Rafael Dietzel: Vom PPÖ-Studenten zum globalen Netzwerker

Porträtfoto von Rafael Dietzel

Von Witten in die Welt: Wer Rafael Dietzel heute trifft, begegnet jemandem, der sich selbstverständlich in internationalen Kontexten bewegt. In den vergangenen zwei Jahren hat der Absolvent der Universität Witten/Herdecke als Mitgründer und Geschäftsführer von Super Climate ein globales Investor:innen-Netzwerk im Bereich Climate Tech aufgebaut – mit dem Ziel, Kapital in nachhaltige Technologien zu lenken.

„Mit Super Climate haben wir Räume geschaffen, in denen sich die richtigen Menschen im richtigen Moment begegnen“, beschreibt Rafael seine Arbeit. Entscheidend sei dabei gewesen, eine Umgebung zu gestalten, in der echte Gespräche entstehen. Dafür wurden die Veranstaltungen bewusst streng kuratiert, sodass die Teilnehmenden Berührungspunkte haben und Synergien entstehen können. „Wir haben die Lautstärke reduziert – im übertragenen Sinne. Wenn sich jemand umdreht, soll die nächste Person, mit der er oder sie spricht, relevant sein. Das war immer mein Maßstab für ein erfolgreiches Event.“

Die UW/H als Denk- und Möglichkeitsraum

Das Interesse an Unternehmensstrukturen und Entscheidungsprozessen entwickelte Rafael schon während der Schulzeit. Nach dem Abitur wollte er es in einem Management-Studium vertiefen. Zuvor stand jedoch eine anderthalb jährige Reise durch Neuseeland und Asien an. Dabei sammelte er Erfahrungen, die seine Perspektive veränderten. In dieser Zeit entstand der Wunsch, nicht nur Zahlen in den Mittelpunkt seines Studiums zu stellen, sondern die Zusammenhänge zwischen Wirtschaft, Politik und Gesellschaft zu ergründen und umfassend zu verstehen. Genau diese Verbindung fand er schließlich im Studiengang PPÖ – Philosophie, Politik und Ökonomik an der UW/H.

Die Entscheidung für Witten war auch eine Entscheidung für eine bestimmte Art zu lernen und zu denken. Besonders prägend waren für ihn Seminare, in denen unterschiedliche Disziplinen bewusst miteinander verschränkt wurden. Bis heute sieht er darin eine der wichtigsten Grundlagen seiner Arbeit: die Fähigkeit, komplexe Themen aus verschiedenen Perspektiven gleichzeitig zu betrachten und Ambivalenzen auszuhalten, anstatt sie vorschnell aufzulösen.

Neben den inhaltlichen Impulsen war es vor allem der Freiraum, der das Studium in Witten für ihn besonders gemacht hat. Viele Studierende sind parallel in Initiativen aktiv oder bringen eigene Projekte voran. Rafael selbst engagierte sich im Kulturverein Unikat, übernahm später Verantwortung als Teil des erweiterten Vorstands und sammelte gleichzeitig Erfahrungen in der Organisation unterschiedlichster Formate. „Lange Zeit habe ich dieses hohe Maß an Aktivität gar nicht hinterfragt. Erst im Austausch mit Freunden anderer Universitäten habe ich festgestellt, wie besonders diese Kultur des Ausprobierens und Mitgestaltens in Witten ist.“

Der Familienunternehmerkongress als prägende Erfahrung

Ein zentrales Kapitel seiner Studienzeit ist eng mit dem Familienunternehmerkongress (FUK) verbunden, einem der größten studentisch organisierten Wirtschaftsevents Europas. Innerhalb der Studierendenschaft genießt das Format einen besonderen Ruf, gerade in wirtschaftsbezogenen Studiengängen.

Fünf Studierende stehen auf einer Bühne und lächeln ihn die Kamera. Vor ihnen liegen Blumensträuße.

