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Valentin Silvestrov in der Uni Witten/Herdecke

Walentin Sylwestrow und Inna Galatenko (Foto: Mariya Kautz)

Walentin Sylwestrow und Inna Galatenko (Foto: Mariya Kautz)

Valentin Silvestrov in der Uni Witten/Herdecke

Zum 80. Geburtstag des berühmten ukrainischen Komponisten werden seine Werke für Gesang und Klavier aufgeführt.

Die Universität Witten/Herdecke hat die große Ehre, einen der bedeutendsten Komponisten Osteuropas willkommen zu heißen: Valentin Silvestrov kommt anlässlich seines 80sten Geburtstags nach Witten (21. Oktober 2017, 19 Uhr, Audimax). Aufgeführt werden Werke für Gesang und Klavier aus der Feder des renommierten ukrainischen Komponisten.

Innerhalb seiner schöpferischen Evolution stand Silvestrov immer in Opposition zu den herrschenden Kunstsystemen. Er gilt als der berühmteste Vertreter der Kyiver Avantgarde – einer Gruppe von Kompositionsstudenten des Kyiver Konservatoriums um den Kompositionsprofessor Borys Ljatoschynsky, die dem sozialistischen Realismus in den 1960ern erfolgreich Widerstand leistete. Mit Hilfe guter Freunde gelangten einige seiner Werke in den Westen und wurden mehrfach ausgezeichnet (1967 - Koussevitzky-Preis (USA), 1970 - Ehrentitel des Gaudeamus-Kompositionswettbewerbs (NL)). Sogar Theodor W. Adorno reagierte positiv in einem Brief an Fred K. Prieberg vom 25. Mai 1964 auf seine ersten Zwölftonkompositionen, die damals in Deutschland zum ersten Mal aufgeführt wurden: „Mein Eindruck von Silvestrov war der eines überaus begabten Menschen. Den Einwand mancher Puristen, seine Musik sei zu expressiv, vermochte ich nicht zu teilen und fände es schade, wenn er nun mehr oder minder mechanisch für sich das repetieren wollte, was sich während der letzten 20 Jahre in Westeuropa zugetragen hat.“

In den 70er Jahren vollzieht sich im Werk von Silvestrov eine Wende. Nach einer Schaffenskrise mit einem Jahr kompositorischen Stillstands entsteht 1970 sein Meta-Zyklus Drama für Violine, Violoncello und Klavier, ein Werk, in dem der Komponist nach Einheit aller möglichen Klangsysteme –modale, tonale und atonale – sucht. Ein radikaler Schnitt in der stilistischen Entwicklung des Komponisten erfolgt um 1977 mit der Anknüpfung an die Tradition. Silvestrov „Stille Lieder“ (1974-77) und „Kitsch-Musik“ (1977) irritierten und provozierten zugleich, in diesem Fall aber nicht nur die Systemtreuen, sondern auch seine Komponistenfreunde, die ihm einen Verrat an sich selbst vorwarfen.
Doch gerade in seinen Stillen Liedern war all das vorhanden, was Silvestrov später in seinen Vokal- und Instrumentalwerken weiter verfolgt und worauf er baut. Bis heute ist seine Musik an langsamen ruhigen Tempi, überwiegend leiser Dynamik, zahlreichen variierenden Wiederholungen und repetitiven Triolen-Figuren zu erkennen. Typisch für seine Werke sind auch die lang klingenden Töne, die Silvestrov als „Pedalecho“ bezeichnet, und die Agogik. Die melodische Spontanität und das ständige sotto voce fordern die Interpreten – Vokalisten wie Instrumentalisten – heraus. Denn der besondere „sylwestrische Klang“ ist nicht einfach zu erreichen. Schon Alfred Schnittke konstatierte, dass, wenn die Lieder von Silvestrov nicht richtig gesungen werden, man sie überhaupt nicht hören kann.

