„Wo Harvard draufsteht, steckt auch Harvard drin.“ Zwei UW/H-Studierende über ihr Forschungspraktikum an der Elite-Uni

Zwei Medizinstudierende in weißen Laborkitteln stehen nebeneinander in einem modernen Forschungslabor und lächeln in die Kamera.

Jeden Morgen brachte die Red Line Adrian Illmann und Lotta Keller von ihrer Unterkunft in Dorchester nach Cambridge, Massachusetts (USA). Wenige Minuten später zogen sie ihre Laborkittel an und machten sich an die Arbeit. Drei Monate lang gehörte dieser Weg zu ihrem Alltag am Ragon Institute of Mass General Brigham, MIT, and Harvard. 

Dass die beiden Medizinstudierenden der Universität Witten/Herdecke an einem der führenden Labore für Immunologie forschen konnten, haben sie ihrem eigenen Engagement und ihrer Entschlossenheit zu verdanken: Auf der Suche nach Einblicken in die Immunologie, die über die eigenen Vorlesungsinhalte hinausgehen, wurde Adrian auf einen Online-Kurs der Harvard Medical School aufmerksam – gereizt hat ihn dabei besonders die Vorstellung, durch die Brille der Besten lernen zu dürfen. Im Anschluss an den Kurs schrieb er gemeinsam mit Lotta den Kursleiter an und fragte, ob sie ein Forschungspraktikum bei ihm absolvieren könnten. Für Lotta und Adrian, die beide im neunten Semester studieren, die ideale Gelegenheit, um Auslandserfahrungen mit ihrer Abschlussarbeit im Modul „wissenschaftliches Arbeiten (WIA)“ zu verbinden. 

Forschungssemester im UW/H-Medizinstudium ebnet den Weg in die Wissenschaft

WIA ist fester Bestandteil des Medizinstudiums an der UW/H und bereitet auf eine mögliche Karriere in der Forschung vor. Bereits im zweiten Semester lernen Studierende im sogenannten „MediLab" die theoretischen Grundlagen der Laborarbeit auf Molekularebene. Im weiteren Verlauf des Studiums folgen ergänzende Vorlesungen zu Statistik und klinischer Forschung, bis die Studierenden im neunten Semester schließlich ihre eigene „WIA Forschungsarbeit“ verfassen. Dabei können sie die zuvor erlernten, theoretischen Grundlagen in der Praxis vertiefen. 

Als Teil des Teams rund um den renommierten Wissenschaftler Prof. Shiv Pillai arbeiteten Adrian und Lotta mit an einem Forschungsprojekt zur seltenen Autoimmunerkrankung IgG4-Related Disease. „IgG4-RD kann nahezu jedes Organ betreffen. Charakteristisch sind u. a. Schwellungen, der zunehmende Umbau von gesundem, funktionsfähigem Gewebe zu verhärtetem Bindegewebe – eine sogenannte Fibrosierung – sowie erhöhte Werte des Antikörpers IgG4 im Blut“, erklärt Adrian. „Unsere Aufgabe war es, ein Protein herzustellen und aufzureinigen – also von anderen Zellbestandteilen zu trennen –, sodass es für weitere Untersuchungen zur Verfügung steht.“

Eine Studentin trägt einen blauen Laborkittel und Handschuhe und arbeitet konzentriert an einem Mikroskop in einem Forschungslabor.
Eine Hand im blauen Laborhandschuh hält ein Plastikröhrchen mit zwei farbigen, voneinander getrennten Flüssigkeiten.
Zwischen Mikroskop und Petrischale: So sah der Alltag im Labor aus

Ihr Alltag im Labor war eng getaktet: Experimente mussten geplant, umgesetzt und ausgewertet werden. Nicht jeder Versuch funktionierte auf Anhieb, deshalb gehört auch Geduld dazu. Trotz erster Erfahrungen war Vieles neu, erzählt Lotta: „Ich habe gelernt, Zellen zu kultivieren, genetisches Material aufzubereiten und verschiedenste molekularbiologische Methoden im Labor anzuwenden. Entsprechend steil war natürlich auch die Lernkurve.“

