UW/H-Alumnus Oliver Skopec: „Man kann die Komfortzone gar nicht oft genug verlassen.“

Porträt Oliver Skopec.

Oliver Skopec hat an der Universität Witten/Herdecke Wirtschaftswissenschaften studiert. Als Mitbegründer des sozialen Netzwerks schülerVZ sammelte er früh Erfahrungen in der Start-up-Welt. Nach weiteren Gründungen, Stationen in internationalen Unternehmen und Projekten im Innovationsbereich folgte 2024 der Wechsel in die Politik mit dem damals neugegründeten Bündnis Sahra Wagenknecht (BSW). Heute ist er Abgeordneter im Brandenburger Landtag. Im Interview spricht der Alumnus über Unternehmertum, Perspektivwechsel und darüber, warum Alumnae und Alumni wichtige Brückenbauer für kommende Generationen sind. 

Du hast an der UW/H Wirtschaftswissenschaften studiert. Wie hast du die Zeit in Witten erlebt?

Ich habe mein Studium in zweierlei Hinsicht als fantastische Zeit in Erinnerung. Zum einen hatte ich bereits vor Studienbeginn einige unternehmerische Kapitel hinter mir und konnte diese an der UW/H akademisch nachbearbeiten. 

Zwei Studierende sitzen auf einem Transport-Handwagen, ein dritter schiebt sie. Im Hintergrund ist ein von Säulen gesäumter Gang zu sehen.

Zum anderen habe ich an der UW/H etwas erlebt, das ich sehr geschätzt habe: Ich hatte nie das Gefühl, dass ich mich irgendjemandem erklären muss. Als Kommilitonen wussten wir voneinander, dass wir alle mit derselben Offenheit aufeinander zugehen können. Das hat diesen Lebensabschnitt unglaublich warm und schön gemacht. 

Während wir hier sprechen, findet der Auftakt zum diesjährigen Alumnitreffen statt. Was bedeutet es für dich, an deine Alma Mater zurückzukehren und welche Rolle spielt die UW/H heute noch für dich?

Das Alumnitreffen ist für mich wie ein Familienfest. Es ist schön zu sehen, dass sich die Kultur, die ich bereits als Student erlebt habe, über Generationen hinweg fortsetzt.

Ich habe während des Studiums selbst stark von Alumni profitiert, die für Praxisvorträge zurückgekehrt sind, Praktika angeboten haben oder sich bei dem Recruitingevent Heiratsmarkt als potenzielle Arbeitgeber präsentiert haben. Durch Alumni bin ich überhaupt erst auf die UW/H aufmerksam geworden. Deshalb betrachte ich es heute als Verantwortung, etwas zurückzugeben. 

Welche Personen haben deine Entscheidung besonders beeinflusst?

Einer meiner ersten Mentoren in der Schulzeit war UW/H-Alumnus Prof. Dr. Stefan Jung. Später, in meinem ersten Studium an der Universität der Künste in Berlin, lernte ich Prof. Dr. Franz Liebl kennen, der zuvor an der UW/H unterrichtet und mich sehr inspiriert hat. Beide verband ich mit Witten und dachte mir, dass die Uni ein ganz besonderer Ort sein muss, wenn er Menschen wie diese zusammenbringt.

Entscheidend war dann ein Gespräch mit dem damaligen Studenten Manuel Dolderer bei einem Infotag in Witten. Er hat mich während unserer Unterhaltung ziemlich „gegrillt“ und gefragt, was ich eigentlich von einem Studium erwarte. Danach wusste ich ziemlich genau, dass ich nach Witten will und begann 2009 mein Studium. Diese Erfahrung hat mir auch gezeigt, welche Rolle Alumni als Brückenbauer für kommende Studierende spielen können. 

Fragenhagel

Mein erster Gedanke, als ich an die UW/H kam: …
Gleichgesinnte.

Das Studium fundamentale war für mich …
Entertainment.

Die wichtigste Eigenschaft eines Gründers bzw. einer Gründerin?
Beharrlichkeit.

Ein Mythos über Start-ups, den du nicht mehr hören kannst?
„Das Team ist alles.“

Idee oder Umsetzung?
Umsetzung.

Risiko oder Kontrolle?
Risiko.

Ein gutes Geschäftsmodell ist für mich …
Neu.

Welche Entscheidung hat deinen Weg besonders geprägt?
Immer wieder Abstand zu aktuellen Projekten und Themen zu nehmen, um Situationen neu bewerten zu können. 

Was sollte man über dich wissen, das nicht im Lebenslauf steht?
Ich fahre unglaublich gerne mit meinem Bagger übers Feld auf meinem kleinen Bauernhof. Und wahrscheinlich bin ich nirgendwo so entspannt wie bei einer Jam-Session am Schlagzeug.

