Von Witten nach Madrid: Wie Nicole Steller an der UW/H ihren Weg in die Wissenschaft fand
Nicoles Herz schlägt für Musik und für Unternehmen. In ihrem Studium an der Uni Witten/Herdecke konnte sie beides miteinander verbinden und entschied sich danach für eine akademische Laufbahn.
Viele ihrer Kommiliton:innen aus dem Management-Studium an der Uni Witten/Herdecke haben klassische Karrierewege in der freien Wirtschaft eingeschlagen, arbeiten heute in Unternehmen oder beraten Organisationen. UW/H-Alumna Nicole Steller hätte diesen Weg ebenfalls gehen können. Doch sie entschied sich anders. Sie wollte die Mechanismen in Organisationen hinterfragen und verstehen, warum Unternehmen handeln, wie sie handeln. Welche Rolle spielen Werte, Strategien und gesellschaftliche Erwartungen?
Studienstart an der UW/H: Zwischen Orchester, Gemeinschaft und erster Orientierung
Bereits vor Studienbeginn war Nicole mit der UW/H verbunden. Als Violinistin spielte sie im Uni-Orchester und erlebte dort eine Gemeinschaft, die sie nachhaltig beeindruckte. Das Sommerfest 2014 während der Fußball Weltmeisterschaft auf dem Campus ist ihr besonders im Gedächtnis geblieben: aufgeschütteter Sand, Palmen, Public Viewing und eine ausgelassene Stimmung! Studierende, Lehrende und Mitarbeitende kamen zusammen und feierten gemeinsam. Für sie war das ein Moment der Klarheit: „Hiervon will ich ein Teil werden.“

Nicole begann ihr Studium im Fach Kulturreflexion, Philosophie und kulturelle Praxis, das ihr eine intensive Auseinandersetzung mit kulturellen und gesellschaftlichen Fragen ermöglichte. Musik blieb dabei ein wichtiger Bestandteil ihres Lebens. Gleichzeitig fehlte ihr bei diesem überwiegend philosophischen Studium etwas Handfestes. Nach zwei Semestern entschied sie sich, zusätzlich Management zu studieren. Mit dieser Kombination wollte sie ihre beiden Leidenschaften miteinander verbinden. Während ein Professor aus dem Auswahlkomitee zunächst daran zweifelte, eine Studentin mit Kulturhintergrund könnte in dieser Fachrichtung Fuß fassen, war für Nicole klar: „Genau deswegen gehöre ich hierhin. Schon in der Schule habe ich Mathe und Statistik geliebt.“ Ihre Motivation und ihre Kompetenzen überzeugten – und Nicole erhielt die Zusage!
Mit dem Zweitstudium änderte sich ihre Studienerfahrung grundlegend: Unter den Management-Studierenden fand sie neuen Anschluss, engagierte sich in der Hochschulpolitik und begann, Verantwortung zu übernehmen. „Da habe ich zum ersten Mal Selbstwirksamkeit an der Uni gespürt. Ich musste meinen Platz erst finden, aber es war definitiv die richtige Entscheidung.“ Gleichzeitig lernte sie, die unterschiedlichen Perspektiven aus ihren zwei Welten zusammenzubringen.
Erste Forschungserfahrungen im Studium: Der Grundstein für die spätere Promotion
Freude am wissenschaftlichen Arbeiten erfuhr Nicole insbesondere während der Erarbeitung ihrer Bachelorarbeit. Darin untersuchte sie die nonverbale Kommunikation von Führungskräften und zog Parallelen zwischen Dirigent:innen und Manager:innen. „Ich hatte ein konkretes Projekt, das ich selbstständig bearbeiten und in dem ich das Wissen aus beiden Studiengängen anwenden konnte. Dabei ist mir das Herz aufgegangen“, erinnert sich Nicole. Das positive Feedback ihres Betreuers bestärkte sie. Zum ersten Mal entstand die Idee, dass wissenschaftliches Arbeiten mehr sein könnte als nur ein Teil des Studiums.
Dennoch blieb ihr Weg nach dem Bachelor zunächst offen. „Wir befanden uns mitten im Lockdown – und ich mich in einer Sinnkrise“, erzählt sie. Die Perspektiven in der Kulturbranche waren aufgrund der Corona-Pandemie unsicher. So rückte Musik beruflich in den Hintergrund und Nicole konzentrierte sich aufs Management. Ihren ersten Job begann sie bei der ARDEX Group im Projektmanagement für Digitalisierung. Dort konnte sie Praxiserfahrungen sammeln, fand aber keine Erfüllung. „Ich wusste nicht, wo ich reinpasse“, so die 28-Jährige.

Die Entscheidung für einen Master war schließlich auch eine Entscheidung für Orientierung. „Ich wollte mein Profil schärfen und einen klaren Fokus setzen. Die Lund University in Schweden stand mit ihrem international guten Ruf ganz oben auf meiner Liste. Als ich die Zusage bekam, war es für mich wie ein Sechser im Lotto.“ Das einjährige Master-Programm Strategic Management war intensiv und eröffnete ihr neue Perspektiven auf wirtschaftliche Zusammenhänge.
Promotion an der UW/H: Freiheit, Zweifel und persönliches Wachstum
Die Entscheidung zur Promotion führte sie 2022 zurück an die UW/H. Bei einem Heimatbesuch in den Weihnachtsferien und einer Stippvisite an ihrer Alma Mater erfuhr sie von einem ehemaligen Kommilitonen von der freien Doktorandenstelle am Reinhard-Mohn-Institut für Unternehmensführung (RMI).

