Die Medizin der Zukunft: vorhersehen statt behandeln

Künstliche Intelligenz in der Medizin (Symbolbild)

Dr. André T. Nemat von der Fakultät für Gesundheit und Medizin an der Universität Witten/Herdecke ist Gründer des Zentrums für Digitale Innovation und Transformation im Gesundheitswesen. Seit Jahren beschäftigt er sich schwerpunktmäßig mit medizinisch-technischen Innovationen sowie den ethischen Folgen des digitalen medizinischen Fortschritts. Im Rahmen seines neuen Buchs „Der letzte Patient“ spricht Nemat über das Konzept des „digitalen Zwillings“ den bevorstehenden Paradigmenwechsel in der Medizin und über einen drohenden „Bio-Score“.

Was genau ist ein „digitaler Zwilling“ des Menschen – und wie unterscheidet er sich von den Daten, die wir heute schon auf Smartphones oder Smartwatches sammeln?

Ein digitaler Zwilling des Menschen ist ein virtuelles Abbild und ein sich in Echtzeit veränderndes Modell unseres Körpers, das nicht nur Daten speichert, sondern ermöglicht, dass man mit ihnen rechnen und zukünftige Szenarien durchspielen kann. Und genau hier liegt der Unterschied zur Smartwatch. An Ihrem Handgelenk sammelt eine KI heute Momentaufnahmen: den Puls, ein paar Schritte, gelegentlich ein EKG. Wertvolle, aber isolierte Datenpunkte, die nebeneinanderliegen wie Postkarten in einer Schublade. Ein digitaler Zwilling fügt Erbgut, Laborwerte, Mikrobiom und Bewegungsmuster zu einem Ganzen, das gemeinsam mit Ihnen altert. Er lässt Sie virtuell erkranken und auf eine Therapie reagieren, lange bevor Sie im echten Leben das erste Symptom spüren.

Ihr Buch beschreibt den Wandel von einer Medizin, die Krankheiten heilt, zu einer Medizin, die Krankheiten verhindert. Warum ist das für unser Gesundheitssystem ein so radikaler Umbruch?

Weil er die Grundlogik unserer Versorgung umkehrt. Seit Menschengedenken bis heute arbeitet das System nach einem Muster, das ich „Find & Fix“ nenne, und es funktioniert wie eine Feuerwehr: Wir warten, bis es brennt – bis der Schmerz, der Tumor, das Fieber Alarm schlägt –, dann rücken wir aus und löschen. Darin sind wir glänzend, wir behandeln immer schonender und individualisierter. Nur brennen die großen Krankheiten unserer Zeit nicht lichterloh. Krebs, Diabetes, Demenz, verkalkte Gefäße – sie schwelen über Jahre lautlos vor sich hin, chronisch, und wenn die Flammen endlich sichtbar werden, ist das Gewebe oft längst zerstört.
„Predict & Prevent“ kehrt dieses Paradigma um: Wir lassen das Feuer gar nicht erst entstehen. Diese Vision ist deshalb so radikal, weil daran fast jeder Pfeiler des Gesundheitssystems hängt. Prävention wird damit erst im Sinne vorausschauender Medizin möglich.
Der tiefste Bruch aber ist ein kultureller. Eine Medizin, die heilt, nimmt das Schicksal hin. Eine Medizin, die verhindert, erklärt es für gestaltbar. Und in dem Augenblick, in dem Krankheit als abwendbar gilt, verschiebt sich etwas in unserem Zusammenleben. Dort beginnt die eigentliche Sprengkraft.

Wenn Technik und künstliche Intelligenz das Risiko für Krankheiten genau berechnen können, wer trägt dann in Zukunft die Verantwortung für unsere Gesundheit?

Das ist die Frage, die mich beim Schreiben am längsten umgetrieben hat. Als Bismarck 1883 die Krankenversicherung schuf, funktionierte sie, weil niemand sagen konnte, wen es als nächsten trifft. Wir zahlen alle in einen Topf, weil das Unglück blind ist. Diese Ungewissheit ist der eigentliche, soziale Kitt; sie macht die Abteilungsleiterin und den Paketfahrer für einen Moment gleich. Sie hat zudem einen wohltuenden Nebeneffekt: Schicksal entlastet. Die Diagnose Lungenkrebs war eine Tragödie und kein Urteil.

Der digitale Zwilling löst den Kitt auf. Stellen Sie sich vor, ein Algorithmus hält Ihnen nach dem Infarkt schwarz auf weiß vor, dass eine halbe Stunde Bewegung am Tag Ihr Risiko um dreißig Prozent gesenkt hätte. In dieser Sekunde verwandelt sich das Unglück in ein Versäumnis. Die Krankheit verliert ihre Unschuld. Aus dem Leidtragenden wird, fast unmerklich, ein Verdächtiger, der „sein biologisches Kapital schlecht verwaltet“ hat.

Was ist daran aus Ihrer Sicht problematisch?

Mich beunruhigt die leise Entsolidarisierung durch den Markt. Erste Tarife nach dem Muster „Pay as you live“ belohnen schon heute, wer brav seine Schritte trackt. Ich halte einen „Bio-Score“ für absehbar, ein Gesundheits-Pendant zur Schufa, das mitentscheidet, ob Sie den Job, den Kredit, die Wohnung bekommen. Dann kippt etwas ins Zynische: Datenschutz wird zum Luxus der Wohlhabenden. Wer es sich leisten kann, verzichtet auf den Rabatt und behält seine Intimsphäre. Wer knapp bei Kasse ist, verkauft sie. Am Ende stünden ausgerechnet die chronisch Kranken und genetisch Vorbelasteten doppelt bestraft da, durch ihre Krankheit und durch die Schuld, die man ihnen dafür zuweist. Mir geht es um eine Mahnung: Solidarität im 21. Jahrhundert müssen wir neu verhandeln, sonst verlieren wir sie, ohne dass je darüber abgestimmt wurde.

Fotos zum Download

„Der letzte Patient“ heißt das Buch von André T. Nemat. Das Cover zeigt die Silhouette eines Menschen, aufgeteilt in geometrische Flächen.

Buchcover „Der letzte Patient“ von André T. Nemat (Foto: HOFFMANN UND CAMPE VERLAG GmbH)

Dr. André T. Nemat, Mediziner und KI-Experte der Uni Witten/Herdecke

Dr. André T. Nemat (Foto: privat)

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