Vom Gedanken zur Handlung: Warum wir tun, was wir tun
Philosophen der Universität Witten/Herdecke und der Hebräischen Universität Jerusalem zeigen, warum die Bedeutung unserer Gedanken eine Rolle spielen könnte.
Wir sitzen auf dem Sofa und denken an einen Freund, von dem wir lange nichts gehört haben. Kurz darauf greifen wir zum Telefon und rufen ihn an. Für uns ist der Zusammenhang selbstverständlich: Wir haben an ihn gedacht – und deshalb angerufen.
Doch so einfach ist das aus wissenschaftlicher Sicht nicht. Denn während wir denken, laufen in unserem Gehirn physikalische Prozesse ab: Nervenzellen werden aktiv, elektrische und chemische Signale werden weitergegeben und Informationen verarbeitet. Was also bringt uns tatsächlich dazu, zum Hörer zu greifen – die Vorgänge in unserem Gehirn oder der Inhalt unseres Gedankens?
Mit dieser grundlegenden Frage beschäftigen sich Prof. Dr. Jens Harbecke von der Universität Witten/Herdecke (UW/H) und Prof. Dr. Oron Shagrir, Präsident der Hebräischen Universität Jerusalem. Gemeinsam haben sie ein neues philosophisches Argument dafür entwickelt, dass für unser Handeln nicht nur physikalische Vorgänge im Gehirn relevant sein könnten, sondern auch die Inhalte unserer Gedanken. Ihre Arbeit ist in dem Journal „Philosophy and Phenomenological Research“ erschienen, das einer Umfrage unter akademischen Philosophen zufolge zu den top-2 der renommiertesten philosophischen Fachzeitschriften zählt.
Gleicher Vorgang, unterschiedliche Bedeutung
Das menschliche Gehirn wird häufig als informationsverarbeitendes System beschrieben – ähnlich einem Computer. Doch wenn allein physikalische Prozesse bestimmen, was wir tun, welche Rolle spielen dann noch die Inhalte unserer Gedanken?
Harbecke und Shagrir argumentieren, dass sie relevant sein können. Ein und derselbe physikalische Vorgang kann unterschiedliche Funktionen erfüllen – je nachdem, welche Bedeutung die verarbeiteten Informationen in einer bestimmten Umgebung haben. Der Inhalte und die Umgebung spielen eine entscheidende Rolle dafür, welche Handlungen und Effekte der physikalische Vorgang verursacht. Ein Sensor etwa kann dasselbe elektrische Signal erzeugen, ganz gleich ob er in einem Kampfpanzer oder einem Schwimmbad eingebaut wird. Je nach Einsatzgebiet bedeutet das Signal etwas vollkommen anderes und löst unterschiedliche Effekte auslöst. Wir greifen also nicht nur deshalb zum Telefon, weil bestimmte Vorgänge in unserem Gehirn ablaufen, sondern auch, weil diese Vorgänge in unserer Welt den Gedanken an unseren Freund repräsentieren. Auf diese Weise bestimmen Gedanken und ihre Umgebungen mit, welche Prozesse für unser Verhalten relevant sind, sprich: dass wir zum Telefon greifen. Die Wissenschaftler liefern damit eine neue philosophische Erklärung dafür, wie Gedanken und physikalische Vorgänge im Gehirn zusammenspielen können.
Durch die rasante Entwicklung Künstlicher Intelligenz bekommt die philosophische Frage zusätzliche Relevanz. Denn auch KI-Systeme verarbeiten immer komplexere Informationen. Umso wichtiger wird es, zu verstehen, welche Rolle die Bedeutung dieser Informationen spielt – beim menschlichen Denken ebenso wie bei KI.
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