Silhouette Universität Witten/Herdecke
Fakultät für Kulturreflexion

Vortragsreihe Energie und Gesellschaft: Fusion oder Spaltung?

Deutschland diskutiert die „Energiewende“. Dies ist nicht allein eine technologische Herausforderung, auch wirtschaftliche Fragestellungen stehen nicht im Vordergrund. Vielmehr geht es um das Zusammenspiel zwischen Energiesystem und Gesellschaft im Zentrum von Projekten, Partnerschaften und kommunikativen Formaten. Konkret geht es um die Frage, wie Menschen in welchen sozialen Kontexten nicht nur von der Transformation betroffen sind, sondern wie sie selbst Teil und gestaltende Kräfte und im besten Fall Nutznießer derselben werden können.

Die Komplexität der Fragestellung erhöht sich dadurch, dass sich diese das Energiesystem betreffenden Fragestellungen teils überschneiden mit nebenher verlaufenden Entwicklungen, teils von ihnen überlagert werden und teils andere Entwicklungen sogar verstärken. Als beispielhaft mögen hier die Digitalisierung mit all ihren Herausforderungen für fundamentale gesellschaftliche Kategorisierungen und Prozesse, die Frage nach einer sozial gerechten Verteilung von Kosten und Lasten in Transformationsprozessen und schließlich auch die Frage oder die Krise der Repräsentation im herrschenden politischen System und das schwindende Vertrauen von Bürgerinnen und Bürgern in Eliten und Steuerungsinstanzen gelten.

Ihr akademisches Profil gewinnt die Fragestellung aus mehreren parallel laufenden Überlegungen. Zum einen betrifft die Frage der Energieversorgung der Gesellschaft deren zentrale Verfassung, da sie nicht nur ihre Entwicklung, sondern ihre Existenz seit der Industrialisierung der massiven Ausbeutung fossiler Energien verdankt und dazu nur allmählich Alternativen in Sicht kommen.

Nicht zuletzt mit dem enormen Energiebedarf jüngerer Entwicklungen der Künstlichen Intelligenz (Maschinenlernen) steht in Frage, ob das „runaway system“ Gesellschaft rechtzeitig wieder eingefangen werden kann. Zum anderen ist mit der elektrischen Energieversorgung eine Tag und Nacht, Alt und Jung, Mann und Frau übergreifende autonome Kultur entstanden, die in Arbeit, Kunst, Wissenschaft, Politik und Familienleben davon abhängig ist, dass man jederzeit und überall Licht machen kann.

Nicht zuletzt definiert die Frage der Energie zusammen mit der Frage der Arbeit so etwas wie den blinden Fleck unserer Gesellschaft. Sie blockieren das Denken, weil es zu ihnen keine Alternativen gibt. Zugleich ist „Energie“ zirkulär definiert, als Masse x Geschwindigkeit. Auf der physikalischen Ebene ist das leicht nachzuvollziehen (mit kleinsten Massen, die mit Lichtgeschwindigkeit bewegt werden), aber auf der organischen, neuronalen, psychischen und sozialen Ebene ist Energie ein undefiniertes Konzept, obwohl es allenthalben und umgangssprachlich verwendet wird. Konzeptionell geriet die „Energie“ gegenüber der „Information“ spätestens Mitte des 20. Jahrhunderts (mit dem Auftreten der Computerwissenschaften, Kommunikations- und Informationstheorien) ins Hintertreffen. Wie sähe ein allgemeines Energiekonzept aus, das sich auf den verschiedenen Ebenen menschlicher Existenz gleichermaßen einsetzen lässt?

Die Vorlesungsreihe im Wintersemester 2019/20 am Stufu-Donnerstag soll diese Fragen entfalten und erste Antworten liefern.

Termine und Downloads

14. November 2019: Prof. Dr. Dirk Baecker (Universität Witten/Herdecke), CONTEG007, 17:30–19 Uhr: Energievergessene Wissenschaft?
28. November 2019: Dr. René Mono (100 prozent erneuerbar stiftung, Berlin), CONTEG007, 17:30–19 Uhr: Inklusion statt Partizipation? Der lange Weg zu einem Gemeinschaftswerk Energiewende
12. Dezember 2019: Daniela Berglehn und Stipendiat*innen (innogy Stiftung, Essen), Raum 1.181, 17:30–19 Uhr: Energie in den Künsten
9. Januar 2020: Dr. Martin von Brook (Wittenberg-Zentrum für Globale Ethik, Lutherstadt Wittenberg), Raum E110, 17:30–19 Uhr: Energie im digitalen Zeitalter
23. Januar 2020: Prof. Dr. Ortwin Renn (Institut für transformative Nachhaltigkeitsforschung, Potsdam), CONTEG007, 17:30–19 Uhr: Die Angst vor dem Risiko: Umgang mit Unsicherheit in postfaktischen Zeiten

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