Du hast bereits vor dem Studium als Mitbegründer von schülerVZ erste Gründungserfahrungen gesammelt. Wie kam es dazu und wie hat dich diese Erfahrung geprägt?

Während meiner Schulzeit war ich Landesschülervertreter in Baden-Württemberg und dadurch sehr nah an den Themen von Schülern. Die Gründer von studiVZ suchten damals Menschen aus genau dieser Zielgruppe, um ein Netzwerk für jüngere Nutzer aufzubauen. 

So kam ich zu schülerVZ, welches quasi eine Sub-Marke von studiVZ war. Ich führte also gewissermaßen ein Start-up innerhalb eines Start-ups und hatte unglaublich viel Freiheit. Das waren zwei sehr intensive Jahre, in denen sich das Unternehmen zunehmend professionalisiert hat. Irgendwann kam der Punkt, an dem ich gemerkt habe, ich werde hier nicht mehr gebraucht.

Gemeinsam mit einem der Gründer von studiVZ habe ich danach in einigen weiteren Projekten zusammengearbeitet. Von da an gab es in meinem Leben immer wieder Kapitel, in denen Start-ups, Gründungen und Innovationen im Mittelpunkt standen – entweder mit mir in der Rolle als Gründer, als Investor oder an der Schnittstelle von Innovationsforschung und Praxis. Dazu gehörte auch meine Zeit beim Berlin Institute for Innovation, das ich zehn Jahre lang mit aufgebaut und in dieser Zeit zahlreiche Projekte von der Idee bis zur Markteinführung begleitet habe. Am Ende des Tages ging es immer darum, etwas Neues erfolgreich zu etablieren. Und diesem Credo bin ich bis zu meinem Wechsel in die Politik treu geblieben – wobei ich mich auch in meiner jetzigen Position als Landtagsabgeordneter mit dem Thema Gründungen befasse, nur aus einer anderen Perspektive.

Selfie von zwei Männern vor einer gelben Werbetafel mit der Aufschrift Tupomoja.
Gab es eine Station, die dich besonders geprägt hat?

Was mich stark geprägt hat, war ein Kapitel, das ich zwischen 2014 und 2018 in Ostafrika geschrieben habe. In Daressalam in Tansania haben wir mit Tupomoja ein E-Commerce- und Logistik-Start-up aufgebaut, das sich die Möglichkeiten von Internet und Mobilfunk nutzbar gemacht hat. 

Besonders beeindruckt an der dortigen Wirtschaft hat mich, das sogenannte „Leapfrogging“, also das Überspringen von Entwicklungsschritten. In vielen Ländern des globalen Südens gab es bis vor etwa 20 Jahren einen sehr hohen Anteil an Menschen ohne Zugang zu Bankkonten. Während sich das Bankwesen, wie wir es in Europa kennen, über Jahrhunderte entwickelt hat, haben Mobilfunkanbieter in Tansania ohne Umwege ein Bankensystem im einfachsten Sinne eingeführt, indem Kunden das Guthaben auf der eigenen SIM-Karte nicht nur für die Telefonie, sondern auch für Überweisungen auf andere Geräte nutzen können. 

Diese Form von Leapfrogging haben wir auch in unserem eigenen Geschäftsumfeld erlebt: Statt zunächst eine klassische Infrastruktur aufzubauen, entstanden digitale Lösungen direkt auf Basis der bereits weit verbreiteten Mobilfunktechnologie.

Die wichtigste Erkenntnis aus dieser Zeit war für mich, dass wir in Europa wahnsinnig viel von den Märkten im Globalen Süden lernen können, die sich mit knapperen Ressourcen und unter oftmals immensen sozialen, klimatischen oder politischen Stressbedingungen entwickeln. Da müssen wir demütiger werden und anerkennen, dass der Wissensfluss in beide Richtungen verläuft.  

Welchen Rat gibst du Menschen, die gründen wollen? Und vor welchen Fehlern warnst du?

Als Gründer sollte man sich gar nicht vor Fehlern wappnen. Man soll sie machen. Der einzige Fehler wäre es, sich zu viele Gedanken über Fehlervermeidung zu machen.

Wichtig ist, loszulaufen, sich von der ersten blutigen Nase nicht abschrecken zu lassen und immer wieder aufzustehen. Wertvoll ist auch ein gutes Sicherheitsnetz – sozial, emotional, finanziell und fachlich. Es ist gut, Menschen an seiner Seite haben – seien es Mentoren, Eltern oder Freunde –, die sich gemeinsam mit einem auf das Vorhaben einlassen und einen im Zweifelsfall wieder aufbauen. Bei den einen gibt es in der Gründungsphase existenzielle Sorgen, bei den anderen emotionale Selbstzweifel. Aber auch das können Chancen sein, an denen man wächst.

