Zum Welt-Adipositas-Tag am 04. März: Der Hype um die Abnehmspritze ist vorbei – was bleibt?

  • Die Wirksamkeit der Abnehmspritze wird überschätzt, die Nebenwirkungen wurden lange unterschätzt
  • Der aktuelle Preis der Abnehmspritze steht in keinem guten Verhältnis zum Effekt
  • Experte der Uni Witten/Herdecke fordert: ausgewogene Ernährung für Kinder und mehr Bewegungsangebote

 

Rund ein Viertel aller Erwachsenen in Deutschland ist adipös –Tendenz steigend.[1] Seit Juli 2023 ist Wegovy – der Markenname für das höher dosierte Semaglutid – in Deutschland als Mittel zur Gewichtsreduktion zugelassen. Semaglutid, das umgangssprachlich als „Abnehmspritze“ bekannt wurde, verlangsamt die Magenentleerung, steigert das Sättigungsgefühl und dämpft den Appetit. Klinische Studien hatten dadurch Gewichtsverluste von bis zu 15 Prozent des Körpergewichts gezeigt – ein Versprechen, das die Erwartungen vieler Betroffener und der Öffentlichkeit in die Höhe trieb. Die Nachfrage überstieg die Produktionskapazitäten schnell, obwohl die gesetzlichen Krankenkassen die Kosten von bis zu 300 Euro im Monat nicht übernehmen.

Zweieinhalb Jahre später fällt die Bilanz nüchtern aus. „Der Hype hat sich gelegt, denn jetzt sehen wir, dass die Wirksamkeit von Beginn an überschätzt und das Risiko der Nebenwirkung unterschätzt worden ist“, sagt Prof. Dr. Klaus Weckbecker, Inhaber des Lehrstuhls für Allgemeinmedizin I und Interprofessionelle Versorgung an der Universität Witten/Herdecke (UW/H) und praktizierender Hausarzt. Verschrieben werden diese Medikamente vor allem Menschen, die gleichzeitig an Typ-2-Diabetes und Übergewicht leiden oder adipös sind, also einen BMI über 30 haben. 

Was die Abnehmspritzen wirklich können – und was nicht

Eine Erkenntnis aus mehr als zwei Jahren Praxiserfahrung überrascht Weckbecker selbst: „Interessant finde ich, dass die Präparate vor allem bei Heißhungerattacken helfen. Jetzt berichten viele Patienten offen darüber, wie sehr diese Attacken sie belastet haben – das hatte ich unterschätzt.“ Dieser Effekt auf das Sättigungsgefühl und die Impulskontrolle beim Essen ist für viele Betroffene eine echte Erleichterung.

Doch Gewichtsverlust stellt sich nicht automatisch ein. „Viele nehmen gar nicht ab“, stellt der Allgemeinmediziner klar. „Die Gewichtsabnahme kommt nur, wenn die Menschen auch die Ernährung umstellen. Das Medikament kann eine Art Krücke sein – die Hauptleistung liegt aber beim Patienten.“ Wer seine Lebensweise nicht ändert, riskiert nach Absetzen des Präparats eine Rückkehr zum Ausgangsgewicht. Die langfristigen Verläufe müssen jedoch noch abgewartet werden.

Prävention von Adipositas wichtiger als Medikamente

Weckbecker mahnt zur Vorsicht bei der gesellschaftlichen Debatte über Adipositas. Zwar gilt hohes Gewicht als Risikofaktor für viele Erkrankungen. Aber: „Wir müssen aufpassen, dass wir nicht alle Menschen in eine Norm pressen und alles, was außerhalb dieser Norm liegt, zur Krankheit machen.“ Allgemeinmedizin bedeutet für ihn immer, das verfügbare Wissen auf den individuellen Menschen anzuwenden – und Stigmatisierung zu vermeiden.

Den größten politischen Handlungsbedarf sieht er nicht bei der Kassenerstattung teurer Medikamente, sondern in der Prävention: ausgewogene Schulverpflegung, mehr Bewegungsangebote für Kinder und Jugendliche, klarere Lebensmittelkennzeichnung. Und er bringt eine Zuckersteuer ins Spiel – kombiniert mit der Entlastung gesunder Lebensmittel. „Studien zeigen, dass Steuern die Ernährungsgewohnheiten beeinflussen können“, sagt Weckbecker. 


[1]adipositas-gesellschaft.de/ueber-adipositas/praevalenz/

Ansprechpartnerin

Porträtfoto von Svenja Malessa

Svenja Malessa

Pressereferentin

Administration  |  Kommunikation & Marketing

Alfred-Herrhausen-Straße 48
58455 Witten

Raumnummer: 2.F05