Reading Artists’ Books: Problems for Computer
Die vierte Ausgabe der Reihe Reading Artists’ Books stellte Publikationen vor, die seit den 1960er-Jahren komputationales Denken – also durch computerbasierte, algorithmische Verfahren geprägte Denkweisen – kritisch reflektierten oder in ihrer Entstehung auf Computertechnologien zurückgriffen. Bereits in den 1960er- und 1970er-Jahren fragten Künstler:innen und Theoretiker:innen, ob Computer Kreativität erweitern oder sogar ersetzen könnten, wie sich künstlerische Rollen durch algorithmische Werkzeuge veränderten und wer Zugang zu den neuen Technologien erhielt. Damit wurden Fragestellungen aufgeworfen, die damals – im Kontext aktueller Debatten um Künstliche Intelligenz – mit neuer Dringlichkeit wiederkehrten. Publikationen wie Alison Knowles’ A House of Dust (1969), Stanley Brouwns 100 this-way-brouwn-problems for computer IBM 360 model 95 (1970) oder Manfred Mohrs Artificiata I (1969) verdeutlichten, wie Konzepte von Zufall, Iteration und algorithmischer Logik in das analoge Medium der Publikation übersetzt wurden – häufig verbunden mit einer kritischen Reflexion über die Versprechen und Grenzen digitaler Technologien.

Die Veranstaltung war Alison Knowles gewidmet, die im Oktober 2025 im Alter von 92 Jahren in New York verstarb. Sie fand im Rahmen des Studium fundamentale an der Universität Witten/Herdecke statt und knüpfte zugleich an die damaligen Fragen der Kolleg-Forschungsgruppe „Zugang zu kulturellen Gütern in digitalem Wandel“ der Universität Münster an. Der Beitrag von Shinji Toya (London) zum Thema digitale Obsoleszenz rückte die Fragilität netzbasierter Werke und digitaler Infrastrukturen in den Fokus. Eine weitere Gruppe von Beiträgen widmete sich Publikationen zur Rolle von Frauen in der Computergeschichte, in deren Anfängen „Computers“ meist weiblich gelesene Menschen bezeichneten, die komplexe Berechnungen von Hand ausführten. Computers at Work. About Women in Computing (2019) von Sophie Rentien Lando bildete dabei den Ausgangspunkt für einen Beitrag von Studierenden aus einem Seminar zur frühen Computerkunst von Regine Ehleiter. Gloria Hasnay (Düsseldorf) stellte die Publikation Key Operators. Weaving and Coding as Languages of Feminist Historiography (2024) zu ihrer gleichnamigen Ausstellung im Kunstverein München vor. Jonathan Harth (Berlin/Witten) widmete sich schließlich den berühmten Notizen der britischen Mathematikerin Ada Lovelace, die als erste Programmiererin der Welt galt.
Im Programm stellten Künstler:innen, Theoretiker:innen, Verleger:innen und Kurator:innen in kurzen Beiträgen (10–15 Minuten) ausgewählte Publikationen vor – darunter die Kunsthistorikerinnen Hannah Higgins (Chicago), Margit Rosen (Karlsruhe), Ursula Frohne (Münster) und Constanze Fritzsch (Florenz), der Literaturwissenschaftler Frank Fischer (Berlin), der Gestalter und Programmierer Jürg Lehni (Zürich) sowie die Künstler:innen Antye Guenther (Rotterdam), Andreas Bülhoff (Hamm/Berlin) und Rodrigo Araya Yáñez (Santiago de Chile).
Programmablauf:
13:30 | Regine Ehleiter (on-site): Introduction, reading Stanley Brouwn, 100 this-way-brouwn-problems for computer IBM 360 model 95 (1969)
13:45 | Frank Fischer (online) reading Nanni Balestrini, “Tape Mark I” (1961)
14:00 | Constanze Fritzsch (online), A.R. Penck, Ich-Standart-Literatur (1971)
14:15 | Andreas Bülhoff (on-site) reading Reading Writing Interfaces – Word, InDesign, TextEdit (2022)
14:30 | Jürg Lehni (online) reading Things to Say (2009), Empty Words (2011), News (2011), Research Notes (2011)
14:45 | Antye Guenther (online) reading The Beheading of the Fruit Fly? (How will I know if you are truly a sentient being? (2022)
15:00–15:30 | Coffee break
15:30 | Ursula Frohne (on-site) reading Lucy R. Lippard’s contribution to Information (MoMA, 1970)
15:45 | Hannah Higgins (online) reading Alison Knowles, A House of Dust (1969)
16:00 | Rodrigo Araya Yáñez (online) reading Entreactos. Ordenadores y sirvientes (2014–19)
16:15 | Gloria Hasnay (on-site) Key Operators. Weaving and coding as languages of feminist historiography (2024)
16:30 | Jonathan Harth (on-site) reading Ada Lovelace, Notes to her translation of Luigi Menabrea’s Sketch of The Analytical Engine Invented by Charles Babbage (1842)
16:45 | Shinji Toya (online) reading 3 Years and 6 Months of Digital Decay (2016)
17:00 | Drinks Reception
Prerecorded videos available online through the project’s Vimeo archive:
- Margit Rosen reading Manfred Mohr, Artificiata I (1969)
- Students reading Sophie Rentien Lando, Computers at Work. About Women in Computing (2019)
Die Veranstaltung wurde von Regine Ehleiter, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Digitale Künste und Kulturvermittlung des WittenLab. Zukunftslabor Studium Fundamentale an der Universität Witten/Herdecke und Senior Fellow der Kolleg-Forschungsgruppe, konzipiert und fand in Kooperation mit dem Büro & Netzwerk für Medienkunst und Digitale Kultur medienwerk.nrw sowie der Kolleg-Forschungsgruppe „Zugang zu kulturellen Gütern im digitalen Wandel“ an der Universität Münster statt. Die Kolleg-Forschungsgruppe wurde von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) gefördert. Die Arbeit des Büros medienwerk.nrw wurde aus Mitteln des Ministeriums für Kultur und Wissenschaft des Landes Nordrhein-Westfalen finanziert, in dessen Auftrag es Koordinierung, Professionalisierung und Beratung im Bereich der Medienkunst übernahm. Das Büro medienwerk.nrw ist beim HMKV Hartware MedienKunstVerein in Dortmund angesiedelt.
Die Reihe Reading Artists’ Books wurde von Regine Ehleiter gemeinsam mit Tabea Nixdorff (Arnheim) in Erinnerung an die 2020 verstorbene Chicagoer Kuratorin und Bibliothekarin Doro Boehme ins Leben gerufen und macht künstlerisches Publizieren in öffentlichen Leseformaten erfahrbar. Frühere Veranstaltungen widmeten sich unter anderem Publikationen als Präsentationsmedium künstlerischer Schreibpraktiken (HGB Leipzig, 2022) sowie dem Thema „Asemic Writing“, ausgehend von Arbeiten der argentinischen Konzeptkünstlerin Mirtha Dermisache (Freie Universität Berlin, 2024). Aufzeichnungen der bisherigen Veranstaltungen finden sich auf dem Vimeo-Kanal der Reihe.
Die Veranstaltungssprache war Englisch.
Kontakt

Dr.
Regine Ehleiter
Wissenschaftliche Mitarbeiterin
WittenLab. Zukunftslabor Studium fundamentale | Lehrstuhl für Digitale Künste und Kulturvermittlung
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