Welche Strategie steckt hinter Donald Trumps neuem Friedensrat? Eine politikwissenschaftliche Einordnung bringt Klarheit.
Politikwissenschaftler Prof. Dr. Nils-Christian Bormann von der Universität Witten/Herdecke spricht über die Interessen des US-Präsidenten und die Konsequenzen für Europa.
Ende Januar 2026 hat US-Präsident Donald Trump am Rande des Weltwirtschaftsforums in Davos einen eigenen Friedensrat ins Leben gerufen. Rund 60 Länder haben eine Beitrittseinladung erhalten – darunter demokratisch und autokratisch geführte Staaten. Mit der Gründung des neuen Gremiums außerhalb der Vereinten Nationen sorgt Trump erneut für Irritation. Der Vorstoß reiht sich ein in eine Serie von Initiativen – vom Interesse an Grönland bis zu umstrittenen Plänen für den Gazastreifen –, die bestehende internationale Strukturen gefährden. Politikwissenschaftler Prof. Dr. Nils-Christian Bormann zeigt auf, welche strategischen Motive hinter Trumps Vorgehen stehen, warum der Friedensrat keine echte Alternative zur UN darstellt und welchen Herausforderungen sich Europa jetzt stellen muss.
Wie ist die Gründung dieses neuen Friedensrates politikwissenschaftlich einzuordnen? Handelt es sich um ein ernstzunehmendes multilaterales Projekt oder um ein strategisches Signal?
Ich glaube nicht, dass der Friedensrat sich zu einer ernsthaften Alternative existierender internationaler Institutionen entwickeln wird. Wirtschaftlich bedeutende und militärisch wichtige Länder wie China, Indien, Brasilien, Japan, Russland oder Mitglieder der Europäischen Union sind ihm bisher nicht beigetreten. Jeder relevante Akteur in der internationalen Politik weiß auch, dass der Friedensrat nach Ende von Donald Trumps Präsidentschaft keine Bedeutung mehr haben wird. Das schränkt die Wirksamkeit eines solchen Gremiums stark ein.
Welche strategischen Interessen verfolgt Donald Trump mit der Schaffung eines Gremiums außerhalb der Vereinten Nationen?
Donald Trump möchte mit dem Friedensrat primär zwei Dinge erreichen: Einerseits will er immer wieder Aufmerksamkeit erregen und damit von innenpolitischen Problemen ablenken. Andererseits schafft er durch den Friedensrat eine direkte, persönliche Bindung zu den Mitgliedern, die er in anderen Gremien wie dem UN-Sicherheitsrat nicht hat. Dort sitzen Botschafter und die Regeln und Gepflogenheiten des Sicherheitsrates sind sehr formell.
Was sagt die Zusammensetzung der eingeladenen bzw. beitrittswilligen Staaten über die Ausrichtung und Zielsetzung dieses Rates aus – insbesondere mit Blick auf autoritär geführte Länder?
Trump hat Demokratien und Autokratien eingeladen. Viele autokratische Staaten haben die Einladung angenommen. Ich denke, dass es ihnen vor allem darum geht, den direkten Zugang zu Trump und sein Wohlwollen zu sichern.
Welche Bedeutung hätte ein solcher Rat, falls Russland tatsächlich eingebunden wird?
Die Hauptidee des Rats ist der Wiederaufbau des Gaza-Streifens und möglicherweise eine Friedensstiftung in der Region. Ich schätze Russlands Einfluss in der Region aktuell als begrenzt ein, so dass ich nicht glaube, dass Russlands Mitgliedschaft für diesen Zweck entscheidend ist. Ob ein möglicher Beitritt Russlands zu größerem Wohlwollen Trumps gegenüber der russischen Position im Krieg mit der Ukraine führt, wage ich auch zu bezweifeln. Trump ist dafür zu wankelmütig.
Gibt es aus Ihrer Sicht eine erkennbare Verbindung zwischen früheren Vorstößen (z. B. Grönland) und dem jetzigen Friedensrat? Lässt sich daraus eine übergeordnete Strategie ableiten?