Rafaels erster Kontakt mit dem Kongress war gleich im ersten Semester, als er die Veranstaltung als Shuttle-Fahrer unterstützte. „Während der Fahrt hatte ich die Gelegenheit, mich mit teilnehmenden Unternehmern zu unterhalten. Das war total spannend und hat meinen Blick auf Unternehmertum nachhaltig geprägt.“ Über die Jahre hinweg übernahm er immer mehr Verantwortung, arbeitete in unterschiedlichen Ressorts des Kongresses mit und wurde schließlich selbst Teil des Organisationsteams. „Der Familienunternehmerkongress ist quasi eine begleitete Gründung auf Zeit“, erklärt Rafael. Studierende bauen für die Organisation ein eigenes Unternehmen auf, verhandeln mit Dienstleistern, akquirieren Sponsoren, übernehmen Personalverantwortung und bewegen sich in einem professionellen Umfeld mit namhaften Unternehmen. Für Rafael war diese Erfahrung prägend: „Ich wollte schon immer gründen, daher war es aufregend, einen Vorgeschmack zu bekommen.“

Die intensive Beschäftigung mit dem FUK war auch die Basis seiner Bachelorarbeit. Darin ging er der Frage nach, ob die Organisation des Familienunternehmerkongresses eine Art Ursprungserfahrung für späteres unternehmerisches Handeln darstellt. In Gesprächen mit Alumnae und Alumni zeigte sich ein wiederkehrendes Muster: Viele ehemalige Organisator:innen des Kongresses haben später erfolgreich gegründet oder verantwortungsvolle Positionen in Betrieben übernommen.

Rafael Dietzel im Gespräch mit einem anderen Mann. Um sie herum stehen weitere Personen. Im Hintergrund ist eine Gebäudefassade mit vielen Fenstern.
Von wertvollen Netzwerken und dem Mut, Chancen zu ergreifen

Parallel zu seiner Abschlussarbeit begann Rafael mit der Jobsuche. Dabei fokussierte er sich zunächst auf Stellen im Bereich Consulting. Dass sein Berufseinstieg schließlich bei Super Climate und damit in einem ganz anderen Ressort erfolgen sollte, verdankt er seinem Gespür für wertvolle Chancen, seinem Selbstvertrauen und den Verbindungen, die er in Witten geknüpft hat. 

Obwohl er von anderen häufig als guter Netzwerker bezeichnet wird, hadert er selbst mit dem Label. „Ich denke im Kontakt mit Menschen nie transaktional. Stattdessen finde ich es viel wichtiger, jedem Menschen offen zu begegnen, ohne eine Gegenleistung bzw. einen unmittelbaren Mehrwert von diesem Kontakt zu erwarten. Häufig ergeben sich Synergien aus guten Beziehungen von ganz allein.“ 

In der WhatsApp-Gruppe „Wittener Start-up Connection“ stieß er eines Abends auf eine Anfrage: „Gesucht wurde jemand, der Lust auf eine Gründung hat und als Geschäftsführe hochklassige, internationale Events für ein Unternehmen organisieren sowie mit High Net Worth Individuals (vermögenden Investoren) und Kapital umgehen kann. Also habe ich mein Interesse signalisiert. Dass ich an der UW/H bereits den FUK organisiert hatte, war eine gute Visitenkarte. So ist der Kontakt zu meinen späteren Co-Foundern in Berlin entstanden.“ Kurz darauf ergab sich die Möglichkeit, ein erstes Event zu besuchen, um das Konzept kennenzulernen. Die Reise führte ihn nach Dubai. „Es war surreal! Auf dem Hinflug habe ich noch an der finalen Version meiner Bachelorarbeit gefeilt. Vor Ort fand ich mich plötzlich auf der UN-Klimakonferenz COP und in Fünf-Sterne-Hotels wieder und habe einen Eindruck von meinem zukünftigen Arbeitsumfeld erhalten.“ Bereits auf dem Rückflug war Rafaels Entscheidung gefallen: Er würde sich auf dieses neue Abenteuer einlassen.

