Viktoria Schutschmann: „Zugehörigkeit ist dort, wo ich sein kann, wer ich bin.“

Porträt von Viktoria Schutschmann vor einer blauen Wand.

Als studentische Mitarbeiterin unterstützt Viktoria Schutschmann seit Kurzem das Team Gleichstellung und Vielfalt der Universität Witten/Herdecke (UW/H). Gleichzeitig wurde sie zur stellvertretenden Beauftragten für Gleichstellung und Vielfalt für die Statusgruppe Studierende gewählt. Die Psychologie-Studentin bringt vieles mit, um ihre neue Aufgabe auszufüllen: Fachwissen, großes Engagement und persönliche Erfahrungen, die sie geprägt haben. Im Gespräch erzählt sie, warum ihr Themen wie psychische Gesundheit, Feminismus, Diversität und Zugehörigkeit besonders am Herzen liegen, und warum sie eine nahbare Ansprechpartnerin für Studierende sein möchte.

Du studierst heute Psychologie. Dein Weg dorthin war allerdings nicht geradlinig. Wie bist du schließlich an die UW/H gekommen?

Ich habe vorher Kommunikationswissenschaft und Anglophone Studies in Essen studiert. Schon damals habe ich vor allem Kurse gewählt, die psychologisch ausgerichtet waren. Vor zwei Jahren habe ich außerdem eine Weiterbildung gemacht und angefangen, in einer Psychiatrie zu arbeiten. Der Wunsch, anderen Menschen zu helfen – egal ob mit Fachwissen oder mit meinen eigenen Erfahrungen – war schon immer da. 

Als erste Akademikerin in meiner Familie hatte ich bei der Berufs- und Studienwahl allerdings kaum Orientierung oder Unterstützung. Vieles musste ich mir selbst erarbeiten. Trotz gutem Abiturschnitt hat es damals nicht für einen Psychologie-Studienplatz gereicht. Aber der Wunsch, dieses Fach zu studieren, hat mich nie wirklich losgelassen und ist mit jedem Tag, an dem ich in der Psychiatrie gearbeitet habe, gewachsen. Als ich 30 wurde, dachte ich mir: Wenn ich jetzt nicht den Wechsel wage, werde ich unglücklich. An der UW/H hatte ich die Möglichkeit, mir diesen Traum doch noch zu erfüllen – und heute weiß ich, dass es genau die richtige Entscheidung war.

Du engagierst dich schon seit Jahren für gesellschaftliche Themen. Was treibt dich dabei an?

Auf meinem Social-Media-Account habe ich immer wieder über psychische Gesundheit und die Stigmatisierung psychischer Erkrankungen aufgeklärt. Aber auch Feminismus und Inklusion waren dort Themen, weil sie mich persönlich beschäftigen und gesellschaftlich noch viel mehr Aufmerksamkeit brauchen. 

Viktoria Schutschmann sitzt an einem Tisch und lächelt in die Kamera. Vor ihr auf dem Tisch steht ein festlicher Kuchen mit einer Kerze.

Besonders wichtig ist mir, chronische und unsichtbare Erkrankungen sichtbarer zu machen und bestehende Vorurteile abzubauen. Wir sollten nicht nur über betroffene Menschen sprechen, sondern vor allem mit ihnen, ihnen zuhören und ihre Erfahrungen ernst nehmen. Dazu gehört auch die Frage, was es konkret bedeutet, mit einer Erkrankung wie Migräne oder einer Zwangsstörung zu leben und zu studieren – und auf welche Barrieren man dabei stößt, obwohl oder gerade weil die Erkrankung von außen häufig nicht sichtbar ist. Ich weiß aus eigener Erfahrung, wie belastend es sein kann, die eigenen Einschränkungen immer wieder erklären oder sogar rechtfertigen zu müssen.

Vorurteile begegnen uns jedoch nicht nur im Zusammenhang mit Erkrankungen, sondern auch in vielen anderen gesellschaftlichen Bereichen – zum Beispiel beim Thema Feminismus. Viele Menschen verbinden Feminismus noch immer mit Männerhass oder glauben, er schreibe Frauen vor, wie sie zu leben haben. Dabei geht es für mich um die Gleichstellung aller Geschlechter und darum, frei entscheiden zu können, welches Lebensmodell zu einem passt – da gibt nicht das eine richtige, entscheidend ist, dass Menschen eine Wahl haben.