Gemeinsamkeiten: 1. Trump will die öffentliche Aufmerksamkeit immer wieder in neue Richtungen lenken. 2. Trump möchte kurzfristige, persönliche Interessen, die er als Landesinteressen ausgibt durchsetzen. Aus dieser Warte sind sowohl der Friedensrat und sein Plan für den Gazastreifen zu sehen, der ihn persönlich bereichern würde, als auch sein Interesse an Grönland. Kurzfristig strebt Trump persönlichen Ruhm durch die Ausweitung des Gebiets der USA an. Auch ökonomische Ziele durch die eventuell mögliche Ausbeutung von Bodenschätzen mögen eine Rolle für ihn spielen. Langfristig würde die Annexion Grönlands die Interessen der USA schwer beschädigen, da sie die NATO de facto erledigen würde. Die Sicherheitsziele, die Trump für Grönland vorgibt, kann er auch jetzt bereits erreichen.
Steht Trump hier eher für einen Bruch mit der bestehenden Weltordnung oder für den Versuch, sie nach US-Interessen umzubauen?
Das schließt sich nicht aus. Trump will sich eindeutig aus der multilateralen Ordnung, die die Vereinigten Staaten nach dem 2. Weltkrieg aufbauten, lösen. Er tut dies mit einer Entschlossenheit, wie noch kein Akteur vor ihm. Aus seiner Sicht tut er das, um US-Interessen zu verfolgen. Er tauscht jedoch kurzfristigen Nutzen gegen langfristigen Schaden für die USA ein. Denn die USA profitieren sehr stark von ihren internationalen Allianzen.
Besteht die Gefahr einer weiteren Fragmentierung internationaler Institutionen und Allianzen?
Ja, das liegt jedoch nicht nur an Trump. Die russische Regierung hat in den letzten zehn Jahren wichtige Abrüstungsverträge gebrochen, auslaufen lassen oder sie gekündigt. So läuft zum Beispiel am 05.02.2026 der New-START-Vertrag zur Begrenzung von Atomwaffen aus. Putin hatte im Februar 2023 die Mitgliedschaft Russlands aufgekündigt. Die Vereinigten Staaten sind dem Beispiel dann später gefolgt. Die Trump Regierung hat keine Versuche unternommen, einen neuen Vertrag auszuhandeln. China hat mit der Asiatischen Infrastrukturinvestmentbank (AIIB) eine einflussreiche Alternative zur Weltbank gegründet und finanziert. Seit dem Beitritt zur Welthandelsorganisation im Jahr 2001 hat China durchgehend deren Regeln unterminiert.
Was bedeuten diese Entwicklungen konkret für Europa und die EU?
Die Europäische Union ist ein Produkt der liberalen Weltordnung, die von den USA nach dem 2. Weltkrieg geprägt wurde. Sie hat sich lange auf die Vereinigten Staaten als militärische Schutzmacht und als Garanten der liberalen Ordnung und ihrer Institutionen verlassen. Diese Ordnung wird gerade schwer, vielleicht irreparabel beschädigt.
Wie sollte oder müsste Europa jetzt reagieren – politisch, diplomatisch und institutionell?
Europa müsste sich a) stärker integrieren, um nicht zu einem Vasallen anderer Großmächte zu werden. Europa sollte b) weiterhin deutlich für die Werte der liberalen Ordnung einstehen und versuchen, skeptische Länder für sie zu gewinnen. Handelsabkommen sind dafür ein Mittel. Auch Investitionen in die Infrastruktur wirtschaftlich weniger entwickelter Länder bzw. Unterstützung beim Kampf gegen den Klimawandel können Europa helfen, neue Verbündete zu finden. Vor diesem Hintergrund ist der Abbau von Entwicklungshilfe in vielen europäischen Staaten kritisch zu sehen. Dabei müssen europäische Bürger und Politiker auch damit klarkommen, dass viele Regierungen des globalen Südens, die ja oftmals ehemalige europäische Kolonien sind, nicht immer europäische Werte und Ansichten teilen. Hier steht ein Balanceakt an, der schmerzhafte Kompromisse erfordert.
Wo sehen Sie Handlungsspielräume, aber auch klare rote Linien für europäische Akteure?
Die EU ist der zweitgrößte Wirtschaftsraum der Welt. Das gibt ihr und ihren Mitgliedsstaaten viel Einfluss in internationalen Streitfällen und Verhandlungen. Gleichzeitig ist die EU militärisch und technologisch stark abhängig von den Vereinigten Staaten. Solange diese Abhängigkeit weiter besteht, müssen die EU-Länder an einer guten Beziehung zu den USA interessiert sein, sonst werden sie zu einem Spielball der Interessen anderer.
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