Verkannte Gaben in der Wirtschaft

Günther Ortmann, Birger Priddat, Guido Möllering und David Seidl diskutieren zusammen auf der Bühne

Bei dieser RMI-Veranstaltung ging es um Praktiken, die nicht zu gängigen Vorstellungen von Ökonomie passen. Der Tausch als kalkulierte Leistung und Gegenleistung gilt als typisch für den Wirtschaftsprozess. Mit Kauf- und Arbeitsverträgen kann man jedoch nur bedingt erklären, was die Wirtschaft tagtäglich am Laufen hält. Verkannt wird meist, wie stark das Funktionieren von Märkten und Betrieben von „Gaben“ abhängt. Das sind Beiträge, die nicht vertraglich erwartet werden können, die nicht um eines Nutzens willen gegeben werden und die dennoch – und deshalb – dem Gemeinwohl dienen und die Grundlagen der Wirtschaft stärken.

Drei renommierte Gastreferenten setzten bei der RMI-Debatte neue Akzente in dieser Thematik: Günther Ortmann (HSU) präsentierte aus seinem neuen Buch „Über den Vertrag hinaus“ zentrale Thesen, was es bedeutet, dass Menschen in Unternehmen Dinge beitragen, obschon sie keinen direkten Nutzen davon haben, weil es ihnen um Würde und Anstand geht. Birger Priddat (UW/H) ordnete die Gabentheorie wirtschaftsphilosophisch ein und zeigte von Aristoteles bis in die Neuzeit, wie etwa das „Teilen“ stets eine wichtige Rolle gespielt hat. David Seidl (Uni Zürich) vertrat eine praxistheoretische Perspektive und schlug vor, auf Gaben als Praktiken zu schauen und damit in der neueren Organisationstheorie einen besseren Anschluss zu finden als mit einer weiteren Kritik an Rational Choice-Modellen. In der weiteren, teils auch kontroversen Diskussion der Referenten mit den Gästen und untereinander wurden viele relevante Aspekte herausgearbeitet. Dass Wirtschaft mehr als Tausch braucht, war jedoch allen klar.

Den Veranstaltungsflyer mit weiteren Informationen gibt es hier