Menschen an der UW/H – Rene Geißen: Vom Molekül zur Forschungslandschaft
Dr. Rene Geißen spricht über die Herausforderungen und Chancen klinischer Forschung, seine Begeisterung fürs Radfahren und den besonderen „Wittener Geist“.
Bemerkenswert finde ich an der UW/H, dass wir trotz vergleichsweise begrenzter Mittel im Vergleich zu staatlichen Universitäten absolut konkurrenzfähig und teilweise sogar deutlich innovativer sind.
Dr. rer. nat. Rene GeißenGeschäftsleiter des Zentrums für Klinische Studien der Universität Witten/Herdecke (ZKS)
Wer sind Sie und was sind Ihre Tätigkeiten an der UW/H?
Von meiner Ausbildung her bin ich Molekularbiologe und habe im Bereich der Transkriptionskontrolle bei Prokaryoten promoviert. Dabei habe ich untersucht, wie Bakterien steuern, welche ihrer Gene abgelesen werden und welche nicht – also welche Gene aktiv sind und welche „ausgeschaltet“ bleiben. Mein „Haustierchen“ war dabei das vergleichsweise pflegeleichte Bakterium E. coli. Während meiner Postdoc-Zeit habe ich mich dann noch einige Jahre mit Candida albicans beschäftigt, einem Hefepilz, der natürlicherweise im menschlichen Körper vorkommt, unter bestimmten Bedingungen aber auch krankmachend (pathogen) werden kann.
Seit 2015 bin ich am Zentrum für klinische Studien (ZKS) der UW/H tätig. Seit 2020 führe ich das ZKS als Geschäftsleiter, seit 2021 gemeinsam mit der wissenschaftlichen Leitung in einer Doppelspitze.
Auch wenn ich leidenschaftlich gerne im Labor gearbeitet habe und eigentlich nie ein „Schreibtischtäter“ werden wollte, habe ich heute einen sehr interessanten Job, den ich ausgesprochen gerne mache.
Um meine Arbeit zu beschreiben, muss ich zunächst ein wenig auf das ZKS und seine Aufgaben eingehen. Klinische Studien unterliegen – abhängig vom jeweiligen Studiendesign – unterschiedlich strengen gesetzlichen Vorgaben.
Die „Königsklasse“ sind dabei sogenannte klinische Prüfungen mit Arzneimitteln und/oder Medizinprodukten sowie mit In-vitro-Diagnostika. In-vitro-Diagnostika sind medizinische Tests, bei denen Proben wie Blut, Urin oder Speichel außerhalb des Körpers untersucht werden, um beispielsweise Krankheiten oder bestimmte gesundheitliche Merkmale festzustellen. Sie werden durch zunehmend komplexe gesetzliche Vorgaben auf nationaler und internationaler Ebene geregelt. Bei eigeninitiierten Studien muss das Studienteam neben der adäquaten Versorgung der Patient:innen eine Vielzahl zusätzlicher Aufgaben übernehmen, unter anderem im Bereich der Qualitätssicherung der Studiendurchführung.
Diese zusätzlichen Aufgaben haben allerdings in vielen Fällen nur wenig mit dem klassischen Klinikalltag zu tun. Sie erfordern daher zusätzliches Know-how und einen erheblichen Zeitaufwand, um allen nationalen und internationalen Gesetzen, Verordnungen und Guidelines gerecht zu werden. Im normalen Arbeitsalltag ist dieser zusätzliche Aufwand kaum zu leisten – insbesondere für Forschende in den Kliniken, die „nebenbei“ ja auch noch Patient:innen versorgen.
Um möglichst viele dieser Barrieren für die klinische Forschung an der UW/H abzubauen, unterstützt das ZKS als zentrale Dienstleistungsabteilung daher alle Forschenden der Fakultät für Gesundheit bei der Planung und Durchführung klinischer Forschungsprojekte. Unser Ansatz lautet: „Von der Idee zum Projekt“. Mit Projektideen in jeder Phase kann man daher gerne zu uns kommen.
Damit der Werbeblock hier nicht zu groß wird, verweise ich für weitere Details zu unserem Angebot gerne direkt auf unsere Homepage: Zentrum für klinische Studien – Universität Witten/Herdecke
Als Geschäftsleiter des ZKS darf ich die UW/H außerdem im KKS-Netzwerk, dem nationalen Zusammenschluss universitärer Koordinierungszentren für klinische Studien, vertreten. Darüber kann ich auch in spannenden Arbeitsgruppen mitwirken, die verschiedene Stakeholder der klinischen Forschung – etwa Behörden, Ethikkommissionen und die Industrie – zusammenbringen.
