Silhouette Universität Witten/Herdecke
Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde

    Soziale Projekte

    „Luthers Waschsalon“ ist eine soziale Einrichtung für Wohnungslose und Menschen mit geringem Einkommen der Diakonie Hagen. Seit 2006 gibt es dort eine zahnmedizinische Ambulanz, die sich weitgehend über Spenden finanziert. Patientinnen und Patienten ohne Versicherungsschutz können sich kostenlos behandeln lassen und erhalten auch einfachen Zahnersatz.

    Seit 2007 ist die Zahnmedizin der Universität Witten/Herdecke in die Betreuung eingebunden. Der ehrenamtlich tätige Zahnarzt Dr. Hans Ritzenhoff und Zahnmedizin-Studierende versorgen die Patientinnen und Patienten. Ebenfalls überwiegend ehrenamtlich tätige zahnärztliche Fachangestellte unterstützen sie dabei. Das zahntechnische Labor Löring in Witten stellt die prothetische Versorgung kostenlos bereit.

    Für die Zahnmedizin-Studierenden der Universität Witten/Herdecke ist die Arbeit in „Luthers Waschsalon“ im siebten und achten Semester obligatorisch. Viele unterstützen die Einrichtung zudem tatkräftig über die vorgegebenen Zeiten hinaus. Mit dem Projekt verfolgt das Department neben der unmittelbaren Hilfeleistung für Menschen in Not auch das Ziel, Berührungsängste zwischen Zahnmedizin-Studierenden und Obdachlosen abzubauen. Den Studierenden soll bewusst werden, dass Zahnmedizin nicht nur aus Keramikinlays, Veneers und Implantaten besteht, sondern auch Menschen verpflichtet ist, die sich nur wenig leisten können.

    Der „Stifterverband für die deutsche Wissenschaft“ zeichnete im August 2011 „Luthers Waschsalon“ mit der „Hochschulperle“ aus. Mit ihr würdigte er eine Initiative, die sich gleichermaßen um ein drängendes gesellschaftliches Problem wie darum bemüht, die zahn- und humanmedizinische Ausbildung um wichtige soziale Kompetenzen zu ergänzen.

    Im Jahre 2014 erhielt Dr. Hans Ritzenhoff für seine ehrenamtliche Arbeit den Wrigley-Prophylaxe-Preis. 2015 zeichnete das Land Nordrhein-Westfalen „Luthers Waschsalon“ als Ort des Fortschritts aus.

    1995 gründeten drei Zahnmedizin-Studierende der Universität Witten/Herdecke das Hilfsprojekt „GambiaDentCare. Gambia ist der kleinste Flächenstaat Afrikas und liegt vollständig umgeben vom Senegal an der afrikanischen Westküste. Mit einer Fläche von 11.295 Quadratkilometern ist er etwa halb so groß wie das Bundesland Hessen und hat rund 1,8 Millionen Einwohner. Gambia gehört zu den ärmsten Ländern der Welt. Jeder zweite Gambier muss umgerechnet mit weniger als einem US-Dollar pro Tag auskommen. Die Infrastruktur ist schlecht ausgebaut. Das Stromnetz im Bereich der Hauptstadt funktioniert nur unzuverlässig. In den ländlichen Gebieten gibt es keinen Strom.

    Armut und fehlende Infrastruktur wirken sich natürlich auf den Ausbau des Gesundheitswesens aus. Statistisch gesehen muss in Gambia ein Zahnarzt etwa 80.000 Patientinnen und Patienten versorgen. Laut Schätzungen bleibt 90 Prozent der Karies unbehandelt. Alle in Gambia tätigen Zahnärztinnen und -ärzte sind im Ausland ausgebildet worden. Wer ins Heimatland zurückkehrt, lässt sich meist in den wohlhabenderen urbanen Gebieten nieder. Damit gibt es für die arme Bevölkerung in den Städten und in fast allen ländlichen Gebieten kaum zahnmedizinische Betreuung.

    Seit 1995 reisen Studierende wie Zahnärztinnen und -ärzte der Universität Witten/Herdecke regelmäßig nach Gambia und versorgen dort Patientinnen und Patienten. Sie extrahieren tief zerstörte Zähne, um weitere Komplikationen wie Abszesse zu verhindern. Erhaltungsfähige Zähne versorgen sie mithilfe einfacher Behandlungsmethoden, die ohne elektrischen Strom möglich sind.
    Im Jahr 1999 erreichte das zahnmedizinische Betreuungsprojekt die nächste Stufe. Das Ziel war, aus der „Hilfe für Hilflose“ eine „Hilfe zur Selbsthilfe“ zu machen. In einem mehrmonatigen Trainingsprogramm bildeten Zahnärztinnen und -ärzte der Universität Witten/Herdecke gambische Krankenpfleger zu „Community Oral Health Workers“ (COHW) aus, die einfache Füllungen und Extraktionen selbständig durchführen. So stellten sie eine ganzjährige Versorgung der Landbevölkerung um das entlegene Dorf Jahali mit etwa 1.700 Einwohnern und später auch an anderen Orten in Gambia sicher.

    Regelmäßige Auffrischungen und weiterbildende Schulungen durch die Wittener Zahnmedizinerinnen und -mediziner verbesserten die fachliche Qualifikation der COHWs in den kommenden Jahren kontinuierlich. Während in den ersten Jahren Räume fehlten und die Behandlungen häufig im Freien und teils auf einfachen Holzbänken stattfanden, wurde im Jahr 2003 die erste Zahnklinik in Jahali eröffnet. Schon damals kamen jährlich knapp 700 Patientinnen und Patienten.
    Im August 2008 startete die erste Ausbildung in einer neuen Basisstation in der Provinzstadt Brikama, in der beim Bau eines neuen Kindergartens eine Dentalstation integriert wurde. Der bis dahin betriebene Stützpunkt Jahali ging in die Verantwortung des örtlichen Trägervereins über. Landesweit sind 13 Zahnstationen unter der Schirmherrschaft der Universität Witten/Herdecke entstanden. Das Gambia-Projekt finanziert sich im Wesentlichen über Altgold- Spenden.

    Durch die verheerende Flutkatastrophe des Jahres 2008 und die dadurch öffentlich werdenden Probleme des Landes wurden Zahnmedizin-Studierende der Universität Witten/Herdecke auf Myanmar, das ehemalige Burma, aufmerksam.  Die zahnmedizinische Versorgung in dem Land, das bis 2011 unter einer Militärregierung stand, ist sehr schlecht. Zahnpflege ist vor allem in den ländlichen Gebieten nahezu unbekannt.

    Constanze Sauer und Georg Kirchner, Studierende der Universität Witten/Herdecke, riefen im Jahr 2006 das zahnmedizinische „Myanmar-Projekt“ ins Leben. Sein Ziel ist es, die Arbeit der Zahnärztinnen und -ärzte des Landes materiell, finanziell und praktisch zu unterstützen. Insbesondere soll es konservierende Behandlungen, zahnmedizinische Präventionsprogramme und Aufklärung für Kinder anbieten.

    Mindestens einmal pro Jahr reist daher eine Gruppe von bereits klinisch erfahrenen Studierenden der Zahnmedizin nach Myanmar, um vor Ort zu helfen. Dabei nehmen sie technisches Equipment und Materialien für die Behandlung und insbesondere für die Prävention mit. Unterstützt wird das Projekt durch mehr als 30 Spender, darunter vor allem die Fördergemeinschaft für Zahnmedizin der Universität Witten/Herdecke.

    Artikel 25 (1) der UN-Menschenrechtskonvention sichert das Recht auf Gesundheit und ärztliche Versorgung zu. Dies gilt selbstverständlich auch für Menschen mit Behinderungen. In der Realität der zahnmedizinischen Versorgung ist dieser Anspruch jedoch noch lange nicht flächendeckend realisiert.
    Die zahnmedizinische präventive und therapeutische Versorgung von Menschen mit Behinderungen erfordert einen deutlich erhöhten Aufwand, der durch Probleme der Mobilität, aber insbesondere auch der Compliance bei zahnmedizinischen Eingriffen entsteht. Die Behandlung stellt nicht nur besondere Ansprüche an die technisch-medizinische Qualifikation von Zahnärztinnen und -ärzten, sondern auch besondere kommunikative und psychologische Anforderungen im Umgang mit den Patientinnen und Patienten und insbesondere deren Angehörigen.

    Bislang ist die Behandlung von Menschen mit Behinderungen in Deutschland kein verpflichtender Bestandteil des Studiums. Daher sind Zahnärztinnen und -ärzte auf sie meist nicht ausreichend vorbereitet. Der erhöhte Zeitaufwand und die erforderliche fachliche Kompetenz finden zudem keinen Niederschlag in der zahnärztlichen Vergütung, so dass die präventive und therapeutische Versorgung von Menschen mit Behinderungen im Rahmen der gesetzlichen Krankenkassen kaum wirtschaftlich zu erbringen ist.
     
    Nicht nur Einzelschicksale, sondern auch die Tatsache, dass in Deutschland mehr als sieben Millionen Menschen mit Behinderungen leben, zeigen, dass wir es hier mit einem erheblichen Problem zu tun haben. Unter diesen sieben Millionen sind etwa 650.000 Menschen, die nach Berechnungen der Bundeszahnärztekammer eine besondere zahnärztliche Behandlung benötigen. Dies betrifft insbesondere Menschen mit schweren geistigen oder Mehrfachbehinderungen.
    Bereits seit 1987 unterhält die Universität Witten/Herdecke eine Ambulanz für die Behandlung von Menschen mit Behinderungen. Seit 2015 gibt es hier auch einen Lehrstuhl für dieses Fach, den ersten und einzigen in Deutschland. In der Behindertenambulanz werden jährlich etwa 1.800 Patientinnen und Patienten mit meist schweren Mehrfachbehinderungen zahnmedizinisch behandelt.

    Die Ausbildung in der „Behindertenorientierten Zahnmedizin“ in Theorie und Praxis ist integraler und verpflichtender Bestandteil des Zahnmedizinstudiums an der Universität Witten/Herdecke. Sie endet mit der Erteilung eines Zertifikates, das am Ende des Studiums zusammen mit dem Staatsexamenszeugnis verliehen wird.

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