Mikrofeminismus ist dabei voll mein Ding. Ich finde es stark, dass wir schon mit kleinen Handlungen und Entscheidungen im Alltag etwas verändern können – auch wenn diese auf den ersten Blick vielleicht unscheinbar wirken. Dazu gehört für mich auch ein bewusster Umgang mit Sprache. Nicht umsonst habe ich Kommunikationswissenschaft studiert. Ich möchte Menschen gar nicht für jede unbedachte Formulierung verurteilen. Mir geht es vielmehr darum, Menschen dafür zu sensibilisieren, dass Sprache etwas mit einem macht und eben auch verletzen, ausgrenzen oder diskriminieren kann. Dabei muss man nicht alles perfekt machen oder alles wissen – wer tut das schon? Wichtig ist, sich mit den Themen bewusst auseinanderzusetzen und sich selbst und die eigenen Privilegien zu reflektieren.

Porträt von Viktoria vor einem Sonnenuntergang.
Wie bist du schließlich zum Bereich Gleichstellung und Vielfalt gekommen?

Ich habe Elisa Mura, unsere Gleichstellungsbeauftragte, auf dem Markt der Möglichkeiten zum Semesterauftakt im Oktober 2025 kennengelernt. Sie hat mir erzählt, dass sie in Kürze eine SHK-Stelle für den Bereich ausschreiben wollen und eine Vertretung für die Studierenden suchen. Schon dort wusste ich, dass ich gerne in diesem Bereich mitarbeiten würde. Die Themen haben genau zu dem gepasst, wofür ich mich schon lange interessiere und einsetze. Und Elisa ist einfach super – menschlich und fachlich gesehen. Als die Ausschreibung schließlich veröffentlicht wurde, habe ich mich direkt beworben. Ich bin mega happy, dass es geklappt hat! Ich freue mich über meine neuen Aufgaben und darüber, im Bereich Gleichstellung und Vielfalt aktiv etwas bewegen zu können.

Was genau sind deine Aufgaben und was möchtest du Studierenden mitgeben?

Ich unterstütze Elisa bei ihrer Arbeit und konzentriere mich vor allem darauf, Gleichstellung an der UW/H noch sichtbarer und zugänglicher zu machen. Ich betreue zum Beispiel den Instagram-Kanal des Bereichs Gleichstellung und Vielfalt. Ich glaube, dass wir darüber viele Studierende gut erreichen und für unterschiedliche Themen sensibilisieren können. 

Mir ist es wichtig, dass Studierende wissen, dass sie mit ihren Problemen zu mir kommen können und ich ihnen zuhöre. Wenn sich etwa jemand benachteiligt fühlt, über eine Grenzverletzung sprechen möchte oder einen gleichstellungsbezogenen Konflikt mit einer anderen Person an der Uni hat, können wir gemeinsam schauen, welche nächsten Schritte oder Anlaufstellen hilfreich sein können.

Einige trauen sich vielleicht nicht, sich direkt an eine Mitarbeiterin der Uni zu wenden und sich ihr zu öffnen. Deswegen bin ich als Vertretung der Studierenden da, um diese Hemmschwelle abzubauen. Außerdem bringe ich viel Erfahrung in der Begleitung von Menschen sowie Empathie und Feingefühl mit.

Du beschäftigst dich aktuell viel mit deiner eigenen Geschichte als Tochter polnischer Eltern. Was bedeuten Zugehörigkeit für dich?

Meine Eltern kommen aus Polen, aber ich selbst bin in Deutschland geboren und aufgewachsen. Als Kleinkind habe ich jedoch nur polnisch gesprochen und beherrsche die Sprache auch heute noch – bis auf gelegentliche Wortfindungsschwierigkeiten – fließend. Ich hatte immer das Gefühl, zwei Identitäten zu leben. Und irgendwann kam die Frage auf, wo fühle ich mich eigentlich zugehörig? Bei meinen polnischen Verwandten war ich immer „die Deutsche“ und bei meinen Freund:innen in der Schule „die Polin“, die manchmal beide Sprachen miteinander vermischt. Und natürlich gab es auch Vorurteile, die ich als Kind aber nicht immer richtig einordnen konnte. Erst jetzt als Erwachsene habe ich damit begonnen, zu reflektieren, was diese Erfahrungen eigentlich mit mir gemacht hat.