Alle seine Kompositionen nach 1975 denkt der Komponist als Postludien, die Werke, die in „der Zone der Coda“ entstehen. Die Coda in der Musik markiert den Schluss-Abschnitt einer Komposition. Sie kündigt musikalisch ihr Ende an und ist oft durch rhythmische Verlangsamung, leiser werdende Dynamik oder oft wechselndes Tempo zu erkennen. Alle Prozesse verlaufen im Geiste des Auslaufens und des Aufhörens. Und wenn die Coda eines Werkes ein Kommentar zu dem selbigen ist, versteht Silvestrov seine Postludium-Werke als Kommentare zur Musik der Vergangenheit, als Musik über Musik, in der die Semantik des Abschieds und der Nostalgie in Bezug auf die große musikalische Epoche, die ausklingt, spürbar ist.

Der Komponist selbst bezeichnet seine Musik als Metamusik  – eben Musik über Musik, genauer gesagt – Musik nach der Musik. Zu nennen sind seine wichtigen Kompositionen wie die 5. Symphonie (1980/82), Symphonie für Klavier und Orchester Metamusik (1992), Der Bote (1996/97) und Requiem für Larissa (1997/99). Die Bilanz des Komponisten ist, dass das Wesentliche an der Musik die Stille der Musik ist. „Die Musik wurzelt in der Stille, im Schweigen. Das ist das Wichtigste.“, meint Silvestrov. So komponiert er ab ca. 2000 überwiegend Werke in kleinen Formen, die er als Bagatelle bezeichnet und die nichts anderes als „ein vertontes Schweigen“ seien.

Das Œuvre von Valentin Silvestrov umfasst fast alle musikalischen Gattungen und zählt mittlerweile weit über 200 Opera, darunter acht Symphonien, zahlreiche großformatige Orchesterwerke, Quartette, kammermusikalische Vokal- und Instrumentalwerke sowie Werke für Chor. Seine 5. Symphonie für großes Orchester gilt als DIE ukrainische Symphonie des 20. Jahrhunderts.

Termin: Lieder von Valentin Silvestrov in der Interpretation der Künstler aus Kyiv. 21. Oktober 2017, 19 Uhr, Audimax, Uni Witten/Herdecke.

Inna Galatenko gilt als die beste Interpretin der Vokalwerke von Valentin Silvestrov. Über mehr als fünfzehn Jahre arbeitete die Sängerin mit dem Komponisten eng zusammen und hat bereits über hundert seiner Lieder uraufgeführt. Dazu kommen die Uraufführungen Silvestrovs dreier Solo-Kantaten. Die vierte Solo-Kantate wird im Dezember 2017 uraufgeführt. In der Begleitung eines der besten Pianisten, des Ukrainers Oleg Bezborodko, erklingen die neusten Lieder von Valentin Silvestrov, interpretiert von Inna Galatenko, zum ersten Mal in Deutschland.

An diesem Abend erklingen die neuen Lieder des Komponisten in ukrainischer und russischer Sprache auf Verse von ukrainischen, deutschen, russischen, britischen und arabischen Dichter wie Taras Schewtschenko, Lesia Ukrainka, Pavlo Tytschyna, Alexander Puschkin, Michail Lermontow, Paul Celan, Osip Mandelstam, John Keats, ?Omar Chayyam, Tamara Severnyuk und Olga Sedakowa. Es sind erlesene lyrisch-philosophische Texte der klassischen und zeitgenössischen Autoren, die von den ewig geltenden Themen Liebe, Hoffnung, Leben und Tod handeln. In den Werken der letzten Jahre vollzieht Silvestrov eine rigorose Reduktion der musikalischen Mittel und verzichtet komplett auf Technik. Der Komponist knüpft an den Duktus eines ukrainischen Kobsar, keltischen Barden oder griechischen Rhapsoden an, wobei die Melodie des Textes im Vordergrund steht und die musikalische Begleitung auf das Wesentliche reduziert wird.

Mit Inna Galatenko, Sopran
Oleg Bezborodko, Klavier
Valentin Silvestrov, Komponist

Text: Mariya Kautz

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