Das vertraute Umfeld, die enge Begleitung und die Möglichkeit, ihr Thema eigenständig zu entwickeln, gaben schließlich den Ausschlag. Nicole: „Meinen Betreuer, Prof. Dr. Guido Möllering, kannte ich bereits aus dem Bachelor-Studium und habe ihn besonders für seine qualitative Forschung und seinen Blick auf Organisationen geschätzt.“ So beschloss sie, die Chance zu ergreifen und ihren wissenschaftlichen Weg zu ebnen.
Den Einstieg beschreibt Nicole als Achterbahn der Gefühle: „Ich war super motiviert, hatte mein eigenes Büro, ein spannendes Forschungsthema und absolute Freiheit, dieses zu bearbeiten.“ Diesen Entfaltungsraum erlebt sie als sehr besonders und kennzeichnend für die Uni. Gleichzeitig gab es aber auch Momente, in denen sie mit der Offenheit überfordert war. „Meine Freund:innen hatten inzwischen Jobs in Unternehmen und klare Aufgaben, während ich immer noch in der Findungsphase war.“
Was ihr half, waren Willenskraft und Motivation. Um sich selbst zu strukturieren, entwickelte sie feste Arbeitsroutinen. Außerdem ergriff sie Initiative, baute sich ein eigenes Chief Purpose Officer Netzwerk auf, besuchte Konferenzen, meisterte die Herausforderung des ersten Papers und begann, ihre Forschung sichtbar zu machen. Ein erster wichtiger Schritt war eine Präsentation vor Fachpublikum in Helsinki. „Ich war extrem aufgeregt. Aber mit den Erfahrungen wuchs die Selbstsicherheit“, erzählt sie.
Forschung zu Corporate Purpose: Zwischen Anspruch und Realität
Im Zentrum ihrer Dissertation stand ein Thema, das viele Unternehmen beschäftigt: Corporate Purpose, also der übergeordnete Unternehmenszweck. Nicole untersuchte, wie Organisationen versuchen, Sinn und gesellschaftliche Verantwortung in ihre Strategien zu integrieren – und welche Herausforderungen damit verbunden sind. „Während des Studiums hatte ich mich mit einem Verein aus Berlin beschäftigt, der sich für soziales und nachhaltiges Unternehmertum einsetzt. Gleichzeitig habe ich mich gefragt, wie große Konzerne damit umgehen. Wie kann es gelingen, dass Unternehmen dem Purpose auch in schwierigen Phasen bei starkem Shareholder-Druck treu bleiben? Wie bringt man Wirtschaftlichkeit und Gemeinwohl zusammen? Das wollte ich herausfinden.“ Dabei entwickelte sie eine differenzierte Perspektive. Purpose kann Orientierung schaffen und positive Veränderungen anstoßen. Gleichzeitig besteht die Gefahr, dass er lediglich als Marketinginstrument genutzt wird. Nicoles Forschung trägt dazu bei, diese Ambivalenz sichtbar zu machen und Unternehmen eine fundierte Grundlage für Entscheidungen zu bieten.

Vom PhD zur Juniorprofessur: Wie Nicole sich im Wissenschaftsnetzwerk etablierte
Nicoles Promotionsphase war geprägt von intensiver Arbeit und Lernfortschritten, aber auch von gelegentlichen Zweifeln. Doch die Anerkennung aus ihrem Forschungsumfeld gab ihr recht. „Festzustellen, dass die Abstimmungsrunden für Publikationen kürzer wurden, war schon toll. Im Februar 2026 kamen zwei Oxford-Handbook-Kapitel zum Thema Social Purpose heraus mit mir als Autorin. Wow! An solchen Meilensteinen merke ich: Ich kann das und bin gut in dem, was ich tue“, erzählt sie.
Mit Veröffentlichungen in renommierten Fachzeitschriften und ihrer Promotion „summa cum laude“ hat sich Nicole inzwischen ein starkes wissenschaftliches Profil erarbeitet.
Heute verbindet Nicole Forschung und Lehre in einem internationalen Umfeld. Dafür ist sie nach Spanien gezogen und arbeitet als Assistant Professor an der ESCP Business School in Madrid. „Die Stelle ist das Größte, was mir hätte passieren können. Ich bin sehr glücklich – jeden Tag aufs Neue“, sagt die 28-Jährige. Ihr wissenschaftlicher Fokus liegt weiterhin auf der Frage, wie Purpose langfristig Organisationen prägt und wie sich diese Entwicklungen empirisch untersuchen lassen. Die Freiheit in ihrer Arbeit beschreibt sie als großes Privileg. Gleichzeitig erfordert dieser Weg ein hohes Maß an Selbstorganisation und Eigenverantwortung. Nicole: „Manchmal beschreibe ich meine Arbeit als ein kleines Unternehmen, das ich mit mir selbst führe, weil ich so viele verschiedene Bereiche bedienen muss. Auch ich brauche langfristig eine Perspektive, eine Strategie und muss meine Ressourcen managen.“
Die UW/H als Wegbegleiterin – selbst über das Studium hinaus
Ein Stück Witten behält sie sich auch in ihrem neuen Umfeld bei. „Besonders die Nähe zu meinen Studierenden ist mir wichtig. Jede Person hat ja eine Geschichte, einen individuellen Hintergrund – und das versuche ich zu berücksichtigen. Dieses Semester gebe ich ein Seminar zu Management in Familienunternehmen. Mit meinem Erfahrungsschatz aus Witten und dem dort ansässigen Institut für Familienunternehmen könnte es nicht besser passen. Es ist eine super Gelegenheit, das, was ich noch von früher aus meinem Bachelor kenne, weiterzuentwickeln. Es sind aber vor allem der Freiheitsgeist und der Mut, über sich selbst hinauszuwachsen, die ich weitergeben möchte.“