Neben der praktischen Arbeit im Labor nahmen die beiden an Seminaren teil, in denen renommierte US-amerikanische Wissenschaftler:innen ihre neuesten Arbeiten aus der Immunologie-Forschung vorstellen. Beim wöchentlichen Bootcamp tauschten sie sich mit Prof. Shiv Pillai über molekularbiologische Zusammenhänge aus, um das „big picture“ zeichnen zu können, so Adrian. Gegen Ende ihres Aufenthalts präsentierten sie schließlich ihr eigenes Projekt vor dem gesamten Team. Neben den tiefen Einblicken in die Wissenschaft nehmen beide vor allem die Herzlichkeit und Offenheit der Menschen mit. „Wir haben gemerkt, wie viel Zeit und Begeisterung Prof. Shiv Pillai nicht nur für seine Forschung, sondern ebenso für die Ausbildung junger Menschen aufbringt.“

Die Immunologie fasziniert auch die beiden Medizinstudierenden: Das Immunsystem muss Krankheitserreger erkennen und abwehren, entartete Zellen identifizieren und eliminieren, um die Entstehung von Tumoren zu verhindern, und gleichzeitig ein Gedächtnis aufbauen, das bei erneutem Kontakt mit einem Erreger sofort schützt – und all das, ohne dabei körpereigenes Gewebe anzugreifen. „Um diese Prozesse wirklich zu verstehen, braucht es fundiertes Wissen aus ganz unterschiedlichen Disziplinen – Biochemie, Molekularbiologie, Mikrobiologie, Physiologie –, und genau dieser interdisziplinäre Anspruch macht die Immunologie für mich so reizvoll“, erzählt Adrian. Lotta erstaunt besonders die Komplexität des Fachgebiets und dass „vieles, was auf molekularer Ebene passiert, von der Wissenschaft bis heute nicht vollständig verstanden wird.“ 

Was Adrian und Lotta aus ihrer Zeit in Harvard mitgenommen haben

Die drei Monate in Boston haben ihren Blick auf die eigene Zukunft verändert. Während sie sich vorher noch unsicher war, ob eine experimentelle Doktorarbeit der richtige Weg für sie ist, kann Lotta sich heute gut vorstellen, später erneut im Labor zu arbeiten. Deshalb kann sie ein Forschungsprojekt an der US-Universität auch weiterempfehlen: „Man lernt nicht nur fachlich, sondern auch fürs Leben. Aber die Erwartungen sind auch sehr hoch! Dort wo Harvard draufsteht, steckt auch Harvard drin.“

Student Adrian Illmann steht vor einem Gebäudeschriftzug der Harvard Medical School und lächelt in die Kamera.
Frontansicht eines historischen Gebäudes der Harvard Medical School mit breiter Freitreppe, hohen Säulen und gepflegter Rasenfläche davor.

Die Zeit in Harvard und dem angeschlossenen Forschungsinstitut hat die beiden Studierenden nachhaltig geprägt. Lotta: „Die altehrwürdigen, prunkvollen Gebäude des Campus und die jahrhundertealten Traditionen erzeugen eine Atmosphäre, die man so schnell nicht vergisst.“ Gleichzeitig konnten sie auch Parallelen zur UW/H feststellen. „Am meisten beeindruckt hat mich die Art zu denken“, sagt Adrian. „Leistung wird in Harvard weniger danach bewertet, ob man die richtige Antwort parat hat, sondern danach, wie man mit offenen Fragen und Widerspruch umgeht.“ 

Im kommenden Semester setzen Adrian und Lotta ihr Medizinstudium in Witten fort. Für Adrian steht fest, dass er auch künftig wissenschaftlich arbeiten möchte. „Ich kann mir gut vorstellen, facharztbegleitend an einem PhD-Programm teilzunehmen, um weiter in der Immunologie zu forschen.“ Dabei betont er, dass Spitzenforschung nicht nur Elite-Unis vorbehalten oder an bestimmte Titel und Preise geknüpft ist. „Gute Wissenschaft macht aus, die richtigen Fragen zu stellen, Daten sorgfältig auszuwerten und die richtigen Schlüsse daraus zu ziehen.“

Was die beiden außerdem aus ihrer Erfahrung mitnehmen: Mut zahlt sich aus – und manchmal eröffnet sich aus einer einfachen E-Mail eine ganz große Chance.

Weitere Beiträge