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Nachricht vom 15.07.2019
UniversitätKultur

Verantwortung für Digitalisierung in einer postdigitalen Zeit

Verantwortung für Digitalisierung in einer postdigitalen Zeit

Ein Essay von Prof. Dr. Dirk Baecker

  • Was ist die digitale Transformation?
  • Wie studiert man digitale Transformation?
  • Und was hat das mit sozialer Verantwortung zu tun?

Die kürzeste Antwort lautet: Die digitale Transformation ist kein technischer, sondern ein sozialer Prozess. Alle wichtigen Akteure der Gesellschaft müssen lernen, verantwortungsvoll mit ihm umzugehen, während niemand weiß, wohin dieser Prozess uns noch führt.

Daten bestimmten Digitale Transformation

Aber der Reihe nach. Zur ersten Frage. Unter der digitalen Transformation versteht man die Umstellung gesellschaftlicher Prozesse von analogen auf digitale Formate. Analoge Prozesse bestimmen das Verhältnis von Mensch, Technik und Gesellschaft, die über Schnittstellen miteinander verknüpft sind, die jeweils unterschiedliche Logiken aufeinander beziehen, aber nicht aufeinander reduzieren. Der Mensch hat seinen Körper und sein Bewusstsein, die Technik hat ihre ursächlich kontrollierten Abläufe und die Gesellschaft hat ihre Struktur einer offenen Kommunikation. Man hat sich aneinander gewöhnt und man kommt miteinander aus. Die Technik hat die Verhältnisse vereinfacht, die Gesellschaft macht sie kompliziert, doch der Mensch kommt mit beidem ganz gut zurecht. 

Der springende Punkt ist nun, dass an diesen analogen Schnittstellen laufend Daten generiert werden: von Körpertemperaturen über Gesichtsausdrücke und Begegnungen bis hin zu Zahlungen, Wahlentscheidungen, Kirchen- oder Theaterbesuchen, Studienabschlüssen und Kriminalitätsraten. Diese Daten können erfasst, gesammelt, miteinander verknüpft, ausgewertet und, das ist entscheidend, in die erfassten Prozesse wieder zurückgespielt werden. Digitale Transformation ist die Veränderung sozialer Prozesse durch die Auswertung digital erfasster analoger Daten.

Datensammlungen verändern soziale Prozesse

So kann man das Verhältnis von Unternehmen und Märkten, Parteien und öffentlicher Meinung, Wissenschaft und empirischen Gegenständen, Intimitätswünschen und Partnerschaften, aber auch Kohlendioxidemissionen und Klimawandel, Antibiotikaeinsatz in der Landwirtschaft und resistenten Bakterien sowie Konsumentennachfrage und Drohneneinsatz nicht nur erforschen. Das konnte man früher auch schon. Man kann es vielmehr in Echtzeit auswerten und mit strategischen Maßnahmen unterstützen, fördern oder bekämpfen, je nach Bedarf. 

Hinzu kommt der Einsatz künstlicher Intelligenz, die man auch braucht, weil man in dem Heuhaufen der im Internet der Dinge massenhaft produzierten Daten die Nadel nicht mehr findet, die den Unterschied macht. Datenproduktion und Datenauswertung ist das Gesetz der digitalen Transformation. Das gilt für Unternehmensführung und Kriegsführung, für politische Kampagnen und Werbekampagnen, für Kunst und Unterhaltung, Bildung und Terrorismusbekämpfung, Finanzmärkte und Logistikketten, Agrarwirtschaft und Gesundheit.

Disruption ausdrücklich erwünscht

Jede menschliche Aktivität, jeder Satellit, der über den Himmel zieht, jeder Sensor, der einem Wal auf den Rücken geklebt wird, hinterlässt eine breite Datenspur, die nicht nur die jeweilige optische, akustische und sonstige Umwelt, sondern auch die Zustände des Datenträgers betrifft. Diese Datenspur ruft Hacker, Unternehmer, Codierer, Investoren und Programmierer, egal ob männlich, weiblich oder divers, auf den Plan, deren einzige Frage lautet, wie man diese Daten so miteinander kombinieren kann, dass neue Geschäftsfelder sich auftun, politische Stimmungen gekippt werden, bisher unbekannte Ursachen für Krankheiten gefunden werden oder Lernprozesse im Umgang mit anspruchsvollen Fragestellungen attraktiver gestaltet werden können. 

Jeder sucht die Disruption. Und Disruption heißt, bisher gewohnte Bündel von Aktivitäten so aufzuschnüren, dass gewünschte von ungewünschten Aspekten getrennt werden können. Man würde gerne Bücher lesen, kennt sich aber in Buchläden nicht aus und will auch der Buchhändlerin keine dummen Fragen stellen.

Digitale Skills im Masterstudium erlernen

Zur zweiten Frage: Wie studiert man digitale Transformation? Das wissen wir noch nicht so genau. Der Studiengang soll sich mit seinen Studierenden und mit dem Thema entwickeln. Aber klar ist, dass man Grundlagen braucht und Erfahrungen sammeln muss. Man muss herausfinden können, was einen besonders interessiert, und mit Leuten zusammenkommen, mit denen man etwas auf die Beine stellen kann. Aber das gilt für jedes Studium. Hier sind wir allerdings besonders darauf angewiesen, dass die Chemie zwischen allen Beteiligten, Dozierenden, Studierenden und unseren Praxispartnern und Experten im Feld, stimmt. Wir leisten uns ein erstes Semester, in dem es um die sozialwissenschaftlichen und philosophischen Fragen der Digitalisierung geht und in dem Skills im Umgang mit digitalen Technologien erworben oder weiterentwickelt werden. 

