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Nachricht vom 08.05.2019
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„Längst ist nicht mehr sicher, dass Menschen in diesem Land Pflege erhalten“

Prof. Wilfried Schnepp

Prof. Wilfried Schnepp

„Längst ist nicht mehr sicher, dass Menschen in diesem Land Pflege erhalten“

Ein Gespräch mit Pflegewissenschaftler Professor Wilfried Schnepp zum Internationalen Tag der Pflege

Am 12. Mai findet der Internationale Tage der Pflege statt. Akteure aus Pflegepraxis, Wissenschaft, Politik und Gesellschaft diskutieren über den Stand der Pflege und würdigen die vielen aktiven Pflegenden auf der ganzen Welt – in diesem Jahr unter dem Motto: „Gesundheit für alle“. Wilfried Schnepp, Professor für Pflegewissenschaft an der Universität Witten/Herdecke, ordnet den Internationalen Tag der Pflege ein und formuliert seine Sicht auf das Pflegesystem in Deutschland.   

Am 12. Mai findet erneut der Internationale Tag der Pflege statt. Welche Bedeutung hat dieser Tag für das Pflegesystem?

Der 12. Mai ist der Geburtstag von Florence Nightingale, die die moderne Pflege gründete und stets für eine gute Pflegeausbildung und für eine gute Patientenversorgung eingetreten ist. Der International Council of Nurses feiert diesen Tag jährlich weltweit. Es gibt viele Projekte und Veranstaltungen. Die Berufsverbände auf der Welt sind natürlich an diesem Tag interessiert und möchten sich und ihre Leistungen präsentieren. Das Motto für dieses Jahr ist: „Gesundheit für alle.“ Das ist ein ganz alter Slogan, der 1978 in der Erklärung von Alma-Ata festgelegt wurde. Da haben sich viele Länder getroffen und besprochen, dass Gesundheit weit mehr ist als nur die Behandlung von Krankheiten, sondern das eben auch Lebensbedingungen und soziale Faktoren eine Rolle spielen. Man wollte Gesundheit für alle erreichen, aber solange Ungerechtigkeit und Ungleichheit herrschen, wird das schwer zu verwirklichen sein.

Worin besteht die Schwierigkeit?  

Wir wissen, dass die Pflege natürlich auf die Patientenversorgung bezogen ist. Und mit dem Slogan im Hinterkopf wird noch mal deutlich, dass Pflegende in unterschiedlichen Ländern unter katastrophalen Bedingungen und ohne Ressourcen versuchen, Menschen gesundheitlich zu versorgen. Dies muss am Internationalen Tag der Pflege thematisiert werden. Bei uns in Deutschland ist ein ganz wichtiger Faktor, dass wir den absoluten Pflegemangel sehen – längst ist nicht mehr sicher, dass Menschen in diesem Land Pflege erhalten. Wenn Sie in einem Krankenhaus sind, müssen Sie nicht damit rechnen, dass Sie auf eine Krankenpflegerin oder einen Krankenpfleger treffen. Wenn es nur eine oder einen in der Schicht gibt, dann können Sie auch acht Stunden im Krankenbett verbringen, ohne dass Sie jemanden zu Gesicht bekommen. Auch das muss man formulieren. Wenn gesagt wird „Gesundheit für alle“, dann muss man sich auch fragen: „Ja, aber wer soll denn noch diese Gesundheit herstellen? Und habe ich dann überhaupt die Chance, dass ich noch die Pflege erhalte, die ich auch benötige?“

Klingt recht dramatisch. Können Sie so etwas wie den Status Quo des deutschen Pflegesystems formulieren?

Die Geschichte der Pflegewissenschaft in Deutschland ist eine Erfolgsgeschichte: Wir haben unzählige Studiengänge; wir haben es geschafft, dass die Grundausbildung immer mehr, in unterschiedlichen Formen an die Hochschulen des Landes gegangen ist. Gerade Witten ist die Brutstätte der Pflegewissenschaft: Wir haben das größte Promotionsprogramm Ph.D. Pflegewissenschaft; wir sind die Kaderschmiede für die zukünftigen Professorinnen und Professoren. Das alles haben wir geschafft. Die andere Seite ist die Entwicklung des Berufs und die Bedingungen, unter denen der Beruf derzeit existieren muss. Wir haben einen ganz dramatischen Pflegenotstand. Da verspricht die Politik Besserung, bislang ist diese aber nicht spürbar. Oder sie möchte die Zahl der Ausbildungsplätze erhöhen, nur wissen wir jetzt schon, dass keiner mehr in die Ausbildung will. Das sind alles Entwicklungen, die sehr brenzlig sind. Eine Möglichkeit, dagegen zu wirken sind die Pflegekammern, die für die Selbstregulierung der Pflege als professionelle Berufsgruppe unverzichtbar sind.

