Fakultät für Gesundheit

    Institut für Erste-Personen-Forschung (IEPF)

    Menschen sind nicht nur Teil der Welt. Sie haben und konstituieren auch eine Welt: Sie empfinden, nehmen wahr und beziehen sich auf sich selbst wie auch auf ihre Mitwelt. Wenngleich der Stream of Consciousness (William James) unabdingbarer Ausgangspunkt einer jeden reflexiven Auseinandersetzung mit der Welt ist, werden die Eigenarten des bewussten Erlebens in methodologischer Hinsicht oft eigentümlich wenig beleuchtet – selbst in den Fachdisziplinen, z.B. der Psychologie, Medizin oder Pflegewissenschaft, bei denen der Mensch mit seinem Krankheits- bzw. Gesundheitserleben im Mittelpunkt steht.

    Das Institut für Erste-Personen-Forschung soll an dieser Forschungslücke ansetzen und die Erkundung der menschlichen Innenwelt systematisch entwickeln sowie für konkrete Anwendungsfelder nutzbar machen.

    Dabei geht es zunächst darum, methodologische Zugänge zum menschlichen Erleben zu gewinnen:

    • zu der Strukturierung unserer Sinneserfahrungen (Sehen, Hören, Wärme- und Kälteerfahrung, Fühlen, Schmecken, Riechen, Propriozeption),
    • zu den damit einhergehenden Reflexionsprozessen (Begriffsbildung und Denken) und
    • zu Willensakten oder Entscheidungen,
    • zu Gefühlserlebnissen,
    • zur Außenwelt und zu unseren Mitmenschen.

    Die Erste-Personen-Forschung kann damit gleichermaßen einen Beitrag zur Erforschung psychotherapeutischer bzw. heilkundlicher Prozesse liefern, wie auch zur Erkundung von anderen Erfahrungs- und Lernvorgängen. Darüber hinaus eröffnet sie einen Zugang zur Erforschung der Bedingungen, unter denen Menschen als verantwortliche ethische Subjekte agieren.

    1 Methodenentwicklung und Grundlagenforschung

    Die Erste-Personen-Forschung kann an eine Reihe von Forschungstraditionen anknüpfen, die sich teils ergänzen, teils einander entgegenstehen. Zu nennen sind hier etwa die Arbeiten von Franz Brentano oder Wilhelm Wundt, die Phänomenologie im Anschluss an Edmund Husserl, die Neurophänomenologie sowie die psychodynamischen oder gestalttherapeutischen Ansätze der psychosomatischen Medizin und der Psychologie. Nicht zuletzt sind auch innerhalb der qualitativen Methoden Verfahren entwickelt worden, die in besonderem Maße beanspruchen, die Struktur und die Aufschichtung des Erlebens rekonstruieren bzw. einen mehr oder weniger kontrollierten Zugang zur Ersten-Person-Erfahrung liefern zu können (so etwa Claire Petitmengin).

    Eine wichtige Aufgabe des Instituts wird u.a. darin bestehen, vor diesem Forschungshintergrund praktikable Zugänge zu entwickeln bzw. zu validieren. Dabei spielen grundlagentheoretische Überlegungen eine wichtige Rolle – ebenso wie der Anwendungsbezug in den verschiedenen Teildisziplinen.

    2 Blinde Flecken erhellen – Rekonstruktion vorbewusster Prozesse

    Spezifische Muster des Erlebens – bestehend u.a. aus Wahrnehmungen, Empfindungen, Wertungen, Selektionen – prägen unsere Alltagsentscheidungen und gehen unseren Willensakten voran. Viele dieser üblicherweise routiniert ablaufenden Prozesse können durch systematische Selbsterkundung zumindest in Ansätzen bewusstgemacht werden. Mittels der Zugänge der Erste-Person-Forschung können damit auch die Bedingungen von Alltagsentscheidungen und Weichenstellungen, welche menschliches Handeln und Verhalten bestimmen, systematischer erforscht werden als dies bislang der Fall ist. Ein besonderer Fokus der Arbeit des Instituts liegt darin, die hiermit einhergehenden „Blinden Flecke“ zu eruieren, also jene Bewusstseinsprozesse zu erhellen, die als bewährte Routinen weitgehend automatisch ablaufen, jedoch durch die gelenkte Aufmerksamkeit sehr wohl in das Wahrnehmungsfeld gehoben werden können. Wahrnehmungs- und Bewertungsprozesse, die sich der bewussten Kontrolle entziehen und in manchen Verhaltenskontexten zu Fehleinschätzungen oder problematischen Verhaltensweisen führen, können auf diese Weise erhellt und erforscht werden.

