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Orchester und Chor der Uni Witten/Herdecke

Seit rund 20 Jahren leitet Ingo Ernst Reihl den Chor und das Orchester der Universität Witten/ Herdecke. Beide Klangkörper sind seither aus dem Kulturleben der Stadt Witten und der Region nicht mehr wegzudenken. Regelmäßig zu Weihnachten studieren die Musiker ein Oratorium ein und im Sommer erklingen fröhlichere Töne in der großen Halle der Universität. Ein Engagement für die Wittener Bürger, aber auch ein Spielbein der Akademikerausbildung.

Ein Interview.

Warum sollten angehende Ärzte oder zukünftige Unternehmer in Chor und Orchester mitwirken?
Ingo Ernst Reihl: Das Studium fundamentale der Universität Witten/Herdecke ist ja genau der Ort, an dem alle Studierenden der unterschiedlichen Fachbereiche zusammenkommen, um etwas über die Grenzen des Faches hinaus zu lernen. Und die Musik, die Kunst ganz allgemein, lehrt ja, dass es eine Welt gibt, die nicht ausschließlich nach den Gesetzen der Physik, der Mathematik oder des Marktes funktioniert. Musik zu machen ist ein sehr direkter Zugang zu diesem Paralleluniversum. Diesen Zugang möchten wir den Studierenden auch während ihres Studiums ermöglichen.

Noch vor dem Orchester an der Universität Witten/Herdecke haben Sie ein anderes Orchester gegründet, das Junge Orchester NRW. Und zwar im Alter von 15 Jahren. Welche Erfahrungen konnten und mussten Sie da machen?
Ingo Ernst Reihl: Ich habe damals neben der Schule als so genannter Jungstudent an der damaligen Folkwang-Musikhochschule in Essen Komposition studiert. Auf dem Weg dahin traf ich am S-Bahnhof einige Schüler des Werdener Gymnasiums, die gerade traurig darüber waren, dass sie die letzte gemeinsame Probe hinter sich hatten, weil kein Dirigent mehr bereit stand. Da bin ich eingesprungen. Das war ziemlich anstrengend, als deutlich Jüngerer so eine Gruppe zu führen. Und zwar ohne autoritären Stil, sondern indem man die Musiker respektiert und annimmt. Das bietet kein Kapellmeisterstudium und davon profitiere ich noch heute. Das Junge Orchester besteht seit 25 Jahren und ist ein Laienorchester geblieben. Aber es kann von den Konzerteinnahmen alle Kosten bestreiten. So weit ist das Uni-Orchester noch nicht.

Neben dem Wittener Orchester sind Sie auch Gastdirigent beim Minsker Kammerorchester. Welche Erfahrungen haben Sie da gemacht?
Ingo Ernst Reihl: Die Menschen dort gehen sehr viel in die Konzerte und man merkt auch, wie wählerisch sie sind und wie sie mit dem Applaus sehr kritisch umgehen. Gleichzeitig kann man dort sehr viel experimentellere Musikprogramme mit mehr Neuer Musik spielen, weil die Menschen das akzeptieren und dankbar annehmen. Aber dort habe ich auch improvisieren im nicht-musikalischen Sinn gelernt – kein Geld war da auch immer schon. Das passt nach Witten.

Und kommt das Uniorchester mit dem Geld einigermaßen hin?
Ingo Ernst Reihl: Das ist ein weites Feld. Wir nehmen zehn Euro Eintritt von den Erwachsenen, Schüler und Studierende bezahlen nichts. Das ist mir wichtig, diesen freien Zugang zur Musik zu erhalten. Ins Kino zum Beispiel gehen Jugendliche, weil sie mitreden wollen. Der Zugang zur klassischen Musik und noch mehr zu Neuer Musik funktioniert so nicht. Wenn uns das junge Publikum nicht ganz abhanden kommen soll, finde ich, ist das der Weg – möglichst geringe Hemmschwellen! Daher können wir mit dem Eintritt die nötigen Dinge wie Noten und Aushilfen nicht bezahlen. Da sind wir auf Spenden und Sponsoren angewiesen.

Wie hat das denn mit der Musik an der Uni angefangen?

Ingo Ernst Reihl: Am Anfang haben die Studierenden das unter sich ausgemacht. Viele haben im Bochumer Uni-Orchester mitgespielt. 1989 hat mich der Wiwi-Student Julian Horch angerufen, weil ich in Bochum lange dem Universitätsmusikdirektor Hans Jaskulsky assistiert habe. Die Wittener wollten ein eigenes Orchester gründen. Und so wurde ich mit 19 Jahren der Dirigent des Wittener Uniorchesters. 1991 gründeten wir den Chor. Zusammen musizieren da mittlerweile mehr als 140 professionelle Hobbymusiker.