Gesellschaft längt postdigital

Wir sprechen über eine Gesellschaft, die längst postdigital ist, das heißt, in der es darum geht, Formate der digitalen Datenverarbeitung in die analogen Prozesse wieder einzubetten, die nach wie vor unseren Alltag, unseren Beruf, unsere Familien bestimmen. Wir reden darüber, welche ethischen Fragestellungen sich im Zusammenhang mit der Digitalisierung stellen. Wir setzen uns mit den Herausforderungen des Change Managements auseinander, vor denen Unternehmen, Behörden, Kirchen, Krankenhäuser und Universitäten stehen, die sich auf die digitale Erfassung und Verarbeitung von Daten einlassen. Produktentwicklung, Logistik und Personalführung in Echtzeit lassen sich im Format klassischer Hierarchien nicht mehr bewältigen. Langweilige Routinen, die von Maschinen übernommen werden, treffen auf hoch kreative, agile Prozesse, in denen Mitarbeiter, die bisher nur nach Oben zu schauen brauchten, auf Kunden treffen, die nur draußen zu finden sind. Wer hat hier die Führung?

Wenn diese Grundlagen gelegt sind, stürzen wir uns in unsere Praxisfelder: Digital Media, Digital Health, Digital Economy und Digital Education. Die Idee ist hier, in mindestens zweien, wenn möglich aber auch in drei oder vier dieser Praxisfelder Erfahrungen zu machen, die erkennen lassen, worum es bei der Digitalisierung geht. Zugleich soll aber auch ein Gefühl dafür entwickelt werden, dass jedes dieser Praxisfelder seine eigene Dynamik und Logik hat. Hinter der scheinbaren Eindeutigkeit der Technologie lauert die Tücke des Objekts. Parallel dazu entwickeln Studierende eigene Projekte und bereiten sich darauf vor, mit Praxispartnern und Kommilitonen an konkreten Aufgabenstellungen zu arbeiten.

Digitalisierung als Gestaltungsspielraum

Damit ist die dritte Frage schon fast beantwortet. Dieses Studium der digitalen Transformation macht es unmöglich, seiner sozialen Verantwortung auszuweichen. Laufend werden die Möglichkeiten der Digitalisierung mit gewollten, ungewollten und überraschenden Konsequenzen verglichen. Jeder einzelne Fall, den wir uns anschauen, klärt darüber auf, dass hinter den scheinbar abstrakten Prozessen Entscheidungen stecken, die – noch – von Menschen getroffen worden sind und die man auch anders hätte treffen können. Digitalisierung ist kein Naturgesetz, sondern ein Gestaltungsspielraum. Die soziale Verantwortung beginnt dort, wo dieser Gestaltungsspielraum zur Kenntnis genommen, ja sogar publik gemacht und mit den Betroffenen diskutiert wird. Das braucht Zeit, die man oft nicht zu haben glaubt. Aber auch darin besteht soziale Verantwortung: Man nimmt sich die Zeit und entdeckt, dass der Konkurrent bestimmte Produkte möglicherweise schneller auf den Markt wirft, die eigenen Produkte auf ihrem eigenen Markt jedoch besser werden. 

So oder so geht es ja darum, sowohl der Einzige als auch der Beste zu sein, der bestimmte Produkte anbietet. Das kann man disruptiv im Modus der Veränderung der Weltgeschichte machen. Das kann man aber auch mit den Betroffenen zugunsten der Antwort auf drängende Probleme machen. Im postdigitalen Zeitalter wird Letzteres immer wichtiger. Nachdem uns die Internetgiganten mit ihren Erfolgen seit einigen Jahrzehnten geblendet haben, kommt es jetzt darauf an, die neuen Technologien der Information und Kommunikation zum Segen der Menschheit, zur Lösung anstehender Probleme einzusetzen.

Welchen Unterschied macht soziale Verantwortung?

Soziale Verantwortung zu übernehmen heißt, nach den Lücken zu suchen, in denen diese Lösung anstehender Probleme möglich ist. Dazu muss man viel von den digitalen Technologien verstehen, ohne notwendigerweise Maschinenlernprogramme programmieren, codieren oder trainieren zu müssen. Dazu muss man einen guten Sinn dafür entwickelt haben, wie die Gesellschaft auf ihren verschiedenen Feldern tickt. Und dazu muss man eigene Projekterfahrungen gesammelt haben, die nicht zuletzt den Sinn haben, die eigenen Fähigkeiten klug einzuschätzen. Soziale Verantwortung beginnt – vielleicht endet sie sogar – mit der Frage danach, welchen Unterschied man machen kann. Der Studiengang soll dabei helfen, diese Frage in der Auseinandersetzung mit Aufgaben der digitalen Transformation zu beantworten.

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