    3 Kapitän der Seele werden – Selbststeuerung verstehen

    Der systematische Zugang zu vorbewussten Prozessen eröffnet neue Wege zur Musterunterbrechung und damit zur Selbststeuerung. Sei es bei der Schulung von Patienten im Umgang mit chronischen Erkrankungen, bei der Gestaltung förderlicher Lernkontexte oder im psychotherapeutischen Gespräch – der geschulte Erste-Person-Zugang ist immer auch eine Ermächtigung zur Selbststeuerung. Insbesondere Menschen, die sich in medizinischen, therapeutischen und erzieherischen Kontexten eher als Objekt denn als Subjekt ihres Behandlungsprozesses empfinden, können hierdurch Autonomie und Freiheitsgerade gewinnen.

    Eine wichtige Aufgabe des Instituts besteht darin, die hiermit einhergehenden Potentiale zu erkunden.

    4 Andere In-Kraft-Setzen – professionelle Empathie

    In den üblicherweise unter dem Begriff „Professionen“ gefassten Berufen geht es in besonderem Maße darum, andere Menschen zu verstehen, um aus dieser Perspektive unterstützen und intervenieren zu können. In Psychotherapie, Coaching, ärztlicher Begleitung oder persönlichkeitsorientierter Bildung wird eine gewisse Empathie mit dem Gegenüber verlangt, ohne dabei jedoch zu sehr mit dem Leid oder den Problemen der Anderen zu verschmelzen. Methoden der Erste-Person-Forschung können hier in zweifacher Weise einen Beitrag zu Kompetenzentwicklung leisten. Zum einen bieten sie professionellen Akteuren auf phänomenologischer Ebene methodische Zugänge, das Erleben der ihnen anvertrauten Klientinnen und Klienten zu untersuchen und nachzuvollziehen. Zum anderen geben sie Instrumente zur Selbstuntersuchung an die Hand, um hiermit einhergehend die eigenen inneren Prozesse, welche mit der Klientelbeziehung einhergehen, besser wahrzunehmen.

    Neben der praktischen Bedeutung – etwa in Ausbildung und Training von therapeutischem Personal – liegt damit ein besonderer Schwerpunkt unseres Instituts in der Erforschung der Dynamiken von Selbstwahrnehmung, Mitgefühl und reflexiver Distanz. Leitend ist dabei die Annahme, dass ein durch Erste-Person-Methoden verbessertes Selbstverständnis zu einem besseren Verständnis Anderer beiträgt.

    Internationale Konferenz für Erste-Person-Forschung
    Forschungsförderung
    Themenhefte zur Erste-Personen-Forschung

    In einer Reihe von Bachelor- und Masterarbeiten erkunden Studierende sowohl grundlagenwissenschaftliche Phänomene als auch individuelle, lebenspraktische Fragestellungen auf systematische Art und entwickeln zum jeweiligen Thema eine mehrmonatige Selbsterkundung. Auch Doktorarbeiten können zu diesem Thema durchgeführt werden.

    In verschiedenen curricularen Lehrveranstaltungen werden methodische und inhaltliche Schwerpunkte eingeführt und in praktischen Einführungsbeispielen illustriert. Diese können dann jeweils zwischen den Sitzungen anhand von systematischer Selbsterkundung vertieft werden.

    Die Universität Witten/Herdecke ist durch das NRW-Wissenschaftsministerium unbefristet staatlich anerkannt und wird – sowohl als Institution wie auch für ihre einzelnen Studiengänge – regelmäßig akkreditiert durch: