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Nachricht vom 17.03.2021

"Wie geht’s, Herr Doktor?"

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Bildnachweis: Lacheev / iStock

"Wie geht’s, Herr Doktor?"

Aktuelles Forschungsprojekt liefert Eindrücke zu Glück in der Arztpraxis

Für Ärztinnen, Ärzte und ihre Mitarbeitenden ist es selbstverständliche tägliche Praxis, sich mit gesundheitlichen Fragen und Problemen anderer Menschen auseinanderzusetzen. Sie bieten Hilfe, geben Empfehlungen, diagnostizieren, behandeln. Es ist allgemein bekannt, dass medizinische Berufe oft anspruchsvoll und fordernd sind. Viele Daten und Fakten dazu gibt es aber bislang nicht.

Wie geht es unseren Ärztinnen und Ärzten?

In einem umfangreichen Forschungsprojekt sind wir daher am Institut für Integrative Gesundheitsversorgung und Gesundheitsförderung (IGVF) der Frage nachgegangen: Wie geht es eigentlich denen, die sich täglich um die Gesundheit anderer kümmern? Dazu wurden 10.000 Hausarztpraxen in Deutschland kontaktiert und zu einer Befragung eingeladen. Untersucht wurden all die Aspekte, die dazu beitragen, dass wir Menschen uns glücklich und zufrieden am Arbeitsplatz fühlen: Wie ist das persönliche Glücksempfinden? Wie steht es um Belastungen im Zusammenhang mit dem Arbeitsplatz? Können hohe Arbeitsbelastungen ausgeglichen werden? Wird hoher Einsatz belohnt?

„Das Projekt hatte zum einen das Ziel, den Status quo zu Glück und Zufriedenheit, Belastungen und Ressourcen von hausärztlichen Praxisteams zu untersuchen“, erzählt Dr. Lena Werdecker, Gesundheitswissenschaftlerin und federführende Mitarbeiterin im Projekt. „Zum anderen wollten wir eine gesundheitsförderliche Intervention zur Stärkung der Stressbewältigung – also: Stärkung der gesundheitsbezogenen Ressourcen – erproben und evaluieren.“ Dabei handelt es sich um das sogenannte BERN-Konzept, das von Prof. Dr. Tobias Esch entwickelt wurde und von dem auch in der Universitätsambulanz bereits viele Patientinnen und Patienten profitiert haben.

Im hausärztlichen Praxisteam zeigten sich im Vergleich zwischen Hausärztinnen und -ärzten sowie ihren nicht-ärztlichen Mitarbeitenden vor allem folgende Ergebnisse:

  • Hausärztinnen und -ärzte sind im Vergleich zu ihren nicht-ärztlichen Mitarbeitenden weniger glücklich.
  • Zugleich sind sie aber zufriedener mit ihrer Arbeit als ihre Mitarbeitenden.
  • Hausärztinnen und -ärzte zeigen ein erhöhtes Burnout-Risiko in Bezug auf die Arbeit.
  • Nicht-ärztliche Mitarbeitende hingegen zeigen im Allgemeinen ein erhöhtes Erschöpfungs- und Burnout-Risiko.
  • Nicht-ärztliche Mitarbeitende erleben häufiger eine Gratifikationskrise als Hausärztinnen und -ärzte, das heißt, die Verausgabungen überwiegen der wahrgenommenen Belohnung bzw. Entschädigung.
  • Zugleich verfügen aber die nicht-ärztlichen Mitarbeitenden über eine höhere Erholungsfähigkeit am Feierabend als Ärztinnen und Ärzte.

Was sind die Faktoren für Glück?

Aus den in Nordrhein-Westfalen durchgeführten leitfadengestützten Interviews und offenen Beobachtungen in Hausarztpraxen lässt sich eine hohe Zufriedenheit aufgrund der Beziehung zu den Patientinnen und Patienten, die häufig über viele Jahre betreut werden, festhalten. Auch die Zusammenarbeit mit den Kolleginnen und Kollegen prägt die Zufriedenheit mit der Tätigkeit in der hausärztlichen Praxis sowohl bei Ärztinnen und Ärzten als auch bei nicht-ärztlichen Mitarbeitenden.

