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Nachricht vom 15.12.2021

Studien zu Burnout, Sinn und Wohlergehen: Promovenden am IGVF legen erste Publikationen vor

Studien zu Burnout, Sinn und Wohlergehen: Promovenden am IGVF legen erste Publikationen vor

Zwei unserer aktuell Promovierenden haben kürzlich erste Forschungsergebnisse zu ihren Projekten veröffentlicht.

Beschreibung von Burnout: Ist eine erweiterte Definition von Gesundheit notwendig?

Ian W. Listopad forscht im Rahmen seiner Promotion zu der Frage, wie Burnout beschrieben und erforscht wird und ob dabei die bisher gängigen Modelle zur Definition von Gesundheit ausreichen, um wirklich das gesamte Spektrum von dem, was Gesundheit bedeutet, abzudecken. Die WHO definiert Gesundheit derzeit als „vollkommenes Wohlbefinden im bio-psycho-sozialen Bereich“. Die Überlegung: Wären wir, wenn man es genau nimmt, dann nicht eigentlich permanent krank? Denn schließlich steht bei den meisten Menschen selten die Anzeige für alle Bereiche – biologischer, psychischer und sozialer Gesundheitszustand – gleichermaßen und gleichzeitig auf „vollkommenes Wohlbefinden“.

Die Hypothese lautet daher: Es gibt noch weitere Aspekte für Gesundheit, die in den bisherigen Definitionen nicht erfasst werden. Da wäre zum einen der Aspekt der Sinnhaftigkeit/Spiritualität: Was inspiriert mich? Was gibt mir und meinem Leben Sinn? Wofür stehe ich morgens auf? Und zum zweiten ein Aspekt, den wir Kultur nennen: Fühle ich mich zuhause in meinem Umfeld? Bin ich kulturell verwurzelt?

Insbesondere bei der Bewertung von Burnout zeigt die bisherige Gesundheitsdefinition Grenzen – und lässt folgerichtig die Definition von Burnout als Krankheit nicht zu. Ein erweiterter Gesundheitsbegriff, der die oben skizzierten Aspekte einbezieht, würde es ermöglichen, das Burnout als Krankheit zu erfassen.

In seinen ersten beiden Publikationen kann Ian W. Listopad diese Annahme bestätigen. Für seine Analyse hat er alle bisher in der Fachliteratur beschriebenen Einflussfaktoren für ein Burnout gesammelt und geclustert und dabei festgestellt, dass u. a. die Ebenen der empfundenen Sinnhaftigkeit und empfundenen Heimatlichkeit des Arbeitsumfeldes in der Tat bislang wenig berücksichtigt werden – obwohl ihr Zusammenhang mit dem Burnout-Syndrom auf der Hand liegt. Auch eine Querschnittstudie, für die über Social-Media-Kanäle, psychotherapeutische Praxen, MVZ und eine interdisziplinäre Klinik für Psychosomatik und Psychiatrie Menschen akquiriert und befragt wurden, bestätigt die Hypothese.

 

Sinn und Wohlergehen im Lebensverlauf

Christopher Karwetzky untersucht in seinem Promotionsprojekt die Entwicklung von Sinn und Wohlergehen im Lebensverlauf. Die Glücksforschung versteht Wohlergehen (engl. „subjective well-being“) meist als statisches Konstrukt, um dann den Einfluss verschiedener Lebensumstände auf dieses Konstrukt empirisch zu untersuchen. Diese Herangehensweise wird in der Arbeit ein Stück weit in Frage gestellt und es wird untersucht, inwieweit das, was wir als „ein gutes Leben“ erachten, im Lebensverlauf Änderungen unterworfen ist.

In seiner ersten Publikation, die sich mit der Frage „What matters most in life?“ beschäftigt, arbeitet Christopher Karwetzky bei 1.597 Personen im Alter von 12 bis 94 Jahren wichtige Sinnquellen heraus. Insgesamt ließen sich die Antworten der Probandinnen und Probanden in 16 Haupt- und 76 Subkategorien gliedern, was die große Vielfalt möglicher Sinnquellen verdeutlicht.

Die häufigsten Quellen sind der Untersuchung zufolge Beziehungen, Gesundheit und Wohlergehen, ein gutes Lebensumfeld, die Verfügung über (Frei-)Zeit sowie das Arbeitsleben. Ein weiteres spannendes Ergebnis der Publikation ist die Identifikation altersabhängiger Unterschiede. Während Partnerschaft, Lebenszufriedenheit, Frieden und Harmonie mit dem Alter offenbar an Wichtigkeit gewinnen, geht die Bedeutung von Selbstverwirklichung, Erfolg und sozialen Netzwerken signifikant zurück. Sicherheit wurde besonders von Personen in der Lebensmitte als wichtig eingeschätzt. Die Publikation diskutiert die Untersuchungsergebnisse vor dem Hintergrund des Neurobiologischen Modells der Motivationssysteme und schlussfolgert, dass lebenslange neurophysiologische Anpassungsprozesse eine plausible Erklärung für die beobachteten Muster darstellen.

Im Rahmen des zweiten Studienteils untersucht Christopher Karwetzky die Hypothese eines U-förmigen Zufriedenheitsverlaufs über das Leben, analysiert verschiedene Prädiktoren von Zufriedenheit und die Beziehung von Glück und Zufriedenheit über das Leben. Das IGVF wird nach abgeschlossener Publikation auf dieser Seite über die Studienergebnisse berichten.


Zu den Publikationen

Listopad/Michaelsen/Werdecker/Esch: Bio-Psycho-Socio-Spirito-Cultural Factors of Burnout: A Systematic Narrative Review of the Literature

Listopad/Esch/Michaelsen: An Empirical Investigation of the Relationship Between Spirituality, Work Culture, and Burnout: The Need for an Extended Health and Disease Model

Karwetzky/Werdecker/Esch: What Matters Most in Life? A German Cohort Study on the Sources of Meaning and Their Neurobiological Foundations in Four Age Groups

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