Was leistet die Pflegewissenschaft konkret für die Pflegepraxis?

An der Uni Witten/Herdecke befassen wir uns mit der Pflegepraxis, mit der Pflegebedürftigkeit und mit Gesundheitsproblemen. Wir machen kein Pflegemanagement und wir machen auch keine Pflegepädagogik – das machen andere Hochschulen sehr gut. Alle Projekte, die hier laufen, haben also direkt mit der Versorgung zu tun. Meine Kollegin Sabine Metzing, die die Professur für Pflegewissenschaft mit dem Schwerpunkt Kinder und Jugendliche hat, betreut beispielweise die „Young Carers“-Projekte. Das sind Kinder und Jugendliche, die die Rolle eines pflegenden Angehörigen in ihrer Familie übernehmen müssen. Dazu machte Sabine Metzing eine große Prävalenzstudie. Sie hat unter anderem untersucht, wie viele es von den „Young Carers“ überhaupt gibt: Leider sehr viel mehr, als wir uns gedacht haben. In vorausgegangenen Projekten haben Frau Metzing und ich Handlungsempfehlungen benannt, die auf die Unterstützung von Familien mit „Young Carers“ abzielen. Die Projekte sind so vielfältig wie die unterschiedlichen Professuren, die wir haben. Dabei kann es die Intervention sein, es kann aber auch ein Konzept sein oder es kann sich auf ein spezifisches Pflegeproblem beziehen.

Was wünschen Sie sich für die Entwicklung der Pflege?

Es muss endlich begriffen werden, dass wir europäische Normalität brauchen. In den anderen Ländern um uns herum ist die pflegerische Ausbildung längst an Hochschulen angesiedelt. Es geht nicht, dass wir politisch immer ausgebremst werden und künstlich alles verlangsamt wird. So ist die Pflegeberufereform beinahe aufgrund des Widerstandes von Lobbyisten gescheitert, die befürchten, dass besser qualifizierte Pflegende mehr kosten. Ich wünsche mir, dass man die Arbeitsbedingungen ganz stark in den Blick nimmt. Das wird im Gesundheitsministerium aber auch so gesehen. Wir brauchen viel mehr Pflegepersonen in der Praxis, am Bett selbst. Es geht nicht, dass Sie als Patient oder Patientin auf einer Station liegen und – das ist mir selbst im Krankenhaus passiert – acht Stunden lang niemanden zu sehen bekommen, weil es einfach niemanden mehr gibt. Dann muss man den Patientinnen und Patienten sagen: „Hier findet keine Pflege statt, so leid uns das tut. Hier bekommen sie ärztliche Versorgung und ein warmes Essen, aber bitte kümmern Sie sich um Ihre Pflege selbst.“ Wir haben einen absolut dramatischen Pflegemangel in Deutschland und den muss man beheben. Es gibt viele Initiativen, die auch gar nicht schlecht sind, aber es dauert eben alles zu lange.

Welche Bereiche rücken da aus Ihrer Sicht besonders in den Fokus?

Weil die Not sehr groß ist, konzentrieren sich jetzt alle auf die pflegerische Versorgung in Krankenhäusern und den Beitrag der Pflege. Ich möchte zu gerne wissen, wie Krankenhäuser aussehen würden, wenn es keine Pflegenden mehr gebe. Man darf die ambulante Pflege nicht vergessen und schon gar nicht die Langzeitpflege in Pflegeheimen. Aber darüber hinaus dürfen auch wir niemals vergessen, welchen Beitrag die Pflege leistet, wenn es eben um Gesundheit für alle geht. Nehmen wir die Gesundheitsversorgung von wohnungslosen Menschen oder von Geflüchteten. Genau da hat die Pflege eine große Verantwortung und die hat sie immer schon gehabt. Das wird nur nicht gesehen. Und ich denke, dass das noch deutlicher hervorgehoben werden muss.

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