Ia Estella Pedroli zwischen Haltung und neuen Perspektiven

Porträtbild von Ia Estella Pedroli.

Ia Estella Pedroli hat einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn – und den Wunsch, die eigenen Überzeugungen immer wieder zu hinterfragen. Genau deshalb studiert sie PPÖ – Philosophie, Politik und Ökonomik an der Universität Witten/Herdecke, wo sie in Kürze in ihr zweites Semester startet. Im Interview erzählt sie, was sie antreibt und was sie selbst an der Universität bewegen möchte.

Du hast zuvor an einer anderen Universität Sozialwissenschaften studiert und beschäftigst dich heute in PPÖ mit gesellschaftlichen Fragen aus philosophischer, politischer und ökonomischer Perspektive. Warum hast du dich für diesen Studiengang und den Wechsel an die UW/H entschieden?

Ich war schon früh aktivistisch unterwegs und wollte mein Engagement im Studium wissenschaftlich untermauern. Da haben sich Sozialwissenschaften angeboten, weil das Studienfach viele verschiedene gesellschaftliche Themen abdeckt und man dann seine eigene Position so immer wieder überprüfen kann. Wissenschaft hat den Anspruch, neutral zu sein. Dem würde ich aber nicht uneingeschränkt zustimmen. Ich habe das Gefühl, Wissenschaft ohne Werte funktioniert auch nicht.

Meine vorherige Uni hat sich zudem sehr groß und anonym angefühlt. Ich habe gemerkt, dass ich mir eine persönlichere Atmosphäre mit kleineren Gruppen wünsche. Also habe ich nach einem Studiengang gesucht, mit dem ich fachlich an meinen bisherigen Erfahrungen anknüpfen kann. 

PPÖ kenne ich schon aus der Zeit, in der ich in Amsterdam gewohnt habe. Einige meiner Freund:innen haben das dort studiert und ich fand die Kombination sehr spannend. Ich denke, dass man dadurch einen umfassenderen Blick auf die Welt bekommt, weil man sich in dem Studiengang nicht nur mit Philosophie beschäftigt, sondern auch mit Ökonomie und Politik und so interdisziplinäre Zusammenhänge nachvollziehen kann. 

Während deiner Zeit in Amsterdam hat vor allem Kunst eine Rolle gespielt und sie begleitet dich auch heute in deinem Alltag. Was bedeutet Kunst genau für dich?

Ich konnte mich nie wirklich zwischen Kunst und Wissenschaft entscheiden. In Amsterdam habe ich ein Jahr lang an der Gerrit Rietveld Academie Kunst studiert und in einem Fotografiemuseum gearbeitet, das häufig politische Themen aufgreift. Ich hatte sehr viel Freude daran, Schulklassen Aspekte wie Queerness oder dekoloniale Perspektiven durch Fotografie näherzubringen. 

Ich hoffe, später einen Job zu finden, in dem ich auch meine kreative Seite ausleben kann. Ich interessiere mich zum Beispiel sehr für die Arbeit von Bürgerzentren und die Umsetzung sozialer sowie demokratischer Ideen auf kommunaler Ebene. Dabei kann Kunst eine wichtige Rolle spielen und Menschen miteinander verbinden. Ich bin davon überzeugt, dass Kunst beziehungsweise das Kunstmachen immer auch politisch ist.

Ia steht mit dem Rücken zur Kamera, hält Farben und Pinsel in der Hand und bemalt eine Stele.

Privat ist Kunst für mich vor allem ein wichtiger Ausgleich. Da ich ADHS habe, helfen mir Malen und Musikmachen dabei, runterzukommen und mich zu regulieren.

Ia Estella sitzt auf einem Stuhl auf einer Bühne und spricht in ein Mikrofon.
Du engagierst dich schon seit deiner Jugend für gesellschaftliche Themen. Woher kommt dieser Antrieb?

Meine Freund:innen waren alle politisch interessiert und haben mich schon mit 14 Jahren mit zu gesellschaftskritischen Lesungen genommen. Damals habe ich zwar noch nicht alles vollumfänglich verstanden, aber in mir entstand ein Gerechtigkeitsdrang. 

Ich erinnere mich noch gut an die Jahre 2014 bis 2016, in denen viele geflüchtete Menschen nach Deutschland gekommen sind. An meiner Schule gab es die Möglichkeit, freiwillig Integrationshilfe – also Deutsch-Nachhilfe – zu leisten. Dadurch habe ich Kontakt zu einigen Mädchen geknüpft, die mir ihre teils sehr traumatischen Erlebnisse anvertraut haben. Das sind prägende Begegnungen, die vergisst man nicht. 

Seitdem ist meine Solidarität geflüchteten Personen gegenüber und solchen, die von Rassismus betroffen sind, sehr stark. Ich versuche immer zu schauen, wie ich als weiße Person, die selbst nicht davon betroffen ist, trotzdem helfen kann. Als queere Frau kann ich ansatzweise nachvollziehen, wie es ist, ausgeschlossen und systematisch nicht mitgedacht zu werden. 

In Köln habe ich vor ein paar Jahren ein intersektionales Kollektiv für FLINTA-Personen gegründet – also für Frauen, aber zum Beispiel auch für nichtbinäre oder trans Personen. Ich wollte ihnen einen möglichst geschützten Raum geben, um ihre Kunst auszustellen, gemeinsam Musik zu machen, zu tanzen, ohne Belästigung zu erfahren. 