Zusätzlich habe ich das große Vergnügen, Mitglied in der Forschungskommission der Fakultät für Gesundheit zu sein und auch auf diesem Weg einen Beitrag zur Forschungslandschaft an der UW/H leisten zu können.
Was an Ihrer Arbeit macht Ihnen besondere Freude und an welchen Projekten/Themen arbeiten Sie derzeit?
Der interessanteste und zugleich erfreulichste Aspekt meiner Arbeit ist, dass ich dadurch Einblicke in nahezu die gesamte Bandbreite der Forschungsaktivitäten an der Fakultät bekomme. Gleichzeitig lerne ich ganz automatisch eine Vielzahl von Forschenden der UW/H, der kooperierenden Kliniken und auch anderer zentraler Infrastruktureinheiten der Universität kennen.
Das macht es natürlich immer wieder spannend und manchmal auch herausfordernd, sich auf ganz unterschiedliche Charaktere, Arbeitsweisen und Vorstellungen einzustellen. Aber genau darin liegt für mich auch ein gewisser Reiz. Jedes Projekt bringt seine ganz eigenen potenziellen Fallstricke mit sich. Aufgrund unserer Erfahrung sind die meisten davon gut erkennbar – manchmal tauchen allerdings auch Herausforderungen auf, mit denen wirklich niemand gerechnet hat.
Wenn es dann gelingt, ein anspruchsvolles Projekt von der ersten Idee über die Durchführung bis hin zur Auswertung und Publikation erfolgreich umzusetzen oder daraus sogar ein erfolgreicher Drittmittelantrag entsteht, freut mich das natürlich besonders.
Natürlich klappt das aus den unterschiedlichsten Gründen nicht immer. Aber als Molekularbiologe, der noch weitgehend ohne die praktischen Test- und Laborkits verschiedener Hersteller, etwa von QIAGEN, auskommen musste, trainiert man sich im Laufe der Zeit eine ganz ordentliche Frusttoleranz an.
Das aktuell aus meiner Sicht interessanteste Projekt – eines muss ja schließlich das spannendste sein – ist das BMFTR-geförderte Projekt ViBa-IMS. Dabei handelt es sich um ein Konsortialprojekt mit mehreren Universitäten und kleinen und mittleren Unternehmen (KMU). Auf Seiten der UW/H sind der Lehrstuhl für Mikrobiologie und Laboratoriumsmedizin als Projektleitung sowie das ZKS als weiterer Partner beteiligt.
Ziel des Projekts ist die schnelle und nicht-invasive Detektion von Infektionen direkt vor Ort mithilfe einer Analyse der Atemluft.
Was wünschen Sie sich für die Zukunft an der UW/H und gibt es etwas, das Sie gerne ändern möchten?
Zunächst einmal wünsche ich mir für die Zukunft der UW/H, dass wir das stabile Wachstum, das wir in den vergangenen Jahren erleben durften, weiter fortsetzen können. Dadurch sollten sich auch Forschung und Lehre weiterhin eng verzahnt entwickeln und ausbauen lassen.
Dazu wäre aus meiner Sicht auch wünschenswert, dass das Thema Digitalisierung einen deutlichen Sprung nach vorne macht – insbesondere im Bereich des Daten- und Dokumentenmanagements.
Auch die Strukturierung von Prozessen beziehungsweise zumindest die Transparenz darüber, wie bestimmte Prozesse ablaufen, erscheint mir – obwohl ich inzwischen schon eine ganze Weile dabei bin – nicht immer ganz selbsterklärend. Flache Hierarchien, wie wir sie an der UW/H vielfach haben, sind grundsätzlich sehr begrüßenswert, weil sie Barrieren abbauen und kurze Wege ermöglichen. Wenn dadurch allerdings nicht klar ist, an wen man sich mit einem bestimmten Anliegen wenden muss, oder man sich im schlimmsten Fall im Kreis bewegt, weil der entscheidende Ansprechpartner nicht ersichtlich ist, wird es schwierig.
Mir ist natürlich bewusst, dass beide Punkte leichter angesprochen als umgesetzt sind. Aber wünschen darf man ja.
Für mich persönlich wünsche ich mir vor allem, dass ich auch in Zukunft so reibungslos und vertrauensvoll mit meinem Team und den vielen Ansprechpartner:innen zusammenarbeiten kann, mit denen ich im Rahmen meiner Arbeit zu tun habe.
Was machen Sie, wenn Sie gerade nicht an der UW/H arbeiten?
Alle, die mich kennen, können wahrscheinlich ein Lied davon singen, wie ich ins Schwärmen gerate, sobald man den Fehler macht, mich auf dieses Thema anzusprechen.
