Menschen an der UW/H – Jan Postberg: Forschung beginnt mit einer guten Frage
Prof. Dr. Jan Postberg spricht im Interview über genetische Forschung, die Bedeutung guter Lehre und die besondere Kultur des Miteinanders an der Universität.
In der Ausbildung junger Wissenschaftler:innen sind wir top, weil es bei uns so viele gute Hochschullehrer:innen gibt, für die Lehre nicht nur eine lästige Pflicht ist.
Prof. Dr. Jan PostbergProfessur für Klinische Molekulargenetik und Epigenetik
Wer sind Sie und was sind Ihre Tätigkeiten an der UW/H?
Ich bin seit 2018 Professor für Klinische Molekulargenetik und Epigenetik an der Universität Witten/Herdecke und leite ein Forschungslabor am Helios Universitätsklinikum Wuppertal. Ich bin aber schon viel länger an der UW/H: Nach meiner Ausbildung zum Laborassistenten in der Nähe von Dresden und meinem Biologie-Grundstudium an der Ruhr-Universität Bochum habe ich ab 1997 Biochemie an der UW/H studiert. Heute wissen nur noch wenige, dass es diesen Studiengang an der UW/H einmal gab – ein Stück weit lebt er aber im PhD-Programm Biomedizin weiter. Für mich gab es noch kleine, aber wichtige Zwischenstationen in Santiago de Compostela, an der LMU München und an der University of Cambridge im Addenbrooke’s Hospital.
In meiner Arbeit bewege ich mich in der biomedizinischen Grundlagenforschung mit Themen aus der Genetik und Epigenetik. Neben der Forschung macht mir die Lehre ungeheuer viel Spaß: Ich unterrichte Humangenetik im Medizinstudium und versuche, Studierenden ein Verständnis dafür zu vermitteln, wie sehr moderne Medizin inzwischen von molekularen Konzepten geprägt ist. Personalisierte Medizin ist eben auch bestmögliche molekulare Diagnostik und möglichst präzise Therapieansätze. Die Genetik hat sich in den letzten zwei Jahrzehnten revolutionär entwickelt. Ich versuche, die neuesten wichtigen Erkenntnisse stets direkt in die Lehre zu integrieren.
In unserer akademischen Selbstverwaltung habe ich zurzeit den Vorsitz im Habilitationsausschuss der Fakultät für Gesundheit. Das und die Mitarbeit in Promotionsausschüssen und im Fakultätsrat sind tolle Tätigkeiten, um das Ohr am Puls der UW/H zu haben und um sich zu vernetzen. Was ich daran auch schätze, ist, dass unsere Arbeit in den Ausschüssen so wirksam ist, weil unsere Tätigkeiten so unmittelbaren Einfluss auf die akademische Qualität unserer Kandidat:innen in Forschung und Lehre haben.
Was an Ihrer Arbeit macht Ihnen besondere Freude und an welchen Projekten/Themen arbeiten Sie derzeit?
Die größte Freude liegt für mich darin, wenn sich aus zunächst abstrakten Ideen plötzlich ein klarer biologischer Zusammenhang ergibt – dieser Moment, in dem ein Experiment wirklich etwas erklärt. Mich interessiert vor allem, wie genetische und epigenetische Mechanismen – also nicht nur die DNA selbst, sondern auch ihre Regulation durch sogenannte microRNAs sowie Varianten und Modifikationen von Histonproteinen – Gesundheit und Krankheit beeinflussen. Histonproteine sind evolutionär uralte Proteine, die unsere DNA organisieren.
Aktuell beschäftigen wir uns unter anderem mit Histonvarianten, also Proteinen, die die DNA verpacken und dabei aktiv regulieren, welche Gene gelesen werden. Besonders spannend ist dabei die Frage, wie sich solche Varianten evolutionär entwickeln und neue Funktionen übernehmen. Eine dieser Varianten kommt nur in der männlichen Keimbahn vor und in dieser Form wahrscheinlich nur beim Menschen. Das ist superspannend, weil es kaum einen anderen Prozess gibt wie die Spermiogenese, bei dem die Kontrolle über den Umbau des Genoms und Epigenoms so wichtig ist – außer natürlich in der Oogenese, aber dort läuft die Regulation anders ab.
