiken untersucht worden. Ein Querschnittsthema dazu bildeten Fragen der Wirkungsforschung und der Sozialverträglichkeit des Einsatzes von Informations- und Kommunikationstechniken in politischen Organisationen und Institutionen.
In der Sicherheitsforschung ist von ihm der Ansatz einer Politikfeldanalyse Innere Sicherheit konzeptionell entwickelt worden. Diese untersucht das Wechselspiel zwischen Akteuren, Strukturen, Prozessen und politischen Inhalten beim Zustandekommen politischer Entscheidungen. Die entsprechenden Studien konzentrierten sich zunächst auf die Polizei und bezogen dabei historische und soziologische Perspektiven ein. Die Phasenentwicklungen der Problemdefinition, der Agendagestaltung und der Implementation von politischen Programmen der Polizei- und Kriminalpolitik sowie insgesamt der Politik der Inneren Sicherheit stehen hierbei im Fokus. Die Forschungsarbeiten erweitern sich auf weitere Akteure im Sicherheitssystem – aktuell auf den Bereich des Katastrophenschutzes, welcher Gegenstand eines umfangreichen Forschungsprojektes ist. In einem weiteren Forschungsvorhaben werden, gemeinsam mit einem rechtswissenschaftlichen Projektpartner, die formalen und vor allem informellen Einflüsse auf den Gesetzgebungsprozess im Bereich der Inneren Sicherheitspolitik untersucht. In der übergreifenden Zielsetzung geht es darum, den Wandel des Sicherheitssystems, wie er in allen westlichen Gesellschaften beobachtbar ist, in seinen Auswirkungen auf Theorie und Praxis von Staatlichkeit und Demokratie zu analysieren und Folgerungen insbesondere für die rechtsstaatliche und demokratische Verfasstheit sozialer Ordnung aufzuzeigen.
Übergreifende Themen:
Die Bildungs- und Hochschulentwicklung hat sich bei Hans-Jürgen Lange als ein übergreifendes Arbeitsthema herausgebildet. Es ist zum einen die Frage, wie Wissen (beispielsweise die wissenschaftlichen Erkenntnisse der Sicherheitsforschung) aufbereitet, vermittelt und kommuniziert werden kann, so dass es als handlungsrelevantes Praxiswissen verwendbar und nutzbar ist. Dies stellt hohe Anforderungen beispielsweise an die Konzeption grundständiger Studienangebote, noch mehr an Weiterbildungskonzepte. Zugleich muss gewahrt bleiben, dass eine Anwendungsorientierung des Wissens in der Lehre nicht die Grundlagenorientierung in der Forschung negiert und somit die Möglichkeit „unberechenbaren“ Wissens per se aufhebt. Zum anderen ist damit die Frage gestellt, wie die zukünftige Organisation von Bildungseinrichtungen generell, Hochschulen speziell, aussehen muss, um die Balance zwischen einer mit immer schnelleren Verfallszeiten sich rasant anwachsenden Wissensfülle auf der einen Seite, und einer mit immer strikteren Verwertungsanforderungen konfrontierten Wissensproduktion auf der anderen Seite aufrechterhalten zu können. In diesem Sinne ist Wissen von Bildung nicht zu trennen. Bildung, so die hoffnungsvolle Annahme des Wissenschaftlers und Hochschullehrers, schafft den Rahmen, reflexives Wissen zu generieren, damit die individuelle (im besten Falle des Gelingens auch die gesellschaftliche) Fähigkeit zu fördern, den Mut und die Verantwortung zur „differenzierten Differenz“ aufzubringen, wann und wo immer sich dies in der privaten, mehr noch in der gesellschaftlichen und politischen Situation als notwendig erweist.