Jonathan Harth, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Soziologie, berichtet über Forschung zu Computerspielen, virtuelle Welten und eine Verbindung zum Buddhismus.

Die Soziologie des Computers

Was bedeutet Digitalisierung für unsere soziale Praxis? Was ist der Unterschied, mit einem Computer statt mit einem Menschen zu spielen? Welche Maßstäbe setzen wir an, wenn wir mit virtuellen Charakteren in Beziehung treten? Macht es einen Unterschied, ob wir ein moralisches Urteil über einen Menschen oder einen NPC (non-player character) fällen müssen?

Im Rahmen meiner Doktorarbeit „Computergesteuerte Spielpartner. Formen der Medienpraxis zwischen Trivialität und Personalität“ beschäftigte ich mich mit genau solchen Fragen. Obwohl Computerspiele schon lange verbreitet sind, gibt es bisher nur wenige soziologische Forschungsarbeiten dazu. Als technikaffiner Mensch sah ich darin eine Lücke, die ich füllen wollte. Ich merkte schnell, dass die Auseinandersetzung mit künstlichen Sozialpartnern auch eine Auseinandersetzung mit sich selbst als Mensch ist.

Gerade in einer Zeit, in der künstliche Entitäten zunehmend Verbreitung finden – und die Entwicklung ist längst nicht abgeschlossen – verändert sich auch der Blick auf den Menschen. Wie sieht die soziale Praxis der Interaktion mit Computern aus? Gibt es überhaupt Unterschiede zu zwischenmenschlicher Interaktion?

Praktische Forschung

Die Universität Witten/Herdecke bietet mir den idealen Raum, meine Forschung fortzuführen. Hier sind Seminare im Studium fundamentale entstanden, in denen ich gemeinsam mit Studierenden neue Technologien in den Blick nehme. Dabei ist die praktische Auseinandersetzung mit den Forschungsgegenständen unabdingbar, um am eigenen Leib zu erfahren, was digitale Transformation mit dem Menschen macht.

In einem Seminar zum Thema Computerspielen konnten die Teilnehmenden daher in einer Sitzung selbst spielen – für manche tatsächlich eine ganz neue Erfahrung. Noch interessierter waren die Studierenden jedoch an meinem Seminar zu Virtueller Realität (VR). Gerade in Bezug auf virtuelle Räume ergeben sich völlig neue soziologische Fragestellungen, die ich gemeinsam mit den Studierenden bearbeiten möchte. Als Dozent und Forscher profitiere ich dabei von den Impulsen der Seminarteilnehmerinnen und -teilnehmer. Diese für beide Seiten fruchtbare Kooperation zeichnet Witten aus.

Für mich ist es hochinteressant, die Reaktionen von Probanden zu beobachten, die zum ersten Mal Kontakt mit einer VR-Brille haben. Daher entschieden wir uns für ein kleines Experiment und luden im Rahmen des Seminars unterschiedliche Personen dazu ein, zwei VR-Demos zu erleben. Gemeinsam dokumentierten wir ihr Verhalten, führten Interviews und werteten die Ergebnisse anschließend für eine wissenschaftliche Publikation aus.

Präsent sein

Bei aller Begeisterung für die Potenziale des technologischen Fortschritts wird die kritische Auseinandersetzung mit der eigenen Medienpraxis immer wichtiger. Das bedeutet dann zum Beispiel, auch mal das Smartphone wegzulegen, um bewusst der Informationsflut zu entkommen und sich zu fragen: Wo stehe ich gerade? Was ist eigentlich wichtig (ohne dass mir Medien darauf eine Antwort geben)?

Es geht letztlich um die eigene Präsenz in der Welt. In diesem Sinne lässt sich auch meine aktuelle Arbeit im Forschungsprojekt „Buddhismus im Westen“ mit dem Thema der digitalen Transformation der Gesellschaft verknüpfen. Gemeinsam mit zwei Kollegen forsche ich an der Frage, was eine buddhistische Praxis mit Menschen macht, die sie ernsthaft betreiben.

Der Buddhismus trägt das Versprechen in sich, dass man genügsamer werden und ein bescheideneres Selbst entwickeln kann. Über qualitative Interviews untersuchen wir, ob diese Habitustransformation tatsächlich funktionieren kann. Die Ergebnisse werden in frühestens drei Jahren feststehen. Ich bin gespannt, wie sich künstliche Intelligenzen und Virtual Reality bis dahin entwickelt haben und in welchen Welten wir uns dann präsent fühlen werden.