Transformation Literacy: Warum wir den sozialen Boden pflegen müssen

Porträtfoto von Katrin Käufer

Dr. Katrin Käufer ist Mitbegründerin des Presencing Institute am MIT und Mitglied des Aufsichtsrats der Universität Witten/Herdecke. Ihr aktuelles Buch „Just Money: Mission-Driven Banking in Transition“ untersucht, wie das Finanzsystem als Kraft für positiven sozialen Wandel genutzt werden kann.

Professional Campus: Liebe Katrin, Dich verbindet eine lange Geschichte mit der Universität Witten/Herdecke (UW/H). Heute forschst Du am MIT in Boston und bist Mitgründerin des Presencing Institute. Welchen Einfluss hatte Deine Alma Mater auf Deinen Werdegang? 

Katrin Käufer: Für mich war Witten/Herdecke „life changing“. Ich kam nach einer Banklehre dorthin, um Wirtschaft zu studieren. Ich erinnere mich noch genau, wie mein Denken regelrecht aufgewacht ist. In den ersten zwei Semestern löste diese Freude am Denken ein wahres Glücksgefühl aus – die Kraft der Reflexion war physisch erlebbar.

Ein zweiter prägender Faktor war die Einladung zum Handeln. Durch die Mentorenfirmen und die Aufforderung, eigene Projekte zu initiieren, lernten wir: Wenn du eine Idee hast, dann setz sie um – mit allem, was dranhängt. Diese Kombination aus tiefem Denken und unternehmerischer Initiative hat meinen Lebenslauf definiert. Heute bin ich im Aufsichtsrat der UW/H, weil ich das Gefühl habe, dieser Institution etwas zurückgeben zu wollen.
 

Professional Campus: Kannst Du Dich an ein besonderes Erlebnis aus der Studierendenzeit erinnern – gab es so etwas wie ein “Aha”-Moment?

Katrin Käufer: Ein Schlüsselerlebnis in Witten legte den Grundstein für meine spätere Arbeit. In einem Seminar von Johan Galtung – dem Vordenker der „strukturellen Gewalt“ – unternahmen wir kurz vor dem Mauerfall eine Exkursion nach Ostberlin. In einem Kirchenkeller wettete Galtung vor den Augen der Oppositionsbewegung, dass die Mauer noch vor Ende des Jahres fallen würde. Wir hielten das für unmöglich - alle wetteten dagegen.

Als die Mauer kurz darauf tatsächlich fiel, war das ein gewaltiges Aufwacherlebnis. Ich fragte mich: Wie konnte er sehen, was wir alle übersahen? Diese Erfahrung öffnete die zentrale Frage meines Lebens: Wie lernt man in Momenten der Disruption, wenn die Erfahrungen der Vergangenheit nicht mehr ausreichen, um die Gegenwart zu verstehen?
 

Professional Campus: Du hast gemeinsam mit Otto Scharmer das Presencing Institute am MIT gegründet und unter anderem das Buch „Presencing. Sieben Praktiken für die Transformation des Selbst, von Unternehmen und Gesellschaft“ verfasst, das vor kurzem auch auf Deutsch erschienen ist. Was bedeutet es konkret, „aus der Zukunft heraus“ zu führen?

Katrin Käufer: „Aus der Zukunft führen“ bedeutet nicht Szenario-Planung für die nächsten zehn Jahre. Es ist die Frage: Was spüre und sehe ich jetzt? Wie interpretiere ich das, was im Augenblick entsteht? Es geht darum, in Momenten, in denen die Erfahrungen der Vergangenheit nicht mehr helfen, eine neue Form der Aufmerksamkeit zu entwickeln. Wir nennen das „Presencing“ – eine Wortschöpfung aus Presence (Gegenwart) und Sensing (Spüren). Es geht darum, die eigene Rolle in einem sich wandelnden Ganzen zu finden: Was ist meine Aufgabe, um das Zukünftige in die Welt zu bringen?

Wir erleben kollektiv, wie die Zukunft mit uns passiert, statt sie zu gestalten. Die Theory U ist ein Weg zurück in die Handlungsfähigkeit.
 

Professional Campus: Wir sprechen heute oft von einer „Polykrise“. Viele Menschen fühlen sich angesichts von Klimawandel und sozialer Spaltung ohnmächtig. Wie hilft die „Theory U“ gegen diese kollektive Depression?

