Silhouette Universität Witten/Herdecke
Studium

Medical Exchange Program Mazar

Das Projekt Medical Exchange Program Mazar wurde 2007 vom UW/H-Studenten Baschir Ahmadyar ins Leben gerufen. Zustande kam die Koperation mit den Kollegen aus Mazari Sharif allerdings einige Jahre zuvor, als Ahmadyar, selbst in Kabul geboren und 1997 nach dem Einmarsch der Taliban nach Deutschland geflüchtet, sein Pflegepraktikum in Nordafghanistan leistete. Damals lernt er den Lehrstuhlinhaber für Innere Medizin, PD Dr. H. Jubran, an der medizinischen Fakultät in Mazari Sharif kennen. Gemeinsam entwerfen die beiden den ersten Plan für eine mögliche Zusammenarbeit, die einen nachhaltigen Wiederaufbau sowie eine Verbesserung des damals maroden Ausbildungssystems der Medizinstudierenden vorsieht. Zwar bemerkt Baschir Ahmadyar, dass der theoretische Unterricht recht gut organisiert ist und dass die afghanischen Dozenten stets bemüht sind, den Studierenden das notwendige theoretische Wissen zu vermitteln, allerdings mangelt es überall an Möglichkeiten, die eine praktische Ausbildung der Studierenden gewährleisten könnten. Klinische Untersuchungskurse und ähnliche praxisorientierte Kurse existieren an der Fakultät selbst so gut wie gar nicht und Bedside-Teaching in Krankenhäusern kann aus zeitlichen und organisatorischen Gründen nur begrenzt stattfinden. Besonders problematisch ist die Situation für Frauen, da viele sich aufgrund kultureller Bedingungen in dem Land erst gar nicht trauen, männliche Patienten zu untersuchen.

Aufgrund dieser Tatsachen erarbeiteten Baschir Ahmadyar und seine Kommilitonin Sonja Haverkampf, beide damals noch Medizinstudierende an der UW/H, die Grundkonzeption des Projektes „Medical Exchange Program Mazar“. Ziel ist es, den afghanischen Studentinnen und Studenten die essentiellen praktischen Fähigkeiten und Fertigkeiten zu vermitteln, die im klinischen Alltag von größter Bedeutung sind. Demnach sollen die Studierenden in mehreren Kurseinheiten theoretische und praktische Grundlagen der Notfallmedizin, klinischer Untersuchungen, chirurgischer Naht- und Knotentechnik und  Venenpunktion erlangen. Außerdem werden den jungen afghanischen Medizinern die ersten grundlegenden Fähigkeiten vermittelt, die sie unmittelbar nach dem Studium bei ihrer Tätigkeit als junge Ärzte in der Notaufnahme benötigen.

Seit 2009 wird das „Medical Exchange Program Mazar“ im Rahmen des „Stabilitätspakts Afghanistan“ , der Wiederaufbauprojekte für Ausbildung in Afghanistan finanziert, vom Auswärtigen Amt und vom DAAD unterstützt. Zudem wurde das Programm im Jahr 2009 als Teilprojekt des Auswärtigen Amtes anerkannt. Im Spätsommer des Jahres 2009 wurden erstmals sechs Medizinstudierende – zwei Frauen und vier Männer – sowie ein Dozent der Universität Balkh nach Deutschland eingeladen, um sie an der Universität Witten/Herdecke zu Untersuchungskurstutoren auszubilden. Untersuchungskurstutoren unterstützen den Dozenten bei der Vermittlung praktischer Untersuchungsfähigkeiten an Studierende jüngeren Semesters. Die inhaltliche Betreuung erfolgte durch an der Universität Witten/Herdecke und an ihren Lehrkrankenhäusern tätige Ärzte und Professoren, während Planung, Organisation sowie die Tutorien von Studierenden der UW/H durchgeführt wurde. Im Sommer 2010 erfolgte der Gegenbesuch von fünf deutschen Studierenden in Mazari Sharif. In diesem Zeitraum wurden die Kurseinheiten in Zusammenarbeit mit den dortigen Dozenten nach dem gleichen Muster wie ein Jahr zuvor erfolgreich durchgeführt.

Um diese Wiederaufbauhilfe in Afghanistan langfristig und nachhaltig gewährleisten zu können, sind PD Dr. Jubran und Baschir Ahmadyar zu dem Ergebnis gekommen, dass man vor Ort eine Einrichtung braucht, die das kontinuierliche und intensive Üben sowie das Durchführen der Kurse in regelmäßigen Abständen ermöglicht. Daher wurde im Frühjahr 2011 das Medical Training Center Mazar errichtet. Es entspricht dem internationalen Standard sowohl bezüglich der Ausstattung als auch bezüglich des geforderten Gegenstandkatalogs, in dem festgelegt ist, welche Fähigkeiten ein junger Arzt in den Kursen erlangen muss. Jedes Semester werden in drei Curricula über vier Wochen 136 Studierende in den verschiedenen Kursen ausgebildet. Erfreulicherweise bestätigt die Fakultät für Medizin in Mazari Sharif die Zertifikate dieser Kurse, die nach erfolgreicher Teilnahme ausgehändigt werden, als interne Leistungsnachweise. Somit sind diese Kurse als integraler Bestandteil des Studiums anerkannt. Mit dem ausgearbeiteten Konzept wurde zum Einen genauestens darauf geachtet, dass die  geforderten Kurseinheiten Notfallmedizin, chirurgischer Nahtkurs, allgemein internistischer Untersuchungskurs für Studentinnen und Venenpunktionskurs in regelmäßiger Frequenz durchgeführt werden. Zum Anderen wurde das Spektrum der Kursangebote erweitert. Afghanische Dozenten haben sich bereit erklärt, praktische Kurse in den Fächern Orthopädie, Neurologie sowie einen speziell kardiologischen Kurs anzubieten. Hierzu wurden mit den Dozenten Skripte ausgearbeitet, die die theoretischen Inhalte aufführen.

Inzwischen ist eine Erweiterung des Projektes in Planung. Im Herbst 2012 wollen Dr. Jubran und Baschir Ahmadyar, mit freundlicher Unterstützung des DAAD und Auswärtigen Amtes, eine interdisziplinäre Wundambulanz einrichten, in der primär eine medizinische Konsultation für Patienten mit chronischen Wunden aufgrund von Gefäß- und Stoffwechselerkrankung, Kriegsverletzungen, Tragen von Beinprothesen u.a. möglich sein soll. Das Behandlungsspektrum soll sich von einfachen chirurgischen Wundversorgungen bis hin zur Diagnostik und Behandlung der Krankheitsursache erstrecken. Dies soll von Studierenden, die sich im praktischen Jahr befinden, unter Aufsicht der Dozenten durchgeführt werden.


Ansprechpartner: Baschir Ahmadyar