Die Klassenzimmer Europas unter der Lupe: Philipp Raschke erforscht im PPE-Master europäische Bildungskulturen

Philipp Raschke steht vor einer Glasvitrine, über der das Namensschild einer Schule hängt.

Schüler:innen gehören verschiedenen Häusern, sogenannten Houses, an, sammeln Punkte für ihre Teams und treten in sportlichen Wettbewerben gegeneinander an. Sie tragen Schuluniformen und warten am Ende jeder Stunde diszipliniert hinter ihren Bänken auf das Zeichen der Lehrkraft, bevor sie den Raum der Reihe nach verlassen. Über allem liegt das Selbstverständnis einer Schule, deren Traditionen bis ins 17. Jahrhundert zurückreichen. Was viele nur aus Romanen über britische Internate oder fiktive Zauberschulen kennen, erlebte Philipp Raschke Anfang 2026 hautnah. Für seine Masterarbeit im Studiengang PPE – Philosophy, Politics und Economics hospitierte er an einer Sekundarschule im englischen Sleaford und tauchte in den Alltag einer für ihn fremden Bildungskultur ein. Wenige Wochen später reiste er weiter nach Helsinki, um auch den finnischen Schulalltag zu erleben.

„Meine Motivation war und ist es, mich mit Bildung und Bildungssystemen international zu beschäftigen. Mich interessiert es, wie sich der Schulalltag in anderen Ländern gestaltet. Ob es Gemeinsamkeiten oder große Unterschiede aufgrund individueller kultureller Hintergründe und Traditionen gibt“, sagt Philipp. Um seinen Forschungsansatz zu verfolgen, wählte Philipp einen ethnografischen Ansatz: Als stiller Beobachter begleitete er den Unterricht, analysierte Lehrmethoden, Routinen und Rituale, die räumliche Gestaltung der Schulen sowie Interaktionen zwischen Schüler:innen und Lehrkräften. Im nächsten Schritt führte er Gespräche mit Schüler:innen, um zu erheben, wie sie ihren Schulalltag erleben und was Bildung für sie bedeutet. „Ich arbeite sehr gern mit jungen Menschen zusammen. Deshalb war es für mich das Wichtigste zu erfahren, was die Schüler:innen denken und fühlen. Durch die Interviews habe ich sehr persönliche Einblicke und wertvolle Erkenntnisse gewonnen.“

Warum PPE der richtige Ort für sein Forschungsvorhaben ist

Wenn Philipp mit Kommiliton:innen über das Thema seiner Masterarbeit spricht, reagieren die meisten verwundert. Bei der Fächerkombination aus Philosophie, Politik und Ökonomik bewegen sich viele seiner Mitstudierenden an den Schnittstellen dieser Disziplin. Für Philipp ist die Brücke zur Bildung jedoch keineswegs konstruiert. 

Porträt Philipp Raschke

„In unserem Studium geht es darum, besser zu verstehen, wie die Welt funktioniert. Wir betrachten gesellschaftliche, politische und wirtschaftliche Probleme unserer Zeit und versuchen, Lösungen zu entwickeln. Und dabei ist Bildung ein wichtiges Thema.“

Der breite und generalistische Ansatz des Masterstudiengangs war einer der Gründe, warum Philipp sich 2023 für die UW/H entschieden hat. Zuvor hatte er seinen Bachelor in Management and Technology in München absolviert und anschließend zwei Jahre lang in einer Stiftung im Bereich Bildung und Gesundheit gearbeitet. Während dieser Zeit entstand der Wunsch, seine praktischen Erfahrungen mit theoretischem Wissen zu untermauern und Bildungsfragen wissenschaftlich zu untersuchen. „Mein ursprünglicher Plan war es, im Master VWL zu studieren. Ich wollte einfach mehr von den Mechanismen unserer Gesellschaft verstehen. Aber dann bin ich auf PPE aufmerksam geworden und fand besonders den Schwerpunkt Development Economics, also Entwicklungsökonomie, sehr spannend.“ 

Neben den Inhalten überzeugten ihn vor allem die kleinen Seminargruppen und die enge Begleitung. Besonders wichtig ist für ihn die Unterstützung durch Studiengangleiter Prof. Dr. Joachim Zweynert, der auch Philipps Masterarbeit betreut. „Bereits vor einem Jahr haben wir uns für ein erstes Brainstorming zusammengesetzt und er hat mir wertvolle Impulse gegeben“, erzählt Philipp. Ausschlaggebend für sein heutiges Forschungsthema war das Seminar „Institutional Economics“, das informelle Institutionen, also sozialen Normen und kulturelle Regeln, behandelte. „Genau diesen Ansatz wollte ich auf Bildung übertragen und schauen, welche Rolle Kultur im Bildungssystem spielt“, erzählt Philipp. Durch Prof. Zweynerts Unterstützung für sein Interesse an Bildungsthemen fühlte er sich in seinem Vorhaben bestärkt. „Das ist nicht selbstverständlich, vor allem, weil man mit ethnografischer Forschung in meinem Fachbereich etwas vom üblichen Weg abweicht.“ 

