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Medical Exchange Program Mazar
Im September 2010 fuhren fünf Medizinstudierende des studentischen Medical Exchange Program Mazar nach Afghanistan, um dort ihr Wissen weiterzugeben. Hintergründe, Schwierigkeiten und Ziele der Initiative erläutert Christian Witulski im Interview.
Herr Witulski, was verbirgt sich hinter dem Namen „Medical Exchange Program Mazar“?
Christian Witulski: Alles fing damit an, dass sich die beiden Gründungsmitglieder unserer Initiative, Sonja Haverkampf und Baschir Ahmadyar, überlegt haben, wie wir den Menschen in Afghanistan helfen können. Sie kamen auf die Idee, einfach dasselbe zu machen wie hier in Witten, nämlich das Wissen von den höheren Semestern an die niedrigeren weiterzugeben. An der UW/H funktioniert das so, dass erst ein Arzt aus dem Krankenhaus Dinge erklärt, und diese dann in Kleingruppen noch einmal von Studierenden, die bereits in der Klinik sind, mit den jüngeren Kommilitonen vertieft werden.
Dieses Konzept wollten wir übertragen. Dazu haben wir in einem ersten Schritt erst einmal afghanische Untersuchungstutoren ausgebildet. Zu diesem Zweck waren im Jahr 2009 schon einige Studierende aus Afghanistan hier an der Uni. Den Erfolg dieses Pilotprojekts wollten wir uns jetzt einmal ansehen. Deshalb sind wir im September selbst nach Afghanistan gefahren. Es geht uns aber auch darum, neben dem medizinischen auch einen kulturellen Austausch durchzuführen und Einblicke in das Leben dort zu gewinnen.
Was genau haben Sie den Studierenden in Afghanistan beigebracht?
Christian Witulski: Wir haben insgesamt vier Kurse angeboten: Einen in Notfallmedizin, einen Venen-Punktionskurs, einen Nahtkurs und einen Untersuchungskurs für Frauen in innerer Medizin.
Warum nur für Frauen?
Christian Witulski: Die Möglichkeit, tatsächlich praktisch zu untersuchen ist laut den Studenten oft nur in den Semesterferien gegeben, wenn man selbst im Krankenhaus arbeitet. Das hat zur Folge, dass die Männer dort in den Kliniken arbeiten und sich fortbilden können, während die Frauen meist nach zurück Hause auf die Dörfer gehen, um bei ihren Familien zu sein. Diesen Nachteil wollten wir ein wenig ausgleichen.
Was waren die größten Schwierigkeiten, auf die Sie vor Ort gestoßen sind? Und was hat Sie am meisten überrascht?
Christian Witulski: Vieles dort war überraschend einfach. Sehr viele Studenten sprechen Englisch, die Verständigung hat also gut funktioniert. Die Gegebenheiten sind natürlich ziemlich bescheiden. In den Unterrichtsräumen gab es gerade mal Bänke, Tafeln und einen Ventilator. Es gab kein Internet, keine Instrumente, keine Unterrichtsmaterialien. Obwohl wir drei große Koffer voller Spritzen, Nahtmaterial und Handschuhe mit hatten, haben die Materialien so gerade bis zum Ende gereicht. Danach war alles verbraucht.
Im Großen und Ganzen sind wir aber sehr positiv überrascht worden. Weil unsere Kurse in den Semesterferien stattgefunden haben, hatten wir mit der Teilnahme von etwa 20 Studierenden gerechnet. Am Ende waren es 43 Leute, davon etwa die Hälfte Frauen. Diese Resonanz war überwältigend und so nicht zu erwarten.
Mein schönstes Erlebnis hatte ich aber im Reanimationskurs. Am nächsten Tag kam ein Student zu mir und sagte: „Du glaubst nicht, was vorhin passiert ist: Ich musste tatsächlich einen Menschen reanimieren. Ohne den Kurs hätte ich nicht gewusst, was zu tun ist.“ So was ist schon unglaublich und bestätigt die Arbeit umso mehr.
Wie steht es denn mit der Sicherheit im Land? Ist das Risiko, dass Sie da eingehen, überhaupt vertretbar?
Christian Witulski: Subjektiv hatte ich nie das Gefühl, dass wir nicht sicher sind. Wir sind mit Maschinen der Bundeswehr geflogen und vor Ort in einem ganz normalen und unauffälligen Geländewagen gefahren worden. Übernachtet haben wir in einem UN-Sicherheitshaus. Das sind Häuser, die von mindestens 3,80 Meter hohen Mauern und mit Stacheldraht umgeben sind und von zwei bewaffneten Wachen geschützt werden. Das war zwar ein ziemlich komisches Gefühl, man hat sich aber nicht unsicher gefühlt. Ansonsten haben wir versucht, uns so gut wie möglich an das Leben dort anzupassen, die Frauen haben sich landestypisch verschleiert. Außerdem sind wir über die Sicherheitslage ständig per SMS informiert worden. Gefährdete Gegenden hätte man so immer meiden können.
Dazu hatten wir intern vereinbart, dass jeder, der sich unsicher fühlt, ohne Diskussion mit den anderen den Tag lang einfach zu Hause bleiben kann. Außerdem hatten wir mit dem Deutschen Akademischen Austausch Dienst, der unser Projekt gesponsert hat, abgesprochen, dass wir, wenn wir uns nicht sicher fühlen, jederzeit zurück nach Deutschland fliegen können. Das war aber zum Glück nicht nötig.
Wie geht es weiter mit dem Projekt?
Christian Witulski: Wir werden versuchen, noch mehr Leute für eine Mitarbeit zu gewinnen. Im nächsten Jahr kommen dann wieder zehn Studierende aus Afghanistan nach Witten, um sich hier zu Tutoren ausbilden zu lassen. Immer im Wechsel wird es so sein, dass entweder wir nach Afghanistan fahren oder Studierende von dort hierhin kommen.
Zwar ging es bei dem Projekt ja hauptsächlich darum, in Afghanistan zu lehren. Gibt es aber auch etwas, dass Sie selbst dort gelernt haben?
Christian Witulski: Ja, einiges. Zunächst einmal mussten wir anerkennen, dass die Jungs in den Untersuchungskursen viel fitter waren als wir. Völlig ohne technische Hilfsmittel wie CT, Sonografiegeräte oder ähnliches konnten wir alle uns da noch etwas abgucken. Die Untersuchungskurse für die Männer konnten wir deshalb getrost ausfallen lassen.
Außerdem habe ich ein unheimlich freundliches Volk kennen gelernt, die Gastfreundschaft war einfach unglaublich. Wir haben ein ganz anderes Bild erlebt als das, was in den Medien vermittelt wird. Hier kann man manchmal den Eindruck gewinnen, dort läuft jeder Zweite mit einem Sprengstoffgürtel durch die Gegend. Dabei sehnen sich fast alle Leute dort nach Frieden. Man merkt, dass sie vom Krieg gezeichnet sind, aber sie sind trotzdem noch sehr stark und stolz. Das hat mich beeindruckt und ein bisschen nachdenklich gemacht, über welche Kleinigkeiten bei uns gemeckert wird.
Ansprechpartner:
Christian Witulski