Katrin Käufer: Genau das ist der Kernpunkt. Die mangelnde Handlungsfähigkeit ist oft schockierender als die Krise selbst. Die Theory U bietet Methoden an, um an diesen Punkt der „Agency“ zu kommen – also an den Moment, in dem der eigene Wille und die Intention wieder greifbar werden. Wir müssen unser Verständnis von Lernen radikal ändern. In einer Welt von Künstlicher Intelligenz ist das reine Input-Output-Modell („Teaching for Testing“) irrelevant geworden. Transformation Literacy – also die Kompetenz, Veränderungsprozesse zu gestalten – ist heute eine interdisziplinäre Schlüsselqualifikation, egal ob man Medizin, Philosophie oder Wirtschaft studiert

Professional Campus: In Deiner jüngsten Publikation rekurrierst Du auf das Bild der Landwirtschaft, um tiefgreifende soziale Prozesse zu erklären. Was hat Bodenqualität mit Führung zu tun?

Katrin Käufer: Alles, was sichtbar wächst, ist eine Funktion von etwas Unsichtbarem: der Qualität der Erde. In sozialen Kontexten – ob Familie, Uni oder Unternehmen – ist das „soziale Feld“ der Boden. Die unsichtbare Ebene ist die Qualität unserer Beziehungen und unserer Aufmerksamkeit.
Wir sehen das derzeit in den USA: Wenn das Geschäftsmodell sozialer Medien auf Hass und Polarisierung basiert, wird der soziale Boden zerstört. Eine Demokratie kann dann nicht mehr funktionieren, weil das Minimum an Vertrauen fehlt. Transformation Literacy bedeutet im Grunde „soziale Bodenpflege“. Wir müssen die Qualität unseres Miteinanders so verbessern, dass wir das, was im Entstehen begriffen ist, überhaupt wahrnehmen und gemeinsam umsetzen können.
 

Professional Campus: Ein Schwerpunkt Deiner Arbeit ist der Finanzsektor. Dein Buch „Just Money“ befasst sich mit ethischem Banking. Wie lässt sich ein System, das so stark von Profitmaximierung dominiert wird, von innen reformieren?

Katrin Käufer: Ich habe früher geglaubt, man müsse nur die strukturellen Probleme aufzeigen, dann würden alle zur gleichen Einsicht gelangen. Heute weiß ich: Es geht um die Intentionalität. Ich arbeite mit Banken weltweit zusammen, etwa der BRAC Bank in Bangladesch. Die haben ein KI-gesteuertes Produkt entwickelt, das Credit-Scores für Menschen erstellt, die weder lesen noch schreiben können. Das ist ein profitables Produkt, das Leben transformiert.

Warum macht das keine Mainstream-Bank? Weil die Idee, dass Impact-Fokus und Profitabilität zusammengehören, in ihren mentalen Modellen nicht, oder nur selten vorkommt. Man kann die beste wertorientierte Bank zerstören, wenn die innere Haltung der Führung nicht stimmt – und man kann konventionelle Häuser umdrehen, wenn die Intentionalität sich ändert.
 

Professional Campus: Auch mit den besten Intentionen kommt eine Organisation schnell an die eigenen Grenzen, wenn es um strukturelle Reformen oder Gesetzesgebungen geht – ab einem gewissen Punkt ist politisches Handeln gefragt…

Katrin Käufer: Obama sagte einmal nach seiner Amtszeit: „Politicians don’t lead, they follow.“ Das ist eine bemerkenswerte Aussage des einst mächtigsten Mannes der Welt. Es zeigt uns: Wir unterschätzen die Rolle der Zivilgesellschaft massiv.

Universitäten wie Witten/Herdecke können Räume anbieten, in denen gemeinsame Zukunftsbilder entwickelt werden. Wir brauchen eine Demokratisierung der Methoden. Deshalb stellen wir am Presencing Institute unsere Methoden als „Creative Commons“ jedem frei zur Verfügung. Über 300.000 Menschen haben unsere Online-Offline-Kurse bereits genutzt und nutzen diese Instrumente, um Herausforderungen, denen sie sich konkret gegenübersehen, anzugehen. Gesellschaftliche Veränderung geschieht nicht durch das Starren auf die oberste Führungsebene, sondern durch lokale Initiativen, die neue Wege des Miteinanders praktisch erproben.
 

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