Meine große Leidenschaft ist seit mehr als zehn Jahren das intensive Radfahren. Vorwiegend bin ich mit dem Mountainbike unterwegs. Als Wuppertaler habe ich mit dem Bergischen Land und dem Ruhrgebiet ein perfektes Revier direkt vor der Haustür. Nichtsdestotrotz lockt natürlich auch immer wieder die Ferne. So gehört regelmäßig eine Alpenüberquerung dazu. Neben den großen Seen der Alpen bin ich dabei auch schon bis an die Adria gekommen.
Vor ein paar Jahren bin ich dann auch dem Marketing erlegen und habe mich für ein Gravelbike begeistern lassen. Das ist erstaunlich leistungsfähig im Gelände, erlaubt aber gleichzeitig, auch mal einen größeren Asphaltanteil in die Tour einzubauen.
Beim Radfahren bekomme ich gerade auf längeren Tagestouren unglaublich gut den Kopf frei. Bei der durchaus fordernden körperlichen Anstrengung bleibt irgendwann gar keine Kapazität mehr, über irgendetwas anderes nachzudenken. Meistens bin ich zudem in einer größeren Gruppe unterwegs und kann mich dadurch wunderbar von der Arbeit ablenken. Ganz nebenbei bekommt man unglaublich viel von unserer schönen Landschaft zu sehen. Erst durch das Radfahren habe ich wirklich zu schätzen gelernt, in was für einer schönen Region ich eigentlich lebe.
Über das Radfahren habe ich dann auch das alpine Wandern für mich entdeckt. Auch dabei kann ich sehr gut abschalten und mich mental erholen.
Abseits des Sports versuche ich mich außerdem als Hobbygärtner. Dafür steht mir zwar nur ein Balkon zur Verfügung, der ist dafür aber regelmäßig mit allerlei essbaren und/oder insektenfreundlichen Pflanzen zugewuchert. Es ist erstaunlich, was neben den ausgesäten Pflanzen noch so alles Spannendes – und zum Teil sogar sehr Schmackhaftes – wächst, wenn man zu faul zum Unkrautjäten ist.
Was ist das Kurioseste oder Bemerkenswerteste, das Sie je an der UW/H erlebt haben?
Bemerkenswert finde ich an der UW/H, dass wir trotz vergleichsweise begrenzter Mittel im Vergleich zu staatlichen Universitäten absolut konkurrenzfähig und teilweise sogar deutlich innovativer sind. Vielleicht ist es gerade die Notwendigkeit, mitunter auch mit unkonventionellen und nicht unbedingt „High-Sophisticated“-Methoden zum Ziel kommen zu müssen, die diese Innovationskraft fördert.
Auch der etwas schwer greifbare „Wittener Geist“ ist etwas, das ich in dieser Form an noch keiner anderen Institution erlebt habe. Natürlich gibt es auch bei uns im Arbeitsalltag Stress, unterschiedliche Vorstellungen und manchmal Diskrepanzen. Trotzdem empfinde ich den Umgang miteinander insgesamt immer noch als deutlich familiärer, als man es bei einer Institution dieser Größe erwarten würde. Dazu tragen sicher auch gemeinsame Veranstaltungen wie die Weihnachtsfeier oder das Sommerfest bei.
Ich hoffe sehr, dass wir dieses Miteinander auch bei weiterem Wachstum bewahren können.
Ganz persönlich hatte ich vor nicht allzu langer Zeit ein schönes Erlebnis, das für mich genau zu diesem „Wittener Geist“ passt. Viele Jahre war das Büro des ZKS noch in einem alten Klinikgebäude des Helios Klinikums in Wuppertal-Elberfeld untergebracht. Im September 2025 konnten wir dann endlich nach Witten umziehen. Zwar nicht direkt auf den Campus, aber auch die Stockumer Straße ist ein schöner Standort.
Eine Etage unter uns ist der Lehrstuhl für Biochemie und Molekulare Medizin untergebracht. Wenn ich dort die Labore sehe, werde ich manchmal schon ein bisschen wehmütig und bekomme Lust, wieder selbst an die Bench zu gehen.
Eines Tages öffnete sich dann meine Bürotür und ich schaute in ein Gesicht, das mir irgendwie bekannt vorkam. Vor mir stand eine ehemalige Studentin von mir – wahrscheinlich sogar die letzte Bachelorstudentin, die ich während meiner Postdoc-Zeit selbst intensiv betreut hatte. Sie arbeitet inzwischen am oben genannten Lehrstuhl und hatte meinen Namen in irgendeiner Rundmail gelesen. Also wollte sie einfach mal vorbeikommen und Hallo sagen.
In solchen Momenten merkt man dann doch: Die Welt ist manchmal einfach nur ein Dorf.