Viele Klicks, wenig Wahrheit – die falschen Diagnosen auf TikTok
Eine Studie unter Beteiligung der Universität Witten/Herdecke hat erstmals deutschsprachige TikTok-Videos zu psychischen Störungsbildern untersucht und herausgefunden: Die meisten Inhalte sind falsch.
„ADHS ist eine Superkraft“, „Narzissten lieben nicht“, „Autistische Menschen haben keinen Orientierungssinn“. Solche Aussagen erreichen auf TikTok Millionen Menschen. Eine neue Studie mit Beteiligung der Universität Witten/Herdecke (UW/H) zeigt jetzt: Nur knapp jedes fünfte untersuchte Video vermittelt fachlich korrekte Inhalte. Die Mehrheit war falsch, sie enthielt falsche oder stark vereinfachte Aussagen, viele weitere Videos schilderten lediglich persönliche Erfahrungen.
Für die Studie analysierten die Forschenden 177 deutschsprachige TikTok-Videos zu ADHS, Depression, Autismus, Narzissmus und posttraumatischer Belastungsstörung. Die Videos kamen zusammen auf mehr als 94 Millionen Aufrufe.
„Dass wir problematische Inhalte finden würden, hatten wir erwartet“, sagt Aaron Mroß, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Klinische Psychologie und Psychotherapie II der UW/H. „Dass aber so viele Videos falsche Informationen verbreiten, hat uns doch überrascht.“ Konzentrationsprobleme würden auf TikTok etwa schnell mit ADHS gleichgesetzt, obwohl sie viele Ursachen haben können.
Besonders viele falsche Inhalte zu Narzissmus auf TikTok
Am schlechtesten schnitten Videos über Narzissmus ab. Kein einziges der analysierten Videos wurde als korrekt bewertet. Viele Inhalte zeichneten Menschen mit narzisstischer Persönlichkeitsstörung pauschal als kalt, manipulativ oder beziehungsunfähig. „Das wird den Betroffenen nicht gerecht“, sagt Mroß. „Viele dieser Menschen haben selbst schwere, belastende Erfahrungen gemacht.“ Deutlich verlässlicher waren Videos über posttraumatische Belastungsstörungen. Hier veröffentlichten häufiger Expert:innen Inhalte, außerdem seien Ursache und Symptome oft leichter zu erklären.
Viel Reichweite, wenig Expertise
Nur rund 18 Prozent der analysierten Videos stammten überhaupt von Fachleuten wie Psycholog:innen oder Ärzt:innen. Die meisten Inhalte kamen von Betroffenen oder Laien.
Die Forschenden warnen deshalb davor, alltägliche oder unspezifische Symptome vorschnell als selbstdiagnostizierte psychische Erkrankung oder Störungsbilder zu deuten. Gleichzeitig könne der Austausch auf Social Media helfen, Erfahrungen sichtbar zu machen und Stigmata abzubauen – solange persönliche Erlebnisse nicht als medizinische Fakten dargestellt werden.
Der Rat der Autor:innen daher: solche Informationen auf Social Media kritisch zu hinterfragen und besonders darauf zu achten, wer die Videos produziert. Wer den Verdacht hat, selbst betroffen zu sein oder Unterstützung benötigt, sollte sich an Expert:innen wenden – etwa an Psychotherapeut:innen oder Psychiater:innen. Hilfestellen sind beispielsweise die Terminservicestellen der Krankenkassen, das Zentrum für Psychische Gesundheit und Psychotherapie (ZPP) oder in akuten Fällen psychiatrische Kliniken wie das Gemeinschaftskrankenhaus Herdecke.
Weitere Informationen:
An der Studie beteiligt waren neben der Universität Witten/Herdecke Forschende der Universität Duisburg-Essen, der LVR-Universitätsklinik Essen, der Universität Bielefeld sowie der Tokyo Medical and Dental University in Japan. Die Untersuchung entstand in internationaler Zusammenarbeit zwischen Psychologie, Psychiatrie und Neurowissenschaften.
Fotos zum Download
Ansprechpartnerin

Svenja Malessa
Pressereferentin
Administration | Kommunikation & Marketing
Alfred-Herrhausen-Straße 48
58455 Witten
Raumnummer: 2.F05