Aufbau von Super Climate: Zwischen Verantwortung und Selbstverständnis

Mit dem Umzug nach Berlin im Januar 2024 begann für den Rafael die intensive Aufbauphase des neuen Unternehmens. Gemeinsam mit Partnern aus dem Venture-Capital-Umfeld gründete er Super Climate und leitete das Unternehmen operativ und strategisch im Sparring mit seinen Mitgründern.

Inhaltlich bewegte sich der ehemalige PPÖ-Student in einem Feld, das für ihn neu war. „In Themen wie Venture Capital musste ich mich erstmal einarbeiten und auch gewisse Abhängigkeiten, die unter den verschiedenen Akteuren bestehen, verstehen lernen. Genauso wie die Rolle, die Super Climate im Endeffekt in diesem Ökosystem spielt. Das war auf jeden Fall eine Herausforderung.“

So erfolgreich der Aufbau von Super Climate verlief, so anspruchsvoll war er auf persönlicher Ebene. Über lange Zeit hinweg traf Rafael viele Entscheidungen allein und trug die Verantwortung für die Entwicklung der Organisation weitgehend selbst. Diese Erfahrung hat ihm einmal mehr gezeigt, wie wertvoll Zusammenarbeit und Austausch sind. „In dieser Zeit habe ich gelernt: Ich bin ein größerer Teamplayer als ich es vorher gedacht hatte“, sagt der Alumnus über sich selbst. „Ich habe es extrem schätzen gelernt, wie gut es ist, Menschen um sich zu haben, mit denen man gemeinsam Entscheidungen treffen bzw. Ideen entwickeln kann. Vertrauen und ehrliches gegenseitiges Feedback sind extrem viel wert.“

Bleibende Verbindungen nach Witten und wertvolle Learnings

Im März 2026 kehrte Rafael an seine Alma Mater zurück und nahm als Speaker am Familienunternehmerkongress teil. Den FUK diesmal aus der Perspektive eines Teilnehmenden zu erleben, beschreibt er als „Full Circle Moment“. Viele Begegnungen fühlten sich vertraut an, Gespräche knüpften an frühere Erfahrungen an und es entstand ein Gefühl von Kontinuität. Besonders bemerkenswert war für ihn zu sehen, „dass viele meiner Ideen, die ich damals eingebracht habe, weitergegeben und übernommen wurden. Gleichzeitig empfinde ich eine tiefe Dankbarkeit gegenüber der Uni und dem Kongress – ohne beide, hätte ich nicht so einen Start in mein Berufsleben hingelegt.“ 

Ende März 2026 hat Rafael Super Climate verlassen und sieht der nächsten Herausforderung mit Vorfreude entgegen. Was bleibt sind persönliche Verbindungen, ein tiefes Verständnis von Venture Capital und die Erfahrung, eine internationale Community aufgebaut zu haben. Der Alumnus beschreibt sich selbst als jemanden, der sich nicht stur an Pläne klammert, sondern offen für Gelegenheiten ist und diese Chancen auch mutig ergreift – ganz nach dem Motto “You have to be open to luck, to get lucky”. Diese Einstellung hat ihm in seiner bisherigen Laufbahn bereits viele Türen geöffnet. Auch was den nächsten Schritt angeht, bleibt Rafael sich treu: „Ich spreche aktuell mit verschiedenen Menschen, freue mich über neue Begegnungen und bin gespannt, was daraus entsteht. Mein Bauchgefühl hat mich bisher selten im Stich gelassen.“ Zunächst wird er aber eine Elternzeit nehmen, bevor er sich einem neuen Projekt widmet.

Einen Rat, den er mit Blick auf seine eigene Studienzeit zukünftigen Generationen von Studierenden mitgeben möchte: „Wer gerade erst mit dem Studium beginnt, sollte seine Karriere nicht am Reißbrett planen und sich nicht von Anfang an Gedanken um das machen, was nach dem Abschluss kommt. Vielmehr sollte man sich mit den Dingen befassen, die einem Freude bereiten, um sich darin zu verbessern. Gleichzeitig sollte man hinterfragen, ob man die Dinge, in denen man gut ist, auch wirklich gern macht.“

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