RMI-Debatte: „Verkannte Gaben – Wie tickt die Wirtschaft wirklich?"

Symbolbild eines Gemäldes zum Thema Gaben

Braucht die Wirtschaft Gaben?

Der Tausch als kalkulierte Leistung und Gegenleistung gilt als typisch für den Wirtschaftsprozess. Mit Kauf- und Arbeitsverträgen kann man jedoch nur bedingt erklären, was die Wirtschaft tagtäglich am Laufen hält. Verkannt wird meist, wie stark das Funktionieren von Märkten und Betrieben von „Gaben“ abhängt. Das sind Beiträge, die nicht vertraglich erwartet werden können, die nicht um eines Nutzens willen gegeben werden und die dennoch – und deshalb – dem Gemeinwohl dienen und die Grundlagen der Wirtschaft stärken, besonders wenn sie weitere Gaben anderer auslösen.

Das Konstrukt der Gabe ist in den Wirtschaftswissenschaften kein Mainstream. Es ist schwer vereinbar mit dem nach wie vor dominanten Utilitarismus und Rationalismus der Ökonomie. In den Sozial- und Kulturwissenschaften sieht das anders aus. Seit vor gut 100 Jahren Marcell Mauss die Gabe als Form der sozialen Interaktion analysierte, hat sie viele Ausdeutungen und Anwendungen erfahren, auch an den interdisziplinären und kritischen Rändern der Wirtschaftswissenschaften.

Die Gabe schafft Verbindungen statt Verbindlichkeiten. Das Konstrukt verdeutlicht die soziale Einbettung wirtschaftlicher Beziehungen, doch es ist nicht gänzlich unproblematisch: Debattiert wird über die Abgrenzbarkeit zu anderen Interaktionsformen und über den moralischen Gehalt eines wohl uneigennützigen Verhaltens, das sich als ineffizient oder gar toxisch herausstellen kann.

Die drei renommierte Gastreferenten Günther Ortmann, Birger Priddat und David Seidl wollen bei der RMI-Debatte neue Akzente in dieser Thematik setzen und Impulsgeber für die Anerkennung des Gebens in der Wirtschaft sein.

Günther Ortmann wendet sich in seinem neuen Buch „Über den Vertrag hinaus: Von Gaben und anderen Zutaten der Arbeit“ (2026, Velbrück) gegen den Utilitarismus der Ökonomie und präsentiert eine Fülle von Beiträgen, die Menschen in Unternehmen erbringen, weil es ihnen um Würde und Anstand geht. Man hilft oder kümmert sich, nicht weil man persönlich verpflichtet ist, sondern weil man das eben so macht, wenn man Teil der Gesellschaft ist. Diese freiwilligen Beiträge werden meist verkannt und Unternehmen erwidern sie kaum, obschon sie essentiell sind.

Birger Priddat unternimmt im Buch „Der Markt der befreundeten Bürger im reichen Athen“ (2025, Metropolis) eine gabentheoretische Revision der Ökonomie der Freundschaft von Aristoteles, die er zwischen polis und oikos verortet und die mehr beinhaltet als nur Großzügigkeit und Freigiebigkeit. Bisher kaum beachtet wurde die Interaktionsform des „Teilens“ im freundschaftlichen Netzwerk. Es ist ein Abgeben an Bedürftige – ohne viel Stolz oder Aufwand– und dabei evokativ, weil es zur Nachahmung anregt und so Freundschaftsbeziehungen multilateral festigt.

David Seidl vertritt eine praxistheoretische Perspektive auf Strategieprozesse in und um Unternehmen. Ähnlich der Kritik am Utilitarismus wendet sich Strategy-as-Practice auch gegen den Rationalismus ökonomischen Entscheidens. Die Ausrichtung eines Unternehmens ist nur teilweise Ausdruck formaler Verfahren, Pläne und Maßnahmen. Oft wird wenig beachtet, wie Strategien kontinuierlich durch ein informelles und emergentes Zutun Vieler geprägt werden. Analogien zur Gabe sind naheliegend, wie auch umgekehrt dieses Zutun in Gabenpraktiken besteht.

Doch werfen diese Ideen auch neue Fragen auf, die die Referenten untereinander als auch in der Diskussion zu beantworten versuchen wollen:

  • Wieviel hängt wirklich von Gaben ab?
  • Sind sie mehr als ein Nebenschauplatz der Wirtschaft?
  • Wie kann man beurteilen, ob sie dem Individuum, dem Unternehmen, dem Netzwerk oder der Gesellschaft zuträglich sind?
  • Wann wären Gaben eher unerwünscht und aus wessen Sicht?

 

Moderiert wird die RMI-Debatte von Prof. Dr. Guido Möllering, Direktor und Lehrstuhlinhaber am Reinhard-Mohn-Institut für Unternehmensführung der Universität Witten/Herdecke.

Eine ausführliche Beschreibung gibt es  hier.

Die Teilnahme an der Veranstaltung inklusive eines kleinen Empfangs im Anschluss ist kostenlos nach vorheriger Anmeldung.

Zu den Referenten

Prof. Dr. Dr. h.c. em. Günther Ortmann ist emeritierter Professor für Betriebswirtschaftslehre an der Helmut-Schmidt-Universität, Hamburg und war von 2014 bis 2022 Forschungsprofessor für Führung am Reinhard-Mohn-Institut für Unternehmensführung der Universität Witten/Herdecke. (Günther Ortmann, Über den Vertrag hinaus: Gaben und andere Zutaten der Arbeit, Velbrück Wissenschaft, 1. Auflage erscheint im März 2026, ISBN 978-3-95832-430-5).

Prof. Dr. em. Birger P. Priddat war Inhaber des Lehrstuhls für Volkswirtschaftslehre und Philosophie und ist seit 2022 Senior Research Fellow am „WittenLab. Zukunftslabor Studium fundamentale“ an der Universität Witten/Herdecke, wo er zeitweise auch als Präsident und Dekan tätig war. (Birger P. Priddat, Der Markt der befreundeten Bürger im reichen Athen: Zur Revision der politischen Ökonomie des Aristoteles („Wirtschaftsphilosophie“ Vol. 14), Metro¬polis, 1. Auflage erschienen im Dezember 2025, ISBN 978-3-7316-1625-2).

Prof. David Seidl, PhD ist Professor für Betriebswirtschaftslehre, insbesondere Organisation und Management an der Universität Zürich. Vor Beginn seiner Promotion an der Universität Cambridge war er ein Jahr als Dozent an der Universität Witten/Herdecke tätig. (Damon Golsorkhi, Linda Rouleau, David Seidl und Eero Vaara (Hrsg.), Cambridge Handbook of Strategy as Practice, Cambridge University Press, 3. Auflage erschienen im Januar 2025, ISBN 978-1-009-21607-4).