Welt-DNA-Tag (25.04.): Warum es keine echten Doppelgänger:innen gibt – und wir sie trotzdem sehen

Zwei Frauen, die sich sehr ähnlich sehen, schauen sich an. Sie haben die gleiche Frisur, tragen ähnliche Kleidung und haben dieselbe Körperhaltung.

Keira Knightley und Natalie Portman wurden jahrelang für Zwillinge gehalten. Katy Perry und Zooey Deschanel gelten als Paradebeispiel für prominente Doppelgängerinnen. Solche verblüffenden Ähnlichkeiten faszinieren – und nähren die Vorstellung, irgendwo auf der Welt müsse es unser zweites Ich geben.

Doch aus wissenschaftlicher Sicht ist diese Annahme irreführend. Echte Doppelgänger:innen – also genetisch identische, nicht verwandte Personen – gibt es praktisch nicht.

„Der menschliche Genpool ist eine Schatzkammer biologischer Vielfalt – und genau deshalb sind echte Doppelgänger:innen genetisch so gut wie ausgeschlossen“, sagt Prof. Dr. Jan Postberg, Professor für Klinische Molekulargenetik und Epigenetik an der Universität Witten/Herdecke (UW/H).

Warum Gleichheit extrem unwahrscheinlich ist

Genetisch identische Menschen gibt es – aber nur als eineiige Zwillinge, in seltenen Fällen Drillinge. Bei allen anderen gilt: Jeder Mensch ist ein Unikat. Das liegt am Prinzip der Vererbung. Das Erbgut wird bei jeder Generation neu kombiniert, mütterliche und väterliche Chromosomen werden „neu gepuzzelt“. Selbst innerhalb einer Familie entstehen so deutliche Unterschiede.

Hinzu kommt: Zwei beliebige Menschen unterscheiden sich im Durchschnitt an Millionen Stellen ihres Genoms – also ihrer gesamten Erbinformation, die in der DNA gespeichert ist. Die DNA kann man sich wie einen langen Bauplan vorstellen, der aus vielen einzelnen „Bausteinen“ besteht. An vielen Stellen dieses Bauplans unterscheiden sich diese Bausteine von Mensch zu Mensch. Genau diese Unterschiede führen dazu, dass Menschen sich zum Beispiel im Aussehen, im Stoffwechsel oder in ihrer Anfälligkeit für bestimmte Krankheiten unterscheiden.

Gleichzeitig wird unser äußeres Erscheinungsbild nur von einem vergleichsweise kleinen Teil unserer rund 20.000 Gene geprägt – insbesondere von solchen, die Gesichtszüge, Haut-, Haar- und Augenfarbe oder Körperproportionen beeinflussen. Diese Merkmale entstehen durch das Zusammenspiel vieler genetischer Varianten innerhalb eines begrenzten entwicklungsbiologischen Rahmens, sodass bestimmte Kombinationen äußerer Merkmale immer wieder auftreten können, die dann als Ähnlichkeiten zwischen verschiedenen Individuen wahrgenommen werden.

Warum wir trotzdem Ähnlichkeiten sehen

Trotzdem sind viele überzeugt: Doppelgänger:innen gibt es. Der Grund dafür liegt weniger in der Genetik – sondern in unserer Wahrnehmung. „Wir überschätzen massiv, wie gut wir Gesichter erkennen können“, sagt Prof. Dr. Jan Philipp Röer, Inhaber des Lehrstuhls für Allgemeine Psychologie an der UW/H.

Tatsächlich variiert diese Fähigkeit stark: Manche Menschen – sogenannte „Super-Recognizer“ – können sich Gesichter extrem präzise merken und auch nach langer Zeit wiedererkennen. Andere leiden unter Gesichtsblindheit (Prosopagnosie) und haben selbst bei vertrauten Personen große Schwierigkeiten. Die meisten bewegen sich irgendwo dazwischen und verlassen sich auf Abkürzungen im Kopf.

Wie unser Gehirn Gesichter verarbeitet

Denn unser Gehirn analysiert Gesichter nicht wie eine Checkliste einzelner Merkmale. Es verarbeitet sie als Gesamtbild – inklusive Mimik, Frisur, Haltung und Kontext.  Diese sogenannte holistische Verarbeitung ermöglicht schnelle Entscheidungen („kenne ich“ oder „kenne ich nicht“), ist aber anfällig für Fehler.

„Wir erkennen Menschen oft nicht allein am Gesicht“, so Röer. „Wenn wir etwa die Verkäuferin aus dem Supermarkt plötzlich im Bus sehen, fällt es uns schwer, sie einzuordnen.“ Hinzu kommt: Erinnerungen speichern Gesichter nicht exakt, sondern vereinfacht. Fehlende Details ergänzt das Gehirn im Nachhinein – und verstärkt dabei Ähnlichkeiten.

Was wie ein:e Doppelgänger:in wirkt, ist daher meist kein genetisches Phänomen, sondern ein Wahrnehmungseffekt – eine Kombination aus ähnlichen Merkmalen, Kontext und der Erwartung, jemanden wiederzuerkennen.

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Univ.-Prof. Dr. Jan Postberg (Foto: UW/H)

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Univ.-Prof. Dr. Jan Philipp Röer (Foto: Volker Wiciok | UW/H)

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