In der schriftlichen Befragung zeigt sich zudem die Relevanz als illegitim (unnötig oder unzumutbar) empfundener Aufgaben in der Hausarztpraxis, die insbesondere bei Ärztinnen und Ärzten als Stressor bzw. Belastung auftreten. In Verbindung mit den Ergebnissen der qualitativen Datenerhebung und -analyse zeigt sich, dass das Thema illegitime Aufgaben hauptsächlich über Aufgaben ohne Patientinnen- und Patientenbezug beschrieben wird. Tätigkeiten wie Dokumentationen, Kommunikationswege oder ökonomische Aspekte einer Praxis beurteilen offenbar viele Hausärztinnen und –ärzte als unnötig bzw. unangenehm. Hier wäre es angezeigt, in weiteren Untersuchungen genauer der Frage nachzugehen, welche konkreten Tätigkeiten Ärztinnen, Ärzte und nicht-ärztliche Mitarbeitenden als unnötige und unzumutbare Aufgaben in der Praxis definieren.

Wie können medizinische Berufe in der Hausarztpraxis attraktiver werden?

„Unsere Untersuchungen zum Status quo weisen insgesamt darauf hin, dass Glück und Zufriedenheit unter Hausärztinnen und -ärzten sowie ihren Mitarbeitenden potenziell gesteigert und Burnout reduziert werden kann. Maßnahmen zur Förderung der gesundheitsbezogenen Ressourcen für das Setting Hausarztpraxis wären hier ein Ansatz“, interpretiert Dr. Lena Werdecker die Forschungsergebnisse. „Hierbei gilt es, unterschiedliche Bedarfe in Bezug auf das Geschlecht, die Praxisart, die Dauer der Niederlassung und die aktuelle Lebensphase zu berücksichtigen.“

Im Rahmen des Forschungsprojekts wurde deutlich, dass Hausärztinnen und -ärzten und ihre nicht-ärztlichen Mitarbeitenden für Gesundheitsförderung und Stressbewältigung bislang wenig sensibilisiert sind. Wir konnten herausarbeiten, dass ein achtwöchiger Kurs nach dem BERN-Konzept im Praxisteam ein guter Einstieg in die Thematik der Stressbewältigung sein und auch Anregungen für die Integration der Themen in den Arbeitsalltag bieten könnte.

Gleichzeitig wurde jedoch deutlich, dass die Hürde zu einer Kursteilnahme sehr hoch ist. Der Zeitaufwand und die Bereitschaft zur Auseinandersetzung mit sich selbst, die Unkenntnis und Unsicherheit über Inhalte, keinerlei bisherige Berührungspunkte mit dem Konzept der Mind-Body-Medizin und auch die Kurssituation als Praxisteam (Vorgesetzte und Angestellte zusammen in einer Gruppe) stellen offenbar mögliche Hemmnisse dar. Diese Faktoren müssten dementsprechend bei der Organisation eines Programms zur Gesundheitsförderung Berücksichtigung finden.

Die Ergebnisse der Untersuchungen legen in jedem Fall nahe, dass die Faktoren Gesundheitsförderung, Stressmanagement und Selbstfürsorge für Ärztinnen und Ärzte und ihre Mitarbeitenden in Hausarztpraxen von großer Bedeutung sind und zu einem veränderten Umgang mit Belastungen in einem sehr fordernden Arbeitsumfeld führen können.

Lesehinweise zur Vertiefung

Werdecker, Lena; Esch, Tobias (2020): State of the Art: Glück und Lebenszufriedenheit in der ärztlichen Praxis. Wie glücklich sind Ärzte? NeuroTransmitter 31 (1–2).

Werdecker, Lena; Esch, Tobias (2020): Achtsamkeit in der Arzt-Patient-Kommunikation. In: Langer, Thorsten; Schnell, Martin W. (Hrsg.): Grundlagen der Arzt-Patient-Interaktion. Handlungsanleitungen für die Praxis. Kulmbach: Ml Verlag. S. 263–275.

Download Projektabschlussbericht

Sie haben Fragen zum Projekt?

Wenden Sie sich gern an Dr. Lena Werdecker, lena.werdecker@uni-wh.de , 02303 926-84.

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