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Luthers Waschsalon

Wer behandelt Menschen, die wegen Armut oder mangels Krankenversicherung nicht vom Gesundheitssystem aufgefangen werden? Studierende der UW/H helfen mit dem Projekt „Luthers Waschsalon“ Menschen, die ohne festen Wohnsitz und ohne Einkommen am Rande der Gesellschaft leben.

„Wo tut’s denn weh?“, fragt Anna Daugs ihren Patienten. Der öffnet den Mund und deutet auf einen Zahn. Dr. Hans Ritzenhoff, der hinter Anna Daugs steht, schaut der Studentin interessiert über die Schulter und fragt: „Und? Was meinen Sie? Ist es eine Pulpitis?“ „Ich würde eher sagen, es ist eine Parodontitis“, antwortet sie. „Natürlich haben Sie Recht“, antwortet der erfahrene Zahnarzt, der eigentlich schon im Ruhestand ist. „Man muss sich aber manchmal zwingen, streng nach Protokoll vorzugehen und alle anderen Möglichkeiten auszuschließen, auch wenn man sich eigentlich sicher ist. Sonst kann man böse Überraschungen erleben.“

„Sie sind noch am Studieren?“, fragt der Patient und sieht dabei keineswegs besorgt aus. Während Dr. Ritzenhoff der Zahnmedizin-Studentin im neunten Semester verschiedene Dinge erklärt, schaut und hört auch er interessiert zu. „Jetzt bitte ein Stück weiter zu mir ’rübergucken“, sagt Anna Daugs mit der Spritze in der Hand. „Das drückt jetzt vielleicht ein bisschen.“

Die geschilderte Szene spielt in „Luthers Waschsalon“ in Hagen. Hierhin können wohnungslose und bedürftige Menschen kommen, um zu duschen, ihre Kleidung zu waschen, zu frühstücken und sich medizinisch oder zahnmedizinisch behandeln zu lassen. Die Studierenden der Uni Witten/Herdecke fungieren, von voll ausgebildeten Kollegen unterstützt, als Ärzte und Zahnärzte. „Für die Menschen, die hier hinkommen, ist die Praxisgebühr von zehn Euro sehr viel Geld“, erzählt Dr. Ritzenhoff. „Das sind ja Leute, die aus dem normalen medizinischen Raster herausfallen. Die meisten leben von Hartz IV, viele haben Drogenprobleme, waren im Gefängnis oder haben keine Aufenthaltsgenehmigung für Deutschland. Dazu möchten viele aus Scham nicht in einem normalen Wartezimmer sitzen.“

Auch Jonas Tio, der im fünften Semester Medizin studiert, hat im Nebenzimmer alle Hände voll zu tun. „Wir haben hier eigentlich ein sehr ähnliches Krankheitsbild wie in einer normalen allgemeinärztlichen Praxis“, berichtet er. „Der einzige Unterschied ist, dass hier meiner Erfahrung nach deutlich mehr psychische Erkrankungen auftreten.“ Ansonsten behandelt er Lendenwirbelbeschwerden, Schnupfen und misst Blutdruck. Patienten mit Krankheiten, die er als Student nicht behandeln darf, verweist er an Spezialisten oder auf den Montagstermin im Waschsalon, an dem ein Arzt, der Rezepte schreiben darf, vor Ort ist. Lidia (Name geändert) hat er untersucht und ihr ein Medikament mitgegeben. Von der Behandlung zeigt sie sich sehr angetan. „Er war so freundlich und verständnisvoll, ich habe mich von Anfang an gut aufgehoben gefühlt“, sagt sie. „Ich habe schon oft meine Ärzte gewechselt, weil ich mich einfach nicht ernst genommen fühlte. Hier ist das ganz anders. Er war sehr fürsorglich und hat sofort gewusst, was mir fehlt. Das hat mich wirklich beeindruckt.“ Auch Elke, die seit 14 Jahren Stammgast in Luthers Waschsalon ist, findet: „Die Ärzte hier sind sehr nett, sie haben mir schon häufig geholfen und mich immer gut behandelt.“

Jonas Tio freut sich über das Lob, stellt aber klar: „Auch ich profitiere davon, hier behandeln zu dürfen. Für vieles bin ich selbst verantwortlich, da muss man sich schon auf seine Sinne und Untersuchungstechniken verlassen können. Hier lernt man, Verantwortung zu übernehmen.“ Auch deshalb hat er sich dafür entschieden, statt ein Praktikum in einer allgemeinärztlichen Praxis oder einer Klinik zu absolvieren, lieber hier im Waschsalon zu arbeiten. „Außerdem finde ich die Arbeit mit Menschen, die derartige Probleme haben und deren Leben wirklich nicht leicht ist, sehr wichtig. Mir macht es Spaß, hier zu helfen.“

Für die Zahnmediziner ist die Teilnahme am Projekt obligatorisch. „Das finde ich sehr sinnvoll“, sagt Anna Daugs. „Viele Studierende kommen freiwillig öfter als sie müssen. Die Arbeit in einem sozialen Projekt wie diesem bringt einen ja auch persönlich weiter.“ Schließlich gilt es hier, mit begrenztem Material und den besonderen Umständen zurechtzukommen. „Viele der Patienten werden ganz einfach nicht sechs Mal für neue Prothesen auftauchen“, weiß sie. „Man muss sich also ein bisschen vom Lehrbuch entfernen und sehen, wie man einen Kompromiss finden und letztlich doch mit der Behandlung Erfolg haben kann.“

Die Einrichtung Luthers Waschsalon

Luther Waschsalon wurde 1997 als Kooperationsprojekt der Bahnhofsmission Hagen und der Lutherkirchengemeinde gegründet. Er stellt eine Verbindung her zwischen gemeindenaher Diakonie, Stadtkirchenarbeit und konkreter lebenspraktischer Hilfe für Wohnungslose und Menschen mit geringem Einkommen.

Die Einrichtung betreut Wohnungslose, von Wohnungslosigkeit Bedrohte, ehemals Wohnungslose und Menschen, die am Existenzminimum leben.

Interview mit Heike Spielmann-Fischer, Leiterin des Waschsalons und der Hagener Bahnhofsmission:

Wie kam es zur Gründung von Luthers Waschsalon?
Heike Spielmann-Fischer: Es gab für Menschen ohne Wohnung oder ohne Badezimmer in Hagen ganz einfach keine Möglichkeit, sich zu waschen und zu duschen. Luthers Waschsalon war die Antwort auf die fehlenden Hygieneeinrichtungen. Die medizinische Ambulanz kam dann 1999 dazu. Die Studierenden der Uni Witten/Herdecke sind seit 2003 mit dabei. Seit 2009 haben wir eine Institutszulassung für die Ambulanz.

Wie beurteilen Sie die Arbeit der UW/H-Studierenden?
Heike Spielmann-Fischer: Die war von der ersten Stunde an positiv. Sie sind von ihrer Art her unglaublich angenehm und sehr kompetent. Man merkt, dass sie anders ausgebildet sind als viele andere Studierende. Sie bringen eine große Wertschätzung für die Menschen mit und sind sehr behutsam und feinfühlig. Sie erklären viel und nehmen sich Zeit für die Leute. Das finde ich sehr wichtig. Andersherum gehen aber auch fast alle hier weg und sagen, dass sie wirklich etwas gelernt haben. Sie sind für das Berufsleben vorbereitet und können auch mit dieser Klientel umgehen. Es ist gut, wenn wir Ärzte haben, denen es nicht darum geht, diese „stinkenden“ und manchmal depressiven oder aggressiven Menschen möglichst schnell wieder loszuwerden, sondern die ihnen wirklich helfen können und möchten.

Ansprechpartner

Medizin: Dr. Paul Jansen, paul.jansenwe dont want spam@no spamuni-wh.de,
Zahnmedizin: Mathias Benedix, fachschaft-zahnmedizinwe dont want spam@no spamuni-wh.de,
Leiterin Luthers Waschsalon: Heike Spielmann-Fischer,
luthers.waschsalonwe dont want spam@no spamdiakonie-online.org

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