Parallel arbeiten wir an Projekten zur Rolle von RNA-Molekülen in der Genregulation, hier mit besonderem Blick auf die sogenannten microRNAs, die in der Muttermilch enthalten sind. Dabei interessiert uns aktuell, wie diese kleinen regulatorischen RNAs in die Zellen gelangen, in denen sie wirksam sind. Wenn wir herausfinden, wie sie ihre Ziele finden, wird uns das helfen, biologische Netzwerke besser zu verstehen.
Was wünschen Sie sich für die Zukunft an der UW/H und gibt es etwas, das Sie gerne ändern möchten?
Ich wünsche mir, dass wir die besondere Stärke der UW/H – die enge Verbindung von Forschung, Lehre und klinischer Praxis – noch konsequenter ausbauen. Und ich wünsche mir, dass das bewahrt wird, was ich schon als Student nur an der UW/H so kannte: Die Türen der Professor:innen waren immer offen, das heißt, sie waren für uns ansprechbar. An der UW/H haben wir flache Hierarchien. Das finde ich für den akademischen Austausch extrem wichtig.
Gerade in den Lebenswissenschaften liegt viel Potenzial darin, interdisziplinär zu arbeiten, also Molekularbiologie, Medizin und Datenwissenschaft enger zusammenzubringen. Dafür braucht es verlässliche Strukturen und Freiräume für Forschung. Wir können vielleicht nicht immer mit der exzellenten Großgeräteforschung anderer Universitäten oder großer Forschungsinstitutionen mithalten. Aber wie so oft an der UW/H gilt auch hier: In der Ausbildung junger Wissenschaftler:innen sind wir top, weil es bei uns so viele gute Hochschullehrer:innen gibt, für die Lehre nicht nur eine lästige Pflicht ist.
Was machen Sie, wenn Sie gerade nicht an der UW/H arbeiten?
Ich verbringe viel Zeit auf dem Fahrrad – sowohl auf der Straße als auch im Gelände. Das ist für mich ein idealer Ausgleich zur Labor- und Schreibtischarbeit. Und Zeit mit meiner Familie spielt natürlich eine zentrale Rolle. Unser neues Familienmitglied Fiete, ein zehn Monate alter Weißer-Schweizer-Schäferhund-Mischling, hält uns alle auf Trab und sorgt dafür, dass wir viel in den Wäldern und Wiesen rund um Herdecke und im Ruhrtal unterwegs sind.
Schließlich bin ich auch seit über 25 Jahren als Tauchlehrer aktiv und engagiere mich in den letzten Jahren dabei besonders für das Kindertauchen.
Was ist das Kurioseste oder Bemerkenswerteste, das Sie je an der UW/H erlebt haben?
Am meisten beeindruckt hat mich die enorme Solidarität innerhalb der UW/H-Gemeinschaft in der Zeit, als die Universität wirtschaftlich massiv unter Druck stand und zeitweise sogar eine Insolvenz drohte. Wir saßen damals im Institut für Zellbiologie mit ganz gedrückter Stimmung lange am Küchentisch, und niemand wusste, ob es weitergeht – es war nicht einmal klar, ob die Gehälter noch ausgezahlt werden könnten.
Es war bemerkenswert zu sehen, wie dann Studierende, Alumni, Mitarbeitende, Förderer und Freunde der Universität innerhalb kürzester Zeit enorme Energie und Geld mobilisiert haben, um die UW/H zu unterstützen. Dieses Gefühl, dass viele Menschen die Universität nicht einfach als Institution betrachten, sondern als etwas, für das man persönlich Verantwortung übernimmt, ist mir sehr im Gedächtnis geblieben. Die UW/H wurde damals letztlich durch eine Mischung aus Engagement, Spendenbereitschaft und dem Willen zum gemeinsamen Weitertragen stabilisiert.
Außerdem bleiben natürlich besondere Besuche in Erinnerung. Dass an einer vergleichsweise kleinen Universität Persönlichkeiten wie Michail Gorbatschow oder Bundespräsidenten zu Gast waren und mit Studierenden diskutiert haben, zeigt schon etwas vom besonderen Geist dieser Universität. Der Besuch Gorbatschows ist mir besonders im Gedächtnis geblieben, weil dort Weltpolitik plötzlich sehr unmittelbar und persönlich wirkte.