Literatur und Philosophie: Eine internationale Konferenz

Das Foto zeigt die aufgefächerten Seiten eines Buches im Detail.

Philosophie und Literatur sind zwei kulturelle Formen, die einander ähneln. Beide versuchen sich über die Welt mit sprachlichen Mitteln zu verständigen und hinterlegen ihre Welterschließungen zumeist in schriftlich fixierten Texten. Beide können dieselben Inhalte behandeln.

Seit der Aufklärung sind mögliche Gemeinsamkeiten von Philosophie und Literatur jedoch tendenziell zum Problem geworden. Mit Newton und Kant orientiert sich die Philosophie am Wahrheitswert der Wissenschaften. Die Literatur wird dem Bereich der schönen Künste zugeordnet. Dem widersprach die Romantik. Die Wissenschaft, so Schelling, möge erst einmal dort hinkommen, wo die Kunst schon ist. In der direkten Folge versuchte Hegel in der Sache zu vermitteln. Im Zentrum steht jedoch weiterhin die Kontroverse. Nicht nur Nietzsche, Lukács, und Heidegger sind ihre Protagonisten.

Noch für Adorno ist die wissenschaftliche Erschließung der Welt gescheitert, da sie eine instrumentelle Vernunft ausgebildet hat, die zur Beherrschung von Mensch und Natur beigetragen hat. Indem sich die Ästhetik von der empirischen Realität trennt, kann sie dem Identitätszwang entkommen und dem Nichtidentischen, Fremden und Anderen beistehen. Paul Celan und Samuel Beckett sind Gewährsleute in dieser Sache. In seinem berühmten Text „Der Essay als Form“, der geradezu als Programmschrift der Trennung von Erkenntnis und Wissenschaft gelten kann, fordert Adorno das methodische Vorgehen in der Wahrheitsfrage aufs Extremste heraus. Im Positivismusstreit rät er den Parteigängern der empirischen Wissenschaften, sich nicht mit Protokollsätzen, sondern besser mit Karl Kraus' Sprachkritik zu befassen.

Habermas hingegen erweitert das Verständnis von Wissenschaft. Neben dem technischen gibt es auch ein emanzipatorisches Erkenntnisinteresse, wie es etwa die Psychoanalyse verfolgt. Die Erweiterung erfordert eine Differenzierung. Demnach müsse der Gattungsunterschied zwischen Philosophie und Literatur erkannt und beachtet werden. Ein Vorrang der Rhetorik vor der Logik, wie er etwa bei Jacques Derrida zu finden sein soll, kann damit abgewendet werden.

Im Anschluss an diese Kontroverse der Moderne fragt die internationale und interdisziplinäre Tagung in acht Vorträgen noch einmal nach dem Verhältnis von Literatur und Philosophie.

Programm:
09:15-10:05 Lukas Nehlsen: Philosophie und/als Literatur?
10:10–11:00 Leonard Föcher: Jorge Luis Borges „Tlön, Uqbar, Orbis Tertius“: Philosophische und fiktionale Konzepte

11:00–11:20 Kaffeepause

11:20–12:10 Markus Dederich: Blindheit als philosophischer und literarischer Topos
12:15–13:05 Jens Pier: Keine Worte unserer Sprache: Primo Levi und Cora Diamond
über Entmenschlichung

13:05–14:00 Mittagspause

14:00–14:50 Martin W. Schnell: Phänomenologie des Krimis: Der vulnerable Mensch
zwischen Gut und Böse
14:55–15:45 Andreas Brenner: Mord und Lüge in Fiction und in Science
15:45–16:05 Kaffeepause
16:05–16:55 Johannes Bungenstab: Wolfgang Isers impliziter Leser und
philosophische Texte
17:00–17:50 Johannes Wally: Das Denken der Form: Der literarische Text als
Wirklichkeitsmodell

Das Programm als Download.

Die Veranstaltung ist kostenlos. Eine Anmeldung ist nicht erforderlich.