Vier Jahre Krieg in der Ukraine: Jetzt geht es nur noch ums Durchhalten

„Militärisch hat sich die Situation im Vergleich zum Vorjahr kaum verändert“, sagt Nils-Christian Bormann, Konfliktforscher der Universität Witten/Herdecke (UW/H). Vier Jahre nach der Invasion erzielt Russland weiterhin geringe Geländegewinne – bei hohen Verlusten: Innerhalb von drei Monaten sterben fast 100.000 russische Soldaten. Strategische Durchbrüche bleiben aus, Angriffe konzentrieren sich vor allem auf die Zerstörung ukrainischer Infrastruktur.

Damit bleibt der Krieg in einer Phase, die die Wissenschaft als Abnutzungskrieg bezeichnet. Entscheidend für den weiteren Verlauf sei nicht ein einzelner militärischer Durchbruch, sondern die Durchhaltefähigkeit beider Staaten. „Ein solcher Krieg endet, wenn eine Seite nicht mehr bereit oder in der Lage ist, die Kosten zu tragen“, erklärt Bormann. 

Putins Macht wirkt stabil – könnte aber auf unsicherem Fundament stehen

Wie stabil das russische Regime tatsächlich ist, lässt sich schwer beurteilen. Offener Protest ist selten, weil viele Menschen aus Furcht vor Konsequenzen schweigen. Medienberichte deuten jedoch auf wachsende Unzufriedenheit hin.

Wirtschaftlich gerät Russland unter Druck: Inflation und strukturelle Ungleichgewichte nehmen zu. Dennoch hat das Regime aktuell noch ausreichend Ressourcen, um den Krieg fortzuführen und weitere Soldaten zu mobilisieren. „Kurzfristig gefährdet also die wirtschaftliche Lage die Kriegsfähigkeit nicht entscheidend“, sagt Bormann.

Die Ukraine erhält weiterhin breite gesellschaftliche Unterstützung und finanzielle Hilfe aus der EU. Die größte Gefahr für die Durchhaltefähigkeit der Ukraine ist, dass sie nicht genug einsatzfähige und -bereite Soldaten mobilisieren kann.

Putins Strategie: Durchhalten statt aussteigen

Russland hält offiziell an seinen weitreichenden Kriegszielen fest: Kontrolle über den Donbass, Anerkennung der eroberten Gebiete und politischen Einfluss auf die Ukraine. Aktuell sind diese Ziele nicht erreichbar.

Ein Ende des Krieges ohne militärischen Erfolg birgt für Putin innenpolitische Risiken. Langfristig muss das Regime die Umstellung von Kriegs- auf Friedenswirtschaft bewältigen und hunderttausende zurückkehrende Soldaten versorgen – eine zusätzliche Belastung der Ressourcen. Hohe Verluste, wirtschaftliche Belastungen und unerreichte Ziele könnten die Stabilität gefährden.

Historisch war das oft Auslöser politischer Umbrüche: „Nach dem Ersten Weltkrieg führten solche Situationen zu Regimewechseln“, so Bormann. „Für autoritäre Regime kann es gefährlicher sein, einen Krieg zu beenden, als ihn fortzuführen.“ Durchhaltefähigkeit bleibt daher Putins wichtigste Strategie.

Europa ist militärisch vorbereitet – politisch jedoch nicht auf die Zeit danach

Die Folgen des Abnutzungskriegs reichen über Russland und die Ukraine hinaus. Europa hat zwar militärisch aufgerüstet, doch politische Konzepte für den Umgang mit Russland nach dem Krieg fehlen. „Die größte strategische Leerstelle liegt nicht auf dem Schlachtfeld, sondern in der Frage, wie eine stabile europäische Sicherheitsordnung nach dem Krieg aussehen kann“, sagt Bormann.

Selbst nach einem Waffenstillstand könnte Russland langfristig eine sicherheitspolitische Herausforderung bleiben. Gleichzeitig bergen innenpolitische Instabilitäten in Russland neue Risiken für Europa.

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Ein Mann im Anzug mit verschränkten Armen lächelt in die Kamera.

Prof. Dr. Nils-Christian Bormann ist Konfliktforscher an der UW/H. (Foto: UW/H | Volker Wiciok)

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