Medizin studieren mit Kind: Wie Elsa Heinsius ihren eigenen Weg zwischen Uni und Familienalltag gefunden hat
Elsa Heinsius lebt ihren Traum vom Medizinstudium an der Uni Witten/Herdecke. Mit uns spricht sie über ihre Zukunftspläne, über ihren Sohn Oskar und darüber, wie sie ihre Doppelrolle als Studentin und Mutter erfüllt.
Wenn Elsa morgens um 7 Uhr aufsteht, beginnt ihr Tag wie bei vielen anderen Familien auch: Frühstück vorbereiten, Brotdose packen, Fahrradhelm suchen. Um 8 Uhr bringt sie ihren vierjährigen Sohn Oskar in den Kindergarten. Eine Stunde später sitzt sie im Seminarraum – bereit für Anatomie, Physiologie oder problemorientiertes Lernen (POL). Bis zum Ende ihrer Kurse am Nachmittag ist sie ganz Studentin – und danach ganz Mama.
Elsa ist 24 Jahre alt, kommt ursprünglich aus Potsdam und ist für ihr Medizinstudium an der UW/H nach Witten gezogen. Im April 2026 beginnt sie ihr viertes Semester. „Ich wäre eigentlich schon im fünften, aber ich studiere bewusst ein bisschen langsamer,“ sagt sie. Der entschleunigte Studienverlauf ist ihr wichtig, um Studium und Familienleben miteinander zu vereinen.
Warum Elsa sich für ein Medizinstudium entschieden hat: „Ich wollte meinen Traum nicht zerplatzen lassen“
Der Wunsch, Ärztin zu werden, begleitet Elsa schon lange. „Zwischendurch habe ich auch mit dem Gedanken gespielt, Erzieherin oder Hebamme zu werden, aber am Ende hat es mich immer zur Medizin zurückgezogen. Die Mischung aus der Zusammenarbeit mit Menschen, viel Wissen und lebenslangem Lernen reizt mich sehr.“ Nach dem Abitur absolviert sie zunächst einen Freiwilligendienst in Kamerun. Ein Jahr arbeitet sie dort in einer Einrichtung für sozial benachteiligte Menschen sowie für Menschen mit körperlichen und geistigen Behinderungen. „Es war einfach schön, mit so vielen unterschiedlichen Persönlichkeiten zusammenzuwohnen, voneinander zu lernen und zuzuhören“, erzählt sie. „Zuhören ist mir auch für die Medizin total wichtig, um Patient:innen wirklich zu verstehen und herauszufinden, wo eigentlich das Problem liegt.“
Der Weg ins Medizinstudium verläuft nach ihrer Rückkehr jedoch nicht gradlinig: Sie bewirbt sich neben der UW/H an verschiedenen Universitäten, bekommt aber zunächst Absagen. Dann wird sie schwanger. Über ein Nachrückverfahren erhält sie zwar nachträglich noch einen Platz an einer staatlichen Universität, entscheidet sich aber dagegen. „Der Zeitpunkt war nicht richtig. Ich habe es einfach nicht gefühlt“, sagt Elsa.
Als ihr Sohn Oskar zwei Jahre alt ist, bewirbt sie sich erneut um einen Studienplatz in Witten. Sie ist überzeugt, der Doppelbelastung gewachsen zu sein. „Ich wollte meinen Traum nicht zerplatzen lassen, nur weil ich ein Kind bekommen habe. Außerdem hat mich das Konzept des Modellstudiengangs Medizin an der UW/H total überzeugt – besonders der anthroposophische Ansatz. Wenn ich etwas will, dann mache ich das auch.“ Diesmal hat sie mit ihrer Bewerbung Erfolg und wird angenommen.

Für den Studienbeginn hat ihr vor allem ein Gespräch mit dem Studiendekanat geholfen. In der persönlichen Beratung kann Elsa nicht nur einen individuellen Fahrplan für ihr Studium festlegen, sondern wird auch darin bestärkt, dass ein langsamerer Verlauf kein Versagen ist. Seitdem sucht sie regelmäßig das Gespräch mit dem Studiendekanat, um ihre Fortschritte und Lernpläne zu besprechen. Für die 24-Jährige bedeutet das eine echte Erleichterung, um das anspruchsvolle Studium mit dem Muttersein zu vereinbaren.