2024 war ich nach elf Jahren zum ersten Mal wieder in Polen und habe mit meinen Freundinnen Urlaub in Danzig gemacht. Dort konnte ich vieles für uns organisieren, weil ich Polnisch spreche und verstehe. In solchen Momenten merke ich, wie sehr mich diese Sprache und Kultur geprägt haben – und dass meine polnischen Wurzeln etwas sind, das mich bereichert. Ich nenne sie gerne meine persönlichen polnischen „Special Effects“. Zugehörigkeit ist für mich deshalb nicht unbedingt an ein bestimmtes Land oder einen festen Ort gebunden. Sie entsteht dort, wo ich mich sicher und angenommen fühle. Dort, wo ich sein kann, wie ich bin, ohne mich erklären, einordnen oder verstellen zu müssen. Für mich sind es vor allem die Menschen, die mich umgeben, gemeinsame Erfahrungen und all die unterschiedlichen Dinge, die mich ausmachen.

Porträt von Viktoria Schutschmann.
In deinem Leben spielte auch die Auseinandersetzung mit deiner sexuellen Orientierung eine wichtige Rolle. Möchtest du deine Erfahrungen teilen?

Ich bin in einer sehr katholischen und konservativen Familie großgeworden. Als ich gemerkt habe, dass ich mich nicht nur zu Männern, sondern auch zu Frauen hingezogen fühle habe ich zunächst gehofft, dass es nicht wahr ist.

Meine Sorgen waren stark durch gesellschaftliche Vorurteile und die Vorstellungen geprägt, mit denen ich aufgewachsen bin. Ich hatte Angst davor, was meine sexuelle Orientierung für mein Leben bedeuten und wie mein Umfeld darauf reagieren würde.

Inzwischen denke ich: Ich weiß selbst am besten, wer ich bin und was mich ausmacht. Ich wünsche mir einfach, dass Vielfalt und das Motto „Liebe ist Liebe“ selbstverständlich gelebt werden. Aber bis ich an diesem Punkt war und mich selbst akzeptiert habe, war es ein Prozess. Zum Glück hatte und habe ich meine beste Freundin an meiner Seite. Sie begleitet mich schon mein Leben lang und hat all meine Phasen miterlebt – die guten, die schlechten, oder einfach nur Chaos pur. Auch sie war zunächst verwundert, als ich mit ihr über das Thema Sexualität gesprochen habe, aber sie akzeptiert mich einfach wie ich bin und etwas anderes stand für sie nie zur Debatte. 

Insgesamt bin ich für meine Freundschaften sehr dankbar und habe heute einen engen Kreis, mit dem ich mich sehr verbunden fühle. Viele von ihnen arbeiten ebenfalls im sozialen Bereich. Uns verbinden ähnliche Werte und gesellschaftliche Themen spielen in unseren Gesprächen und unserem Alltag eine große Rolle. Wir können offen miteinander sprechen, auch über Gefühle und schwierige Themen. Es gibt eigentlich keine Tabus – und genau das bedeutet für mich ebenfalls Zugehörigkeit.

Wie erlebst du Vielfalt und Toleranz an der UW/H? 

Bevor ich an die UW/H kam, hatte ich bereits den Wunsch, gesellschaftlich etwas zu verändern, aber ich wusste nicht wie. Doch in Witten gibt es so viele studentische Initiativen, die sich mit wichtigen aktuellen Themen beschäftigen. Ich habe mich der Initiative Mit Sicherheit Verliebt (MSV) angeschlossen, die sich für sexuelle Aufklärung auf Augenhöhe an Schulen stark macht. Mir macht es sehr viel Freude (jungen) Menschen etwas näherzubringen und dabei selbst dazuzulernen. Ich glaube, man kann sehr viel voneinander profitieren. 

Dadurch, dass die Uni kleiner ist, ist das Miteinander viel persönlicher und man fühlt sich enger miteinander verbunden – mit Kommiliton:innen, aber auch mit den Dozierenden. Ich habe hier nicht das Gefühl, in der Masse unterzugehen, sondern fühle mich gesehen.

Studierende laufen mit geschwenkten Pride-Flaggen über den Campus.

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