Die Gestaltungsfreiheit im Studium sieht Philipp als große Stärke der UW/H. Gleichzeitig schätzt er die Nahbarkeit der Lehrenden. „Sie begegnen uns auf Augenhöhe und sind immer bereit für einen fachlichen Austausch. Wenn man Eigeninitiative mitbringt, rennt man hier offene Türen ein.“

Ausschnitt einer britischen Häusersiedlung.
Was Bildungskulturen in Europa unterscheidet und was sie voneinander lernen können

Während seiner Feldforschung in England und Finnland beobachtete Philipp deutliche Unterschiede zwischen den beiden Schulen, die er besucht hat. Dabei betont er jedoch, dass seine Beobachtungen in einem begrenzten Zeitraum an nur zwei Einrichtungen nicht pauschal für ganze Länder stehen können.

In England erlebte er eine Schule, die für hohen Anspruch an ihre Schüler:innen, Wettbewerb und Disziplin, aber genauso für ein großes Bewusstsein für mentale Gesundheit steht. Gleichzeitig ermöglichte sie den Schüler:innen, sich durch ein vielfältiges Angebot außerschulischer Aktivitäten auszuprobieren, beispielsweise Reisen ins Ausland, auf denen sie sich karitativ engagieren und wertvolle Erfahrungen sammeln können.

Das Schulleben in Finnland war aus Philipps Sicht durch eine entspanne Atmosphäre und einem hohen Maß an selbstbestimmten Lernen geprägt. „Die Schüler:innen haben sehr viel Autonomie.“ Beeindruckt hat ihn dort vor allem die ganzheitliche Unterstützung der Jugendlichen. „Körperliche und mentale Gesundheit sind sehr stark in den Schulalltag integriert“, erzählt der Masterstudent. 

Blick auf die Skyline der finnischen Hauptstadt Helsinki. Zwischen beiden Ufern liegt ein Zufluss zum Meer.

„Es gibt Schulpsychologen, eine Schulkrankenschwester, die regelmäßige Gesundheits-Check-ups durchführt, Beratungslehrkräfte für individuelle Stundenpläne, Youth Workers und sogar einen School Coach für Pausenaktivitäten.“ Auch das Mittagessen ist für alle Schüler:innen in Finnland komplett kostenfrei. Diese Unterschiede in den institutionellen Rahmenbedingungen sind für Philipps Untersuchung besonders aufschlussreich.

Forschung verändert auch den Blick auf sich selbst

Die Auslandserfahrung hat Philipp nicht nur fachlich weitergebracht, sondern ihn auch persönlich gestärkt. „Ich würde mich eher als introvertiert beschreiben“, erzählt er. „Neue Leute kennenzulernen, bereitet mir Freude, ist für mich aber zu Beginn immer mit Unsicherheit verbunden.“ Während seiner Reise merkte er jedoch, wie schnell er mit unterschiedlichsten Personen ins Gespräch kam. „In England bin ich bei einem Ehepaar untergekommen und konnte dadurch engen Kontakt zu Menschen vor Ort knüpfen. Mein Gastgeber war Pfarrer, studierter Anthropologe und Theologe und hat viel mit mir über mein Forschungsthema gesprochen. In den Schulen waren vor allem die informellen Gespräche im Lehrerzimmer mit den Lehrenden sehr wertvoll.“

Besonders reizvoll war für ihn die Selbstorganisation: Eine sechswöchige Reise zu planen, Kontakte zu Schulen zu knüpfen, Unterkünfte zu finden und Sprachbarrieren zu überwinden. „Ich liebe es, in andere Kontexte einzutauchen! Aber dafür braucht es Mut und Eigeninitiative. Diese Erfahrung hat mich bestärkt, neue Herausforderungen aktiv anzugehen.“ Für seinen Auslandsaufenthalt hat Philipp eine Förderung über ein Stipendium bei der Stiftung der deutschen Wirtschaft (sdw) erhalten.

Zukunftspläne zwischen Klassenzimmer und akademischer Laufbahn

Wie es nach dem Master weitergeht, ist für Philipp aktuell noch offen. Der Gedanke an den Lehrerberuf begleitet ihn schon länger. Gleichzeitig kann er sich inzwischen auch eine wissenschaftliche Laufbahn vorstellen. „Bisher hatte ich eine Promotion für mich ausgeschlossen, weil ich nicht für mich alleine forschen wollte. Doch in einem sozialen Setting, wie ich es jetzt erleben konnte, habe ich das Thema nochmal neu bewertet. In England finden in diesem Jahr zwei Konferenzen im Bereich Educational Ethnography statt, die ich gerne besuchen würde, um mich mit anderen Forschenden in diesem Bereich auszutauschen, die das hauptberuflich machen.“ Ob im Klassenzimmer oder in der Forschung – Bildung bleibt für Philipp ein Herzensthema, das er weiterverfolgen will.

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