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Nachricht vom 05.07.2022
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Die Rolle der Zentralbanken im heutigen Kapitalismus

Symbolbild Kapitalismus (Foto: metamorworks_iStock)
Symbolbild Kapitalismus (Foto: metamorworks_iStock)

Die Rolle der Zentralbanken im heutigen Kapitalismus

Internationale Konferenz beleuchtet die politische Rolle der Zentralbanken – Auswahl an Vorträgen im Livestream.

Die internationale Konferenz „Central Banking and its Discontents: The Role of Monetary Policy in Contemporary Capitalism” findet vom 11. – 13. Juli in der Heinrich-Böll-Stiftung in Berlin statt und nimmt die Zentralbanken kritisch unter die Lupe. Einer der Hauptorganisatoren ist Prof. Dr. Joscha Wullweber  von der Universität Witten/Herdecke (UW/H). Wullweber ist Heisenberg-Professor für Politische Ökonomie und Transformation an der Fakultät für Wirtschaft und Gesellschaft und hat bereits mehrere wissenschaftliche Werke zum Thema Zentralbankkapitalismus veröffentlicht. Dabei beleuchtet er die Transformationen des globalen Finanzsystems in Krisenzeiten. 

„Gemeinsam schauen wir auf die Rolle der Zentralbanken – historisch, aber auch mit Blick auf die aktuellen großen Krisen unserer Zeit. Ziel der Konferenz ist es, Wirtschaftshistoriker:innen, Politikwissenschaftler:innen und Ökonom:innen sowie andere Expert:innen und Forscher:innen des Zentralbankwesens zusammenzubringen und ihnen den notwendigen Raum für einen interdisziplinären wissenschaftlichen Austausch zu bieten“, kündigt Wullweber die Konferenz an.

Teilnehmen können nur eingeladene Personen, aber einige der Keynotes können über Livestream verfolgt werden:

Keynote I

Katharina Pistor: “Central Banks as Liquidity Conduits” ("Zentralbanken als Liquidität Conduits")

Montag, 11. Juli, 15-16:30

https://www.youtube.com/watch?v=29KPsJz4414

Der Kapitalismus beruht auf zwei eng miteinander verflochtenen sozialen Ressourcen: Geld und Recht. Dem Geld werden gemeinhin drei Funktionen zugeschrieben: Es dient als Tauschmittel, als Wertaufbewahrungsmittel und als Recheneinheit. Was fehlt, ist die Liquidität, die als vierte und im heutigen Geldsystem zentrale Funktion des (staatlichen) Geldes hinzukommen sollte. Nur Geld, das durch einen Währungssouverän gedeckt ist, ist wirklich liquide. Die Steuerung der Liquidität ist nicht nur in Krisenzeiten, sondern auch in der täglichen Geldpolitik in den Mittelpunkt gerückt. Dies spiegelt der Wandel von Zentralbanken von Hüterinnen umfassender öffentlicher Aufgaben wie Preisstabilität oder Vollbeschäftigung in Liquidität Conduits für den privaten Sektor wider.

Keynote II

Mark Blyth: “If Capitalists Institutions are Hardware, and Economic Ideas are Software, what are Central Banks?”

("Wenn kapitalistische Institutionen Hardware und wirtschaftliche Ideen Software sind, was sind dann Zentralbanken?")

Dienstag 12. Juli, 9:15-10:45

https://www.youtube.com/watch?v=2MycXuLr734

Stellen Sie sich kapitalistische Institutionen als Hardware und wirtschaftliche Ideen als Software vor. Wenn wir davon ausgehen, dass bestimmte Governance-Institutionen und -Techniken "regimeabhängig" sind – das heißt, dass sie von dem spezifischen Wachstumsmodell abhängen, das für eine bestimmte Periode typisch ist –, werden dann in Zeiten des Regimewechsels bestimmte Governance-Technologien/Kombinationen aus Hardware und Software überflüssig? Der Wechsel von lohn- zu gewinnorientiertem Wachstum machte in den 1980er und 1990er Jahren in einem inflationären Umfeld die "Hardware-Modifikation" unabhängiger Zentralbanken erforderlich. Macht dann die derzeitige hohe Inflationsrate, die sich von der der 1980er Jahre stark unterscheidet, die Zentralbanken wieder zu zentralen Akteurinnenen? Oder macht es sie überflüssig?