Du hast in Start-ups und Konzernen gearbeitet und bist heute in der Politik. Was bleibt an deiner Arbeitsweise immer gleich?

Trotz unterschiedlicher Kontexte hat sich folgendes Vorgehen für mich bewährt: Probleme analysieren, Risiken mutig bewerten und nach konkreten Lösungen suchen. 
Dabei ist es entscheidend, unkonventionell vorzugehen und auf Mittel mit bisher ungenutztem Potenzial zurückzugreifen – seien es Technologien, die Art des Managements oder Arbeitsweisen.

Außerdem versuche ich, in „Quick Wins“ und „low hanging fruits“ zu denken. Also nicht die perfekte Lösung anzustreben und sich womöglich in komplexen Strategien zu verlieren, sondern den nächsten sinnvollen Schritt zu finden, der ein Problem tatsächlich verbessert. 

Gab es konkrete Erlebnisse, die dich zum Wechsel in die Politik bewegt haben?

Mein Einstieg in die Politik war sowohl privat als auch wirtschaftlich motiviert.

Zum einen habe ich durch persönliche Erfahrungen viele Fragen rund um Familienrecht, Bildung, Mobilität und Daseinsvorsorge aus einer neuen Perspektive kennengelernt. 

Oliver Skopec steht hinter einem weißen Rednerpult, auf dem das Brandenburger Wappen abgebildet ist.

Ich habe in dieser Zeit viele Missstände entdeckt, weshalb der Wunsch entstand, mich einzumischen. Zum anderen hatte ich als Unternehmer immer ein Auge auf die wirtschaftliche Lage im eigenen Land und habe mich zunehmend gefragt, wie wir das Ruder herumreißen wollen, um als Wirtschaftsstandort nicht in der Bedeutungslosigkeit zu verschwinden.

Als sich 2024 mit dem BSW die Möglichkeit ergab, politisch aktiv zu werden, habe ich darin eine Chance gesehen, Verantwortung zu übernehmen. Gerade in einer neugegründeten Partei sah ich viel Gestaltungsfreiraum und Hoffnung, dem Rechtsruck in unserem Land etwas entgegenzusetzen.

Bei Start-ups geht es viel um das richtige Timing und schnelle Lösungen, während Politik häufig ein sehr langwieriger Prozess sein kann. Wie war das für dich, deine Arbeitsweise dahingehend anzupassen?

Interessanterweise spielt Timing in beiden Welten eine große Rolle. In Unternehmen gibt es Zeitfenster von einem bis drei Jahren, um ein neues Produkt auf den Markt zu bringen und der Konkurrenz voraus zu sein. In der Politik sind diese „Windows of opportunity“ häufig viel kleiner. Nehmen wir das Thema Atomausstieg, über das jahrelang diskutiert wurde. Dann ereignet sich eine Katastrophe wie in Fukushima und plötzlich hat das Thema eine so gesellschaftliche Relevanz, dass man für wenige Wochen eine gute Chance hat, den forcierten Atomausstieg voranzubringen. 

Abgesehen von diesen unvorhersehbaren Akutphasen muss man in der Politik aber meist ziemlich dicke Bretter bohren – und daran Spaß haben. Was beide Bereiche also verbindet, sind Beharrlichkeit, Ausdauer und die Fähigkeit, Chancen zu erkennen, wenn sie sich bieten. 

Du hast auf deinem Karriereweg immer wieder eine neue Richtung eingeschlagen und dich ausprobiert. Ist das etwas, was du auch heutigen Studierenden an der UW/H mitgeben würdest?

Das Weitergeben von Wissen und Erfahrung, aber auch der gegenseitige Austausch, sind wichtige Grundbestandteile, die Witten ausmachen und von denen alle profitieren. Deswegen engagiere ich mich auch im Mentoringprogramm der StudierendenGesellschaft, das Alumni und Studierende zusammenbringt. 

Was man nie genug machen kann, ist, die eigene Komfortzone zu verlassen und die Perspektive zu wechseln. Das erzähle ich auch meinen Mentees. Die UW/H bietet dafür unglaublich viele Möglichkeiten – durch das Studium fundamentale, Praktika, Auslandsaufenthalte und vor allem durch ihr Netzwerk. Man sollte immer wieder hinterfragen, wie man das Gelernte einordnet und bewertet. Dafür braucht es neue Eindrücke, besonders außerhalb des eigenen Fachgebiets. 

Diesen Perspektivwechsel zu kultivieren, ist wahrscheinlich der wichtigste Rat, den ich geben kann.

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