Wie Elsa ihren Alltag zwischen Uni und Kind organisiert
Im Semester folgt ihr Tagesablauf einer klaren Struktur. Die Zeit in der Uni nutzt sie effektiv. Zwischen Lehrveranstaltungen geht sie in die Bibliothek, schaltet den Fokusmodus an und arbeitet konzentriert, bis der nächste Kurs beginnt oder der Kindergarten schließt.
Denn am Nachmittag widmet sie sich ganz und gar Oskar. Gemeinsam gehen sie auf den Spielplatz, in den Wald, oder treffen sich mit anderen Familien. Wenn Elsa ihren Sohn abends ins Bett bringt, kümmert sie sich im Anschluss noch um den Haushalt – oder schläft direkt mit ein.
Dass ihre Doppelrolle manchmal herausfordernd ist, verschweigt sie nicht. „Schwierig wird es, wenn Kurse nachmittags oder abends stattfinden – vor allem, wenn es Pflichtkurse sind. In solchen Fällen passt Oskars Papa auf ihn auf.“ Doch Elsas Entschlossenheit trägt sie selbst durch besonders intensive Phasen. Zuletzt standen zehn Prüfungstage hintereinander an. „Das war für uns beide hart. Ich habe Oskar morgens in den Kindergarten gebracht und war erst um 18 Uhr wieder zuhause. Natürlich habe ich gemerkt, dass er mich vermisst.“ Umso wichtiger ist ihr der Ausgleich danach gewesen. Die freien Tage haben Elsa und Oskar ganz bewusst und mit viel Mama-Sohn-Zeit verbracht.
Was Elsa hilft, wenn es mental und emotional zu viel wird? „Einmal alles rauslassen. Sport und schlafen. Viel schlafen hilft mir extrem, um wieder Kraft zu sammeln.“ Vor allem aber hat sie erkannt, dass sie nicht zu hohe Ansprüche an sich selbst stellen darf.
Wie das Muttersein ihren Blick auf Medizin verändert hat
Seit ihrer eigenen Schwangerschaft und Oskars Geburt interessiert Elsa sich besonders für die Gynäkologie. „Schwanger zu sein und ein Kind auf die Welt zu bringen, ist eine außergewöhnliche Situation. Ich habe gemerkt, wie verletzlich man als Frau in diesen Momenten ist und wie wichtig gute Begleitung ist.“ Ihre eigene Geburtserfahrung beschreibt die 24-Jährige als selbstbestimmt und positiv. Während eines späteren Praktikums in einem Kreißsaal erlebte sie jedoch auch strukturelle Zwänge und Zeitdruck. „Das Gesundheitssystem ist sehr herausfordernd. Oft haben Ärzt:innen und Hebammen keinen großen Handlungsspielraum.“ Diese Spannung beschäftigt sie bis heute. „Deswegen möchte ich selbst Gynäkologin werden, um Frauen auf diesem besonderen Weg bestmöglich zu begleiten.“
Die letzten vier Jahre waren für Elsa äußerst prägend. Sie hat gelernt, in sich selbst und ihre Fähigkeiten zu vertrauen, aber auch, Vertrauen in ihr Umfeld zu setzen. Sie erzählt: „Ich bin an der Uni auf sehr viel Verständnis und Wohlwollen gestoßen – sowohl von meinen Kommiliton:innen als auch von den Lehrenden.“ Immer wieder bieten ihr Mitstudierende an, auf Oskar aufzupassen. Diese Unterstützung weiß sie sehr zu schätzen.
Heute blickt sie positiv in die Zukunft. Wenn sie mit dem Studium fertig ist, wird Oskar schon in der Schule sein und die dritte Klasse besuchen. Dass sie früh Mutter geworden ist, hat Elsa nie bereut: „Ich glaube, dass ich im Studium noch viel flexibler bin als später im Berufsleben. Ich liebe es, Mama zu sein und bin froh, dass es so gekommen ist.“