Keynote III

Daniela Gabor: “States as Collateral Factories” ("Staaten als Nebenbetriebe")

Dienstag, 12. Juli, 14:30-16:00

https://www.youtube.com/watch?v=dOrhKb_Jl04

Die monetäre Finanzierung - der Ankauf von Staatsschulden in großem Umfang durch die Zentralbanken - ist wieder da und wird wahrscheinlich auch so bleiben. Aber warum tun die Zentralbanken etwas, das angeblich gegen ihre Unabhängigkeit verstößt? In dieser Keynote wird zwischen zwei Arten der monetären Finanzierung unterschieden. Im untergeordneten System, das vor den 1970er Jahren vorherrschte, unterstützten die Zentralbanken die Regierungen, indem sie die Kreditkosten niedrig hielten. Im Schattenregime kauften die Zentralbanken Staatsanleihen, um Inflationserwartungen zu verankern und das von Natur aus fragile marktbasierte Finanzsystem zu stabilisieren, wobei Staatsanleihen eine entscheidende makrofinanzielle Rolle spielten. Seit der globalen Finanzkrise von 2008 befinden wir uns im Schattenregime. Die COVID19-Pandemie hat erneut gezeigt, wie wichtig es für die Zentralbanken ist, auf den Märkten für Staatsanleihen zu intervenieren, um unsere Volkswirtschaften vor finanziellen Turbulenzen zu schützen. Doch dieses neue System der monetären Finanzierung ist für die Herausforderungen der Klimakrise nicht geeignet. Stattdessen brauchen wir einen Ansatz der "Koordination ohne Unterordnung" in den Beziehungen zwischen Regierungen und Zentralbanken, um den Übergang zu einer kohlenstoffarmen Wirtschaft zu bewältigen.

Keynote IV

Paul Tucker: “Post Pandemic Central Banking: Legitimacy Affirming or Depleting?”

Mittwoch, 13. Juli, 9:15-10:45

https://www.youtube.com/watch?v=LJtAXNB4BY8

Ein Vortrag über das Zentralbankwesen, Anreize und Demokratie:

Wenn von der Politisierung des Zentralbankwesens die Rede ist, liegt dann eine zu dünne Vorstellung von Demokratie zu Grunde? Wie können die Anreize der Zentralbanker für die Ziele der Gesellschaft nutzbar gemacht werden?

Roundtable

Isabella Weber, Mark Blyth & Nicolo Fracarrolli: “The Politics Of Inflation: Price Controls, Monetary Tightening And Future Prospects”

Mittwoch, 13. Juli, 14:30-16:00

https://www.youtube.com/watch?v=Hf0WjnALWu4

"Das 70er-Jahre-Modell" - Über den Inflationszeitpunkt nachdenken

Eine der Ironien der heutigen Inflation ist, dass sie genau zu dem Zeitpunkt wieder auftauchte, als sich der akademische Mainstream von dem abwandte, was man als "das 70er-Jahre-Modell" bezeichnen könnte, in dem Inflation immer und überall monetär und eine allgegenwärtige Gefahr ist. Die Liquiditätsschwemme nach 2008, als Deflation zur Bedrohung wurde, trug dazu bei, dass die Phillips-Kurven abgebaut wurden und endogenes Geld die Angst vor Verdrängung verdrängte. Und dann kam die Inflation plötzlich zurück, weil die Versorgungskette durch Pandemien und Kriege unterbrochen wurde. In diesem Moment wurde "das Modell der 70er Jahre" wieder bekannt, obwohl die Welt, in der wir heute leben, ganz offensichtlich nicht die der 1970er Jahre ist. In dieser Diskussionsrunde werden laufende Arbeiten erörtert, die versuchen, diesem Zeitpunkt einen Sinn zu geben.

Mit der Anmeldung erhalten Sie 24 Stunden vor der Veranstaltung eine E-Mail mit allen Links zu den Livestreams.

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