Fällt bei dieser Größenordnung die Abstimmung nicht besonders schwer?

Ingo Ernst Reihl: Ja, manchmal auch. Grade zu Probenzeiten. Aber die Begeisterung für die Musik ist doch bei allen spürbar. Und wir haben hier in Witten ja nicht die Masse an Studierenden, und unter den jetzt rund 1200 Studierenden genügend geeignete Mitmacher zu finden, ist nicht immer ganz einfach. Aber die Studierenden, die schon mitspielen, sprechen dann mit den „Neuen“ und dann geht es schon. Wir haben fast nie eine komplette Besetzung. Aber es gibt ja auch Aushilfen. Die gilt es dann leider zu bezahlen.

Und stimmt denn die Qualität?
Ingo Ernst Reihl: Das war von Anfang an erstaunlich, auch für mich. Wir haben 1991, also fast sofort nach der Gründung, schon mit Mischa Maisky, dem russischen Cellisten, oder der Bratschistin Tabea Zimmermann gespielt. Die spielen sonst mit den Spitzenorchestern der Welt. Da mussten wir gleich über eine ziemlich hohe Latte springen. Aber es hat funktioniert.

Was war denn die größte Herausforderung?

Ingo Ernst Reihl: Ganz klar 1993 die Eröffnung des Campusbaus. Im Neubau hämmerten noch die Handwerker, gleichzeitig standen schon überall die Sicherheitsleute für den Besuch von dem damaligen Bundeskanzler Helmut Kohl, und ich hatte die Akustik nicht im Griff. Die Halle ist heute noch schwer zu bespielen, aber jetzt habe ich meine Erfahrungen. Damals war mir nicht klar, wo der Chor stehen muss und wo die Musikerpodeste. Da haben wir ganz schön geschwitzt. Am Ende ist aber auch das gut abgelaufen.

2008 haben wir die Carmina Burana von Carl Orff im Saalbau aufgeführt – mit studentischer Tanzchoreographie, das war eine besondere Erfahrung. Etwas ganz besonderes war die Eröffnung der Duisburger Akzente 2007: Da mussten unsere Chorsänger in der Oper Civil Wars von Philip Glass mitten im Publikum vierstimmig singen, tanzen und die Gäste dabei auch noch nach einer bestimmten Choreografie auf fahrbaren Podesten herum schieben. Das war für einen Laienchor ganz bestimmt eine Höchstleistung.

Worauf sind Sie rückblickend besonders stolz?
Ingo Ernst Reihl: Es ist schön zu wissen, dass ganz viele, die nach dem Studium Witten verlassen und einen Beruf ergreifen, der vielleicht nicht mehr ganz so viel Zeit für Musik lässt, trotzdem nie wieder an einem Konzertplakat unbeteiligt vorbei gehen können. Für viele, die von Haus aus Begeisterung für Musik mitbringen, endet die ja oft während des Studiums. Dass wir das in Witten vermeiden können, empfinde ich für mich als Antrieb. Außerdem, so schrieb es mir Konrad Schily einmal, haben die großen Uni-Konzerte etwas Identitätsstiftendes für unsere Hochschule.

Was bedeuten Chor und Orchester für die Stadt und die Region?
Ingo Ernst Reihl: Für die Uni Witten/Herdecke ist die Musik so etwas wie die Eintrittskarte. Wissenschaft und akademische Ausbildung sind nicht so besonders anschaulich und der Bevölkerung auch nicht so leicht zu vermitteln. Unsere Bürgeruni ist hier eine rühmliche Ausnahme und mit Musik lässt sich auch eine Verbindung herstellen. Der Campus hat sich als Aufführungsort längst etabliert und mittlerweile fragen auch andere Orchester, ob sie hier auftreten können: Das Orchester der Volkshochschule, das EOS-Kammerorchester Köln oder die Rhein-Ruhr-Philharmonie waren hier. Außerdem geben wir gemeinsame Konzerte mit dem Jungen Orchester NRW und dem Minsker Kammerorchester, in denen ich auch noch dirigiere. Mit der Ruhr-Universität Bochum besteht seit Jahren ein intensiver Austausch. Und bei den konzertbegleitenden Seminaren arbeiten wir auch zusammen. 2011 soll die TU Dortmund mit dazu kommen.

Ansprechpartner:
Ingo Ernst Reihl

Zusätzliche Information

Kontakt

Universität Witten/Herdecke
Tel.: +49 (0)2302 / 926-0

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