Krankschreibung ab dem ersten Tag: Hilft das wirklich?

Man sieht eine Situation beim Hausarzt, wie ein Patient mit dem Stethoskop abgehört wird.

Wer krank ist, soll künftig sofort zum Arzt: Die Bundesregierung plant, die Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung bereits ab dem ersten Krankheitstag verpflichtend zu machen. Die bisherige Möglichkeit der telefonischen Krankschreibung soll entfallen. Ziel der Reform ist es, Missbrauch einzudämmen und die Zahl der Krankheitstage zu senken.
Prof. Dr. Achim Mortsiefer, Inhaber des Lehrstuhls für Allgemeinmedizin II und Patientenorientierung in der Primärversorgung an der Universität Witten/Herdecke und selbst praktizierender Hausarzt, sieht die Pläne kritisch. Aus seiner Sicht schaffen sie vor allem zusätzlichen organisatorischen Aufwand – für Beschäftigte und Arztpraxen.

Mehr Bürokratie, weniger Zeit für hilfebedürftige Patient:innen

„Die geplante Regelung erhöht nicht unmittelbar den Druck, trotz Krankheit arbeiten zu gehen. Sie erhöht aber den Aufwand, sich krankzumelden“, sagt Mortsiefer. Vor allem die Folgen für Hausarztpraxen sieht der Allgemeinmediziner kritisch. „Eine verpflichtende Krankschreibung ab dem ersten Krankheitstag würde das Arbeitsaufkommen massiv erhöhen – zum Nachteil der Patient:innen, die nicht ohne ärztliche Unterstützung genesen können.“
Ob die Zahl der Krankmeldungen dadurch tatsächlich sinken würde, hält Mortsiefer für fraglich. Denkbar sei sogar das Gegenteil: „Hat eine kranke Person das Sprechzimmer einmal erreicht, wird möglicherweise direkt für mehrere Tage krankgeschrieben.“

Telefonische Krankschreibung hat sich bewährt

Auch die geplante Abschaffung der telefonischen Krankschreibung bewertet Mortsiefer kritisch. „Wir haben mit diesem Instrument sehr gute Erfahrungen gemacht.“ Es habe Praxen entlastet und unnötige Kontakte vermieden, ohne dass sich Hinweise auf einen systematischen Missbrauch ergeben hätten.
Dass strengere Regeln automatisch zu weniger Krankmeldungen führen, bezweifelt der Allgemeinmediziner grundsätzlich. 
Als Beispiel nennt er die Niederlande: Dort können Beschäftigte sich über einen längeren Zeitraum selbst krankmelden – und trotzdem liegt der Krankenstand unter dem deutschen.
Ob die angekündigten Änderungen tatsächlich umgesetzt werden, bleibt für Mortsiefer offen. „Ich kann mir kaum vorstellen, dass diese Regelung in Kraft treten wird. Sie würde zu Chaos und erheblichen Kostensteigerungen führen, weil deutlich mehr Menschen allein für eine Krankschreibung die Praxen aufsuchen müssten.“
 

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