Mir ist eine barrierearme und niederschwellige politische Bildung sehr wichtig. Dabei glaube ich, dass Nachbarschaftsprojekte auf kleinem Raum genauso wichtig sind wie etwa eine starke Online-Präsenz – das Engagement zählt.

Was bedeutet FLINTA?

FLINTA* ist ein Akronym. Es steht für Frauen, Lesben, intergeschlechtliche, nichtbinäre, transgeschlechtliche und agender Personen.

Du hast zu vielen Themen eine klare Haltung. Wie erlebst du es, wenn im Studium unterschiedliche Perspektiven aufeinandertreffen? 

In Diskussionen scheinen immer Denkmuster durch, die man etwa aus der Familie oder aufgrund seiner sozialen Herkunft mitbringt. Dadurch treffen unterschiedliche Perspektiven und Lebensrealitäten aufeinander, aber das finde ich schön. Die Uni ist ein Ort des Austauschs und des Lernens. Da muss man Meinungspluralität zumindest in einem offiziellen Kontext wie in einem Seminar auch aushalten können und sich auf Diskussionen einlassen. 

Dabei finde ich es wichtig, dass man sich bestimmte grundlegende Diskursregeln und eine gemeinsame Tatsachengrundlage einigen kann. Sonst kommt man nicht weiter. Deswegen ist es mir auch so wichtig, meine Haltung und Meinung wissenschaftlich zu untermauern, um in Diskussionen fundiert argumentieren und dagegenhalten zu können. Genau das können wir an der Uni üben.

Anders ist es für mich außerhalb des Seminars. Bei einem Kaffee möchte ich zum Beispiel nicht darüber diskutieren, ob Menschen aufgrund ihrer Herkunft oder sexuellen Orientierung tatsächlich Diskriminierung erfahren oder ob ihre Erfahrungen ernst zu nehmen sind. 

Für mich stellt sich deshalb weniger die Frage, ob man tolerant gegenüber Intoleranz sein kann, sondern wie man menschlich mit intoleranten Positionen umgeht, ohne dabei diskriminierende Aussagen zu relativieren oder die Erfahrungen der Betroffenen kleinzureden. 

Wenn wir über Vielfalt sprechen, geht es aber nicht nur um unterschiedliche Perspektiven und Lebensentwürfe. Du hast selbst ADHS. Wie erlebst du das im Studienalltag?

Für mich hat die Diagnose vor vier Jahren viele offene Fragen beantwortet und Zweifel beseitigt. Heute weiß ich, dass mein ADHS der Hauptgrund für meine Probleme in der Schule war und warum ich dort immer wieder an meine Frustrationsgrenzen gestoßen bin. Ich hoffe, dass ich jetzt im Studium frühzeitig merke, wenn eine Situation kritisch wird und ich mir rechtzeitig Hilfe suchen oder präventiv eingreifen kann. Manchmal dauern gewisse Kurse vier Stunden – das ist für mich definitiv zu lang. Nach drei Stunden kann ich mich nicht mehr konzentrieren und brauche eine Pause. Auch wenn ich gelernt habe, damit umzugehen, liebe ich es, wenn Lehre interaktiv gestaltet ist. Präsentationen sind zum Beispiel voll mein Ding – sowohl sie zu grafisch aufzubereiten als auch sie zu halten und Leute in den Vortrag miteinzubeziehen. Mir persönlich hilft diese Interaktion sehr dabei, nicht abzuschweifen und den Inhalten besser folgen zu können.

Vier Studentinnen stehen zusammen vor einer weißen Leinwand und lächeln in die Kamera.
Du bist erst seit Kurzem an der UW/H und in Witten. Was möchtest du an deinem neuen Studien- und Wohnort bewegen?

Ich würde mich gerne im Bereich Gleichstellung und Vielfalt engagieren. Außerdem möchte ich mich gezielter informieren, welche Orte und Angebote es für neurodivergente Personen gibt, um ihnen den Uni-Alltag zu erleichtern. 

Hier am Campus gibt es zum einen den Raum der Stille, in dem auch Yoga-Kurse angeboten werden, und einen Ruheraum. Dieser ist explizit da, um runterzukommen und sich von den vielen Reizen zu erholen. Darüber hinaus plane ich, ein kleines Atelier für Studierende einzurichten, in das man sich zurückziehen und gemeinsam kreativ sein kann. Die ersten Schritte sind bereits getan: Ich habe eine Initiative gegründet, ein Konzept entwickelt und hoffe, den Raum schon bald auf dem Campus realisieren zu können.

Ich finde es zudem wichtig, an der UW/H mit neurotypischen Studierenden darüber zu sprechen, was es bedeutet, neurodivergent zu sein – also zum Beispiel autistisch zu sein oder ADHS zu haben. Das ist total wichtig, damit wirklicher Zusammenhalt und Inklusion entstehen können.

Um auch abseits des Campus neue und gleichgesinnte Menschen zu kennenzulernen, habe ich die Gruppe Ruhrpott Rendezvous gegründet. So kommen Leute aus Witten und den umliegenden Städten zusammen. Wir treffen uns alle zwei Wochen bei mir im Innenhof und veranstalten kreative Sessions wie Poesie- oder Filmabende. Ich bin gerne der Social Butterfly und nehme andere an die Hand, damit Gemeinschaft entsteht. Dabei lege ich meinen Fokus auf ruhige Veranstaltungen, die inklusiv sind und wirklichen Austausch ermöglichen.

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