Psychische Störungen bei Menschen mit intellektueller Beeinträchtigung besser erkennen: Forschende der Uni Witten/Herdecke geben zentrales Diagnosemanual erstmals auf Deutsch heraus
Das Manual erleichtert es, präzise Diagnosen zu stellen und trägt so dazu bei, eine Versorgungslücke zu schließen.

Menschen mit intellektueller Beeinträchtigung haben ein erhöhtes Risiko, zusätzlich an einer psychischen Störung zu erkranken. Dennoch werden psychische Erkrankungen bei dieser Personengruppe häufig nicht oder erst verspätet diagnostiziert. Mit der jetzt erschienenen Übersetzung des „Diagnostic Manual – Intellectual Disability, Second Edition“ (DM-ID-2) stellen Forschende der Universität Witten/Herdecke (UW/H) dem deutschsprachigen Fachpublikum erstmals einen international etablierten Diagnosestandard zur Verfügung und tragen so dazu bei, eine Versorgungslücke zu schließen.
In Deutschland erfolgt die psychiatrische Diagnosestellung überwiegend nach der „Internationalen statistischen Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme“ (ICD-10, perspektivisch ICD-11), international ist zudem das „Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders“ (DSM-5) der American Psychiatric Association maßgeblich. Beide Werke bilden psychische Störungen mit ihren Merkmalen und Kriterien umfassend ab – allerdings primär für Menschen ohne intellektuelle Beeinträchtigung.
„Die Symptome psychischer Störungen zeigen sich bei dieser Personengruppe jedoch häufig anders“, sagt Prof. Dr. Johannes Michalak, Inhaber des Lehrstuhls für Klinische Psychologie und Psychotherapie II an der UW/H und einer der fünf Herausgeber:innen des deutschen DM-ID-2. „Das Manual sensibilisiert Fachpersonen für diese veränderten Erscheinungsbilder von Störungen. Eine depressive Episode zum Beispiel drückt sich bei Menschen mit intellektueller Beeinträchtigung häufig durch reizbare Stimmung und Unruhe aus.“
Psychische Erkrankungen bleiben oft unerkannt
Eingeschränkte sprachliche Ausdrucksfähigkeit und reduzierte Möglichkeiten zur Selbstreflexion erschweren eine klassische Diagnosestellung zusätzlich. „Und oft kommt das sogenannte Diagnostic Overshadowing hinzu“, ergänzt Dr. Johannes Graser, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Klinische Psychologie und Psychotherapie II und ein weiterer Herausgeber des deutschen DM-ID-2. „Auffälliges Verhalten wird vorschnell als Ausdruck der intellektuellen Beeinträchtigung interpretiert, während die eigentliche psychische Erkrankung dahinter unerkannt bleibt.“
Dabei zeigen Studien, dass psychische Störungen bei Menschen mit intellektueller Beeinträchtigung häufig auftreten. Gleichzeitig bestehen erhebliche Barrieren im Zugang zu psychotherapeutischer Versorgung. Viele Behandelnde fühlen sich unzureichend vorbereitet oder lehnen Anfragen mangels Expertise ab.
Das DM-ID-2 will hier Abhilfe schaffen. Es versteht sich nicht als eigenständiges Klassifikationssystem, sondern als gezielte Adaption der DSM-5-Diagnosekriterien für Menschen mit intellektueller Beeinträchtigung. Dabei berücksichtigt es auch den Schweregrad der Beeinträchtigung – von einer leichten über eine mittlere bis hin zu einer schweren Ausprägung. Die deutsche Übersetzung eines ergänzenden Interviewleitfadens zum DM-ID-2, mit dessen Hilfe Betroffene direkt befragt werden können, entwickeln die Forscher:innen an der UW/H derzeit.
Einordnung in Forschung, Lehre und Versorgung
Die Übersetzung des DM-ID-2 ist eingebettet in einen umfassenden Lehr- und Forschungsschwerpunkt an der UW/H: Als eine der wenigen Universitäten in Deutschland setzt sie sich in ihrem Psychologie-Department mit Psychotherapie und psychischen Störungen für und bei Menschen mit Beeinträchtigung auseinander. Im Zentrum für Psychische Gesundheit und Psychotherapie (ZPP) stehen dieser Personengruppe Therapieplätze zur Verfügung und die Wissenschaftler:innen beschäftigen sich in der Forschung u. a. mit Barrieren für die Teilhabe an Psychotherapie. Im Sommer 2026 erscheint zudem ein Handbuch zur Behandlung von psychischen Erkrankungen bei Menschen mit intellektueller Beeinträchtigung.
Mit der deutschsprachigen Veröffentlichung des DM-ID-2 steht Psychotherapeut:innen, Psychiater:innen und Fachkräften in entsprechenden Versorgungseinrichtungen nun ein zentrales Instrument zur Verfügung, um psychische Störungen bei Menschen mit intellektueller Beeinträchtigung differenzierter zu erkennen. Damit wird eine wesentliche Voraussetzung geschaffen, um Versorgungsdefizite abzubauen und den Anspruch auf gleichberechtigten Zugang zu psychischer Gesundheitsversorgung weiter einzulösen.
Weitere Informationen: Das „Diagnostic Manual – Intellectual Disability. Ein Manual zur Diagnosestellung psychischer Störungen bei Menschen mit Intellektueller Beeinträchtigung nach DSM-5“ ist im DGVT-Verlag erschienen. Herausgeber:innen der deutschen Ausgabe sind Prof. Dr. Johannes Michalak, Dr. Johannes Graser, Dipl.-Psych. Annika Kleischmann, Prof. Dr. Stefan Troche und Prof. Dr. Ulrike Willutzki: https://www.dgvt-verlag.